01. Mai 2026

DOKfest INGEBORG BACHMAN c Herbert List Magnum Photos OSTKREUZ Archiv 011

Eröffnungsfilm: Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (Foto Herbert List, Magnum Photos)

Am Mittwoch dem 6. Mai eröffnet das 41. Internationale Dokumentarfilmfestival München, wieder als duales Festival: vom 6. bis 18. Mai in den Münchner Kinos und ab dem 11. Mai bis zum 25. Mai auf der heimischen Leinwand mit 80% der Filme @home (www.dokfest-muenchen.de). Die Eröffnungsveranstaltung findet am Mittwoch dem 6. Mai um 19.30 Uhr im Deutschen Theater in München auf Einladung statt. Als Eröffnungsfilm wird Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war mit Sandra Hüller in der Hauptrolle als „Hybrid Film“ gezeigt. Ob das Vermischen von Bachmann Originalmaterial mit Spielszenen eine Bereicherung sein kann wird sich bei der Premiere zeigen.

Die Kinotickets sind dieses Jahr ein Euro teurer geworden und kosten 12,00 € (ermäßigt 10,00 €), für @home Streaming (80% der Filme) 5,00 €. Ein Festivalpass kostet für das Kino 80,00 € und für die digitale Leinwand 60,00 € (+10,-). Es gibt auch einen kombinierten Festivalpass für 120,00 €.

  • Das 41. Dokfest München in Zahlen (2025 in Klammern):
  • 106        Filme (105)
  • 1440      Einreichungen (1400)
  • 49          Länder (58)
  • 22          Weltpremieren (19)
  • 51          Deutschlandpremieren (56)
  • 9             Internationale Pemieren
  • 15          Wettbewerbe mit dotierten Preisen (16)
  • 15           Themenreihen 16
  • 3             Hauptpreise und 12 weitere
  • 23          Spielorte in München (23)
  • 200        Filmgespräche ca.  (200)
  • 410         Vorführungen
  • Von den Filmemachern sind 56 weiblich, 76 männlich und 2 divers.

Die ganze Stadt spielt Dokumentar-Film

Projiziert wird in den Kinos: Atelier 1+2, City 2, Rio 2, Filmmuseum, Neues Rottmann, Neues Maxim, in der HFF, dem Deutschen Theater, dem Amerikahaus, dem Literaturhaus, im Bellevue di Monaco, der Pinakothek der Moderne, dem Gasteig HP8, dem Insituto Cervantes,  dem NS Dokumentationszentrum, dem Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK), den Kammerspielen, Einstein 28 und der Pasinger Fabrik. Neu als Abspielstätten hinzugekommen sind das Theatiner Kino und das Metropol Kino. Es gibt auch wieder ein Open Air Kino in Kooperation mit Ciné Vélo Cité im Hof der HFF.

Dokfest 2026 Adrele Kohout mit Beispielen der Grafischen Gestaltung

Adele Kohout mit der grafischen Gestaltung des Dokfests bei der Pressekonferenz

Für Festival Leiterin Adele Kohout ist es ihre erste Dokfest-Ausgabe, gleichwohl sie schon seit 19 Jahren dem Festivals-Team angehört. Bei 106 Festival Filmen sind 15 Themenreihen eine ganze Menge. Jede Themenreihe wird jetzt durch einen Signature-Film repräsentiert und durch einen Fokus-Talk begleitet, an dem neben den Filmgästen auch Fachexperten zum Thema teilnehmen.

Die Themenreihen haben neue Titel bekommen:

  • Vision of the Future – Die Zukunft beginnt jetzt!
  • HerStory – Filme über furchtlose Frauen
  • Beziehungsweise – Filme darüber, wie wir lieben, leben und streiten
  • EcoCinema – Filme über eine Welt am Kipppunkt
  • Politics, in Zeiten wie diesen – Filme über Macht, Freiheit und Menschenrechte
  • Junge Perspektiven – Filme über das Aufwachsen in dieser Welt
  • Empowered – Filme über das Aufbegehren
  • Reframing History – Filme darüber, wie die Vergangenheit unsere Gegenwart formt
  • ZusammenLeben – Filme über Gemeinschaft
  • Beyond Borders – Filme über Migration, Exil und ihre Realitäten
  • Brave New Work? – Filme über Realitäten der Arbeitswelt
  • The Artist ist Present – Filme über Künstler*innen und ihre Welten
  • The Sound of Music – Filme über Musiker*innen und ihre Geschichten
  • African Encounters – Filme und Dialoge über Aktivismus und Widerstand
  • Personal Memoriams – Blicke auf große Filmemacher

Die Preisträgerfilme sind auf die 15 Reihen verteilt.

