Der 360Grad Hype ist schon vorbei

29. September 2017

Das Alarmsignal für 360 Grad kommt vom Amerikaner Greg Passmore, dem einzigen älteren Referenten auf dem zweiten i4C Tag 2017 in München. Passmore betreibt seit langer Zeit eine Firma für 2D/3D/VR Projekte in Austin Texas und arbeitet in einer wirtschaftlichen Umgebung, die nicht durch ministerielle Fördergelder und sonstigen Hilfen beeinflusst wird. „360 Grad 2D kann man vergessen“, sagt er.

 

Filmarbeiten, für die er vor einiger Zeit noch Minutenpreise von 5.000 bis 20.000 Dollar aufrufen konnte, haben sich inzwischen bei 500 Dollar eingependelt.  Und 360 Grad 3D bleibt weiterhin schwierig, weil die 3D Probleme nicht gelöst seien und durchschnittlich 25% der Zuschauer 3D überhaupt nicht sehen können. Die Tiefenwahrnehmung ist individuell verschieden. „Junge Filmemacher haben eine unglaubliche Toleranz gegenüber Artefakten“ sagt er und die Produktionen in diesem Bereich grenzen an Körperverletzung. Das schlägt sich natürlich nicht günstig auf die Akzeptanz der Filme nieder. Zukunftsträchtig ist eine andere Form: Bei Volumetic VR Produktionen kann der Zuschauer die Szene betreten und permanent seine Perspektive wechseln und auch um Objekte herumgehen. Zum 360 Grad Bild kommt hier bei der Aufnahme noch eine genaue Tiefeninformation hinzu, die mit einem Raumscanner aufgenommen wird. 100 bis 1000 Ebenen pro Bild sind bei solchen Produktionen keine Seltenheit und die Etats bewegen sich für fünf Minuten im Bereich von 500.000 bis 5 Millionen Dollar. Schwierig ist auch die Wiedergabe. Der Zuschauer muss sich mit seinem Headset im Raum bewegen können, dafür braucht es Platz und die Gewissheit, dass man nicht gegen eine Wand oder Gegenstände stößt, was man bei den Demonstrationen dieser Technik durch eine Art betreutes Zuschauen mit einem Assistenten in den Griff bekommt, der auch die Kabel des Headsets nachführt.

Alle aufgezählten Schwierigkeiten bedeuten nicht, dass kein 360 Grad mehr gemacht wird. Im Gegenteil. Seit der Preis für einfache 360 Grad Kameras bei 300 Euro liegt und es auch schon Zusatzgeräte zum Smartphone gibt, lässt sich mit vielen Anwendungen beruflich kein Geld mehr generieren. Individuell hält sich auch der private Spaß in Grenzen, wie Hilmar Schmundt im Spiegel (34/2017) unter dem Titel „Alles sehende Wollmilchkameras“ seine Bemühungen beschrieben hat: …kaum Likes auf Facebook. Banausen! Oder liegt diese Missachtung daran, dass selbst Viertausender muckelig wie Maulwurfshügel wirken?“  (https://magazin.spiegel.de/SP/2017/34/152701658/index.html)

 

Kein Filmfestival ohne Spielecke für VR und 360 Grad. Fast alle Filme in diesem Bereich bleiben unter 10 Minuten, also eine gute Gelegenheit mit wenig Aufwand in die Weltspitze von 360Grad/VR vorzustoßen. Sergent James von (Alexander Perez/7 Minuten/2017) ist einer dieser Abräumer, der von Festival zu Festival weitergereicht wird. Die Kamera (sprich der Zuschauer) liegt unter dem Bett eines Jungen und gibt einen 270 Grad Blick (der Rest ist Wand) in das Chaos des Kinderzimmers preis. Die Mutter macht das Licht aus und im dunklen Zimmer beginnt ein Eigenleben.  Das Alles ist recht hübsch. Neu ist nichts. Die Kamera ist fixiert, der Blickwinkel beschränkt und der Spaß hält sich in Grenzen.

Im Journalismus ist die Grundidee von 360 Grad von Haus aus problematisch. Hier stehen sich die genaue authentische Reproduktion von Ereignissen und eine reflektierte und im Zusammenhang bewertete Betrachtung der Ereignisse gegenüber. Ersteres würde eine fest installierte Überwachungskamera alleine schaffen, das Zweite schafft nur ein guter Journalist, dem ich als Leser/Zuschauer trauen kann. Julia Leeb klappert die Krisengebiete dieser Welt ab und glaubt mit 360 Grad Bildern ein unverfälschtes Bild der Situation wiedergeben zu können. Dabei will sie nach eigenen Worten nichts Geringeres, als die Welt verbessern, was natürlich bei der Präsentation von Ausschnitten ihrer Arbeit gleich Zuspruch erfährt. Aber was nützt ein Blick in ein Kongolesisches Dorf in der War-Zone? (https://www.youtube.com/watch?v=JPFZjvGvifE)

Auch wenn da UN Beobachter kaum hinkommen? Auch da stehen nur Schwarze zwischen Hütten herum und fragen sich, was die Weiße da macht. 360 Grad ist nicht von Haus aus die Wahrheit, und auch nicht das Mittel, um die Welt zu retten oder besser zu machen. Immersiver Journalismus ist gefährlich, und wenn wir ehrlich sind, am Schluss rettet eigentlich jeder nur sich selbst.