Venedig - Als hätten wir geträumt
  

Ein Film von Wolfgang Ettlich und Hans Albrecht Lusznat

mit Antonella Bagaglio, Gianpetro Carraro, Adriano, Livio De Marchi, Emilio De Giulio, Franco Furlanetto, Dario Ferroni, Maruo Sementrato, Diletta Mozzato, Umberto Rosin, Mario Zorzeto, Ludovico De Lugi, Italo Libralesco, Gabriele Longo, Samuele Pbottacin, Garbiele Marchi, Anna Trevisan, Ricardo Mareschi, Schwester Carmelito

D 2000  113 Minuten
Dokumentarfilm  Digibeta  35mm
Regie: Wolfgang Ettlich
Kamera und Steadicam: Hans Albrecht Lusznat  bvk
Ton: Pepe Kristl
Endmontage: Henry Hauck
Produktion: MGS Film mit Unterstützung des Bayrischen FilmFernsehFonds
Filmfest München
24.06.2000 17.30 Uhr Arri Kino
26.06.2000 15.00 Uhr Maxx2

Erstsendung am Sonntag 18.11.2001  ARTE
 
  
Es ist sieben Uhr morgens - Venedig macht sich bereit für den Tag.  Der Blick der Kamera gleitet über das dunkle Wasser, in den Wellen bricht sich das gelbe Licht des Sonnenaufgangs.  Ein Transportboot fährt die Kamera zwischen der Giudecca und den Zattere in die noch unberührte Stadt hinein.
Auf einem frühmorgendlichen Gang führt uns die Kamera durch den Stadtteil Dorsoduro. Hier leben Studenten, Arbeiter und kleine Geschäftsleute: die Venezianer. Wie auf einem Spaziergang fängt die Kamera das Alltagsleben der Menschen, fernab von den Touristenströmen, ein.
Das sind die schönsten Stunden des Tages, in denen Venedig den Venezianern gehört: dem Strassenkehrer, dem Käsehändler, dem Schuster,

 

der alten Weinhändlerin, dem Transporteur, dem Barbesitzer...
Die Kamera zeigt ohne Unterbrechung in einer 113 Minuten währenden Einstellung das Alltagsgesicht Venedigs: zufällig und doch bestimmt durch das, was hier schon immer das Leben ausmachte.
Der Film ist ein Gleiten über Brücken, an Kanälen vorbei und durch Gassen, von denen aus sich Plätze öffnen, um dann wieder in die enge und das Labyrinth der Stadt einzutauchen.  Entlang dieser visuell berauschenden Steadicamfahrt begegnet die Kamera - im Stil von cinema directe - immer wieder Personen, die in Venedig zu Hause sind und uns einen persönlichen Einblick in ihr Leben geben.
(Pressetext MGS)


Steadicam Marathon durch Venedig

 
113 Minuten Dokumentarfilm Venedig - als hätten wir geträumt


Im Herbst 1999 habe ich in Venedig für einen Film über Caneletto einige Steadicamaufnahmen gemacht und bin nächtens durch die vielen Gassen gestreift. Keine andere Stadt schien so gebaut für eine sehr, sehr lange Steadicam Fahrt und als ich mit Wolfgang Ettlich dann über die Idee sprach, hat sie sich sehr schnell konkretisiert. Während einer 90 Minuten Steadicamfahrt durch die erwachende Stadt wollten wir verschiedensten Menschen treffen, die in Venedig leben und arbeiten. Es war von Anfang an ein Experiment.
Wolfgang Ettlich fährt Anfang 2000 zum ersten Mal nach Venedig, um das Projekt vorzubereiten. Er findet einen Weg durch Dosoduro, der vielversprechend ist und lernt Matina Rähr kennen, die in Mestre seit Jahren mit einem Italiener verheiratet ist und mit der Cooperative Limosa naturkundliche Führungen durch Venedig und die Lagune veranstaltet. Sie wird die Interviewerin im Film sein. Anfang Mai fahren wir für eine Woche nach Venedig, um den Weg festzulegen und zu testen. Jeden Tag gehen wir mit einer DV Kamera auf dem Steadicam Jr. den Weg ab, machen Testaufahmen, überlegen Verbesserungen, wählen Leute aus, die wir besuchen können.

 

Zwei Tage vor dem Drehtermin sind wir in Venedig. Es gibt immer noch etwas vorzubereiten. Wie zu erwarten, hat sich im Laufe eines Monats der Sonnenstand gewaltig verändert. Die Sonne steht jetzt höher aber immer noch flach und das bedeutet, daß sie an etlichen Stellen des Weges in die Gassen scheint wir mit unseren eigenen langen Schatten zu kämpfen haben.
Morgens um 6.30 checken wir die Ausrüstung; kurz nach 7 Uhr sind wir am Fondamento Zattere verabredet. Nicola wird uns dort mit einem Lastkahn abholen. Das Wetter ist bedeckt. In der Nacht hat es den vorhergesagten Regen nicht gegeben, jetzt schaut es nicht besonders günstig aus. Wenn es bedeckt bleibt ohne Regen, ist das Wetter ideal. Wir werden uns dann keinen Schatten machen und den Kontrastumfang zwischen Innen- und Außensituationen besser bewältigen.
Die Rucksäcke mit den Akkus und Kassetten sind verteilt, in 2 Portionen. Die Funkgeräte für die Vor- und Nachhut ausgegeben. Nach einem kurzen Fußmarsch sind wir an der Ausgangsposition und starten um 7.20 mit dem Boot.
Gleich am Anfang gibt es ein Riesenproblem. Auf dem Giudecca Kanal ist hoher Wellengang, und es weht ein heftiger Wind. Um Punkt 7.30 läuft die Kamera. Wir sehen nur  Wasser, dann schwenkt die Kamera langsam übers Boot und die Ladung. Der Wind ist so stark, daß das Steadicamrig nur mit ganz großer Mühe zu halten ist und die Bewegungen werden nicht so schön gleichmäßig, wie ich es mir wünsche. Wolfgang gibt mir mit einer Abdeckfahne eine Deckung gegen den Wind, aber das reicht bei weitem nicht. Wenn die Kamera einmal läuft, gibt es keinen Abbruch. Wir biegen in den Canale Grande ein, sehen St. Maria della Salute und erreichen nach 4 Minuten neben dem Palazzo Dario - jenem Unglückshaus, dessen letzte Besitzer alle einen schrecklichen Tod fanden - den schmalen nur für Gondel zugelassenen Rio Bianche, in dem wir vorwärtsfahren. Das erste Hindernis ist eine Planke, die nun in meinem Rücken vom Boot über die Stufen geschoben werden muss. Die Stufen sind mit Algen bewachsen und deshalb rutschig. Bis das Boot anlegt und ich über das Brett balanciere, unter lautem Krachen, vergehen einige Sekunden und nehmen der Fahrt die flüssige Bewegung. Aber ein Training unter Realbedingungen war nicht möglich.
Nun beginnt ein langer Fußmarsch entlang des Rio Bianche, über eine Brücke bis in einen Fleischereiladen, wo wir kurz beim Inhaber und einem Lieferanten verweilen. Im Gemüseladen nebenan treffen wir auf Antonella, eine Venezianerin, die uns nach einem kurzen Gespräch mit dem Landenbesitzer weiterführt bis zum Straßenfeger. Das Betreten des Ladens und die Rückwärtsbewegung hinaus klappen wunderbar. Ich habe den Armansatz auf der rechten und die Kamera auf der linken Seite. Links von der Kamera geht Martina, die die Fragen stellt. Hinter mir ist Anna mit der Genio Funkschärfe und einem Kontrollmonitor. Hinter beziehungsweise neben ihr geht Pepe mit dem Mischer, der Angel und zwei Senheiser Diversity Sendern zur Kamera. Hinter ihm ist Wolfgang mit 2 Walkies, eins um mit Luana in der Vorhut oder Sara in der Nachhut zu sprechen, das andere, um mir ins Ohr Regieanweisungen zu geben.
Jedesmal wenn ein Gespräch zu Ende ist, müssen die Letzten zuerst aus dem Laden, damit ich langsam rückwärts gehen kann, um dann wieder in die Gasse einzuschwenken. Die ersten zwei Geschäfte haben wir bestens bewältigt, jetzt folgen wir Antonella durch die Calle Chiesa. Am Rio di S. Vio kommt zufällig eine Straßenfegerin mit ihrem Schubkarren um die Kurve und nimmt uns ein Stück mit. Wir nähern uns bei Accademia der ehemals nur zum Behelf erbauten Holzbrücke mit 50 Stufen hinauf, mein erstes großes Ziel: „wenn ich die schaffe, dann ist der erste Teil schon ganz gut gelaufen“. Von weitem hört man schon den Saxophon Spieler. Bei ihm verweilen wir mit Blick auf den Canale Grande in nördlicher Richtung, schwenken dann auf die andere Seite auf einen Maler, der den Blick mit St. Maria dela Salute malt. An der Ecke treffen wir Emilio De Giulio, Venezianer und Besitzer einer Bar seit mehr als 20 Jahren. Er nimmt uns mit ein Stück des Weges zum Fischmarkt. Nun kreuzt der Weg wieder den Canale Grande, diesmal mit einem Traghetto. Für uns liegt natürlich ein extra Boot bereit. Ich kann gut einsteigen. Doch mit der Abfahrt gibt es ein Problem, weil niemand aus dem Tross das Seil löst. Als dann Emilio sich aus dem Bild bückt, stößt er ans Steadicam, einen Schlag, den ich wegstecke: Keinen Abbruch. Wir schaffen die Fahrt sehr gut. Bei der Probe war der Wasserstand ein anderer und nun ist der Höhenunterschied  wesentlich größer. Beim Aussteigen ist unser Begleiter dann wieder hilfsbereit und packt mich beim Arm, bringt mich aus der Balance, was ich nur durch heftiges Gimassenschneiden abwehren kann. Der Sprung auf den Ponton vor dem Palazzo Pisani Moretta mißlingt dann freilich, ist aber im Film nur halb so schlimm, wie ich ihn erlebte. Auch beim Aussteigen gibt es wieder Irritationen in meinem Rücken, weil Anna das Boot festhält und Wolfgang plötzlich vor ihr aussteigt, kommt sie mit dem Blendeziehen nicht nach. Dennoch erreichen wir nach 40 Minuten ohne größere Fehler das Innere des Palazzo und unterhalb eines Gemäldes wische ich mit der Kamera dicht über die Wand um den ersten Schnittpunkt zu verstecken. Kassetten und Akkuwechsel.


Am Fondamenta Gheradini bittet uns Ludovico de Lugi in sein Atelier. Schon sein Großvater war Maler in Venedig. Er nimmt uns mit zum Campo Santa Margherita. Diesmal fährt die Kamera seitlich vorweg; auch dieses Manöver klappt hervorragend, ohne daß einer vom Team ins Bild kommt. Unterwegs trifft der Maler einen Freund, sie plaudern zu zweit und schließlich hängt sich ein Mann bei ihnen ein und bettelt um Geld. Im Eierladen geht der Besitzer in meinem Rücken auf mich los und es kostet einige Mühe, ihn davon abzuhalten, gewalttätig zu werden. Bei der Vorbereitung hatte man vergessen ihn zu informieren. Und weil ich aus dieser Situation weg will, ohne unterbrechen zu müssen, schwenke ich vom Laden weg auf den Platz. Anna in den Streit eingebunden und zeitweilig ohne Monitorbild reagiert zu spät mit der Blende.
Auf dem Campo Santa Margherita liegt der zweite Schnittpunkt in einer Fahrt über das Pflaster versteckt. Weil inzwischen doch die Sonne durchkommt muss ich den ND Filter wechseln und so gibt es eine Überblendung, als wir die Camini Kirche nach der Durchquerung verlassen. Am Ausgang stoßen wir auf den Transportunternehmer Gabriele der uns mit seinem Boot mitnimmt, während er die letzten Pakete ausliefert. In der Calle Avogaria läßt uns Anna Trevisan in ihr Haus. Wir erklimmen eine steile Treppe und finden im 1. Stock eine herrschaftlich eingerichtete Wohnung mit Blick über die umliegenden Hausdächer. Auf dem Weg hinaus merke ich mit Entsetzen, daß die Haustür ins Schloß gefallen und der Rückweg abgeschnitten ist. Die Situation läßt sich nur mit einem Schwenk in den Hof retten, während Martina an der Kamera vorbeieilt, um die Tür zu öffnen und sich zu verstecken. Wir treffen Richardo, einen Barbesitzer mit vorwiegend jungem Publikum. Er gibt sich wortkarg, ist angesichts der Kamera gestresst und flüchtet sich in seine Arbeit. Auf dem Campo San Raffaele begegnet uns Schwester Carmelita des San Guiseppe Ordens und weil sie mit ihrer Rede kein Ende findet und die sich langsam entfernende Kamera hartnäckig verfolgt, gibt es auch hier auf den letzten Metern einen Neuanfang mit Blende. Als die Schwester uns dann verlässt, um mit den anderen Nonnen zu singen, bleibt die Kamera in einer Totalen stehen, nach 113 Minuten Laufzeit und 2 ½ Stunden nach Start der Dreharbeiten.
Eigentlich ist alles ganz gut gelaufen und wie immer bei einem Dokumentarfilm war vieles nicht vorhersehbar. Manche unserer Darsteller waren in den Vorgesprächen hervorragend, während des Drehs brachten sie dann nicht viel über die Lippen. Andere waren eine wahre Offenbarung. Ansonsten war der ganze Drehablauf eine gute Leistung und die Summe der Fehler sehr gering. Das Mikrofon taucht einmal kurz ins Bild, ansonsten hat Pepe Kristl perfekt geangelt. Und weil die Funkstrecke vom Steadicam zum Kontrollmonitor des öfteren ausfiel - teilweise waren die Audiosender daran schuld, manchmal wohl die Richtungen der Sende- und Empfangsantennen - war das Blende-ziehen bei starken Lichtwechseln kein Zuckerschlecken. Und weil die Tage zuvor volle Sonne, diesig und dann bedeckt waren, konnte wir uns auch nicht auf separate Messungen verlassen.
 

Als Operator kann ich nur sagen, es war eine gute Performance. Das Ergebnis hält natürlich nicht Stand mit den kurzen Steadicamszenen, die ich normalerweise drehe; aber 113 Minuten volle Konzentration waren schon eine besondere Herausforderung.
Zwei Stunden nach Ende der Dreharbeiten beginnen wir bereits mit der Postproduktion. Zunächst wird im Hotel eine VHS Kopie mit Timecode angefertigt und dann geht es ans Übersetzen. Manche Gespräche sind im Dialekt des Veneto geführt und nicht so einfach zu verstehen. Einen Tag später sind die Bänder in München bei Henry Hauck, der sie in sein Lightworks VIP System einspielt zusamenhängt und die Überlappungen beim Kassettenwechsel überblendet. Die Fassung ist 23 Minuten länger als geplant. Eine Kürzung könnte den Film straffen und würde das Budget für das Herstellen der Kopie nicht mehr als geplant strapazieren; dennoch entscheiden wir uns schließlich, ihn in voller Länge zu belassen. Drei Tage nach den Dreharbeiten wird das Masterband bei Atlantis in Hamburg auf 35mm Film überspielt. In München beginnt die Tonnachbearbeitung, Musikauswahl und Sprachaufnahme. Die Übersetzung wird für die Untertitel gerafft und nach Holland geschickt, wo sie in die fertige Kopie eingebrannt werden. 17 Tage nach den Dreharbeiten läuft der Film auf dem Münchner Filmfest.
 
Hans Albrecht Lusznat (BVK)

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