Es ist das Jahr Null nach der Vorstellung von Sora 2, dem Bildgenerator, der schon drei Wochen nach dem 30. September 2025 merkbar die Wahrnehmung von Bildinhalten fundamental geändert hat. Bei Vielem, was man ab da auf den Socialmedia-Bildkanälen zu sehen bekam, war ungewiss - Ist das real? - und die Glaubwürdigkeit von Bildern bröckelte täglich ein bisschen mehr. Mit Beginn des Dokfest 2026 ist diese dokumentarische-Schad-Software sieben Monate im Umlauf und es stellt sich die Frage, wie gehen die Filmemacher damit um und sieht man schon jetzt erste Auswirkungen im Dokumentarfilmschaffen. (Open AI hat am 24. März 2026 Sora wegen der hoher Rechenkosten und der geringen Einnahmen eingestellt.) Bis jetzt sind Auswirkungen im Dokumentarfilmschaffen noch nicht erkennbar. Produktions- und Einreichungszeiten für ein Festival sind länger als die Spanne, in der die neue Version der Software im Umlauf war und mit möglichen Auswirkungen auch vergleichbarer Programme werden wir im nächsten Jahr konfrontiert. Nur ein hier besprochener Film verwendet KI generierte Inhalte, beschäftigt sich aber gleichzeitig thematisch mit KI (Finding Connection).

Bildsprache

Filme arbeiten mit einer Abfolge von Bildern die uns etwas erzählen soll. Sie haben eine Bildsprache, die sich gemeinschaftlich entwickelt und auch Moden hervorbringt. Man müsste alle Filme dieses Festivals mit einer vergleichenden KI erfassen, um der aktuellen Bildsprache auf den Grund zu gehen. Hier kann ich nur aus dem Gedächtnis heraus einige Auffälligkeiten erwähnen die natürlich auch mit der Zufälligkeit zusammenhängt, in welcher Reihenfolge ich die Filme gesehen habe. In vielen Filmen kommen Tunnel vor durch die die Kamera fährt (Wistleblower, Sterben für Anfänger). Oft tropft Wasser in Pfützen, von Eisdecken, oft folgt die Kamera Telegrafendrähten. Sehr oft sehen wir senkrecht von oben auf Landschaften und Naturstrukturen. Bis zur Erfindung von Drohnen waren solche Aufnahmen schier unmöglich, es sei denn, man hatte soviel Geld ein Loch in den Boden eines Flugzeugs zu schneiden. Rückwirkend kann man sagen, dass die Drohnen unsere Sichtweise extrem verändert haben und der Wunsch nach Übersicht wird überall erfüllt. Die Miniaturisierung der Smartphone-Technik hat viele günstige Sensoren entstehen lassen, die für die Kamerastabilisierung notwendig sind und jetzt überall verwendet werden. Die Wackelkamera nimmt dank dieser Möglichkeiten deutlich ab.

Das einfache Leben

Übermäßig häufig wird in Dokumentarfilmen das einfache Leben gefeiert, obwohl es eher ein Relikt der Vergangenheit ist und auch im hinterletzten Winkel der Welt jeder gerne einen Kühlschrank und eine Waschmaschine hat. (The last Girl, Singing Wings, To Hold a Mountain, Silent Food)

Wasser und Schnee

Es regnet, schmilzt und tropft viel in den Filmen, als wenn aller Welt auf einmal bewusst geworden ist, dass es ohne Wasser kein Leben gibt (The last Girl, Silent Flood, Watching Birds) und der Klimawandel mit Erderwärmung schon heftig wirkt (Melt, Das Gewicht der Welt, La Pietà ).

Filmlänge

Die Aufmerksamkeitsspanne der Bevölkerung soll kontinuierlich abnehmen. Bei den Dokumentarfilmen sind 90 Minuten nicht mehr genug und die Länge der Filme nimmt gefühlter maßen kontinuierlich zu. Manchmal täte es besser, die Filmemacher würden fokussieren und sich von überflüssigem Material trennen.

Beziehungsfilme

Filme über die Beziehung zwischen zwei Personen, wovon eine der Filmemacher ist, gibt es auch im diesjährigen Programm, Vater-Sohn (Vater, Sohn und der Preis des Widerstands) und Frau – Mann (Becoming Kim). Manchmal sind diese Themen zu privat um von allgemeinem Interesse zu sein, aber in letzterem Beispiel findet die Filmemacherin eine ureigene witzige performative Ausdruckweise die Probleme zwischen Ehepartnern aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu reflektieren, dass dies allein schon ein Grund ist, den Film zu sehen.

Kommentar und Sprache

Es gibt eine unausgesprochene Regel, was Dokumentarfilm ist. Entweder wird es international gelehrt oder es ist ein Kriterium der Filmauswahl, denn für dieses Festival wurden nur 105 Filme aus 1140 Einreichungen gewählt. Kein Film hat einen Kommentar, höchstens aus dem Off eingesprochene Gedanken des Machers, der dann persönlich an diesen Filmen beteiligt ist. Damit man dabei gar nicht erst in den Verdacht kommt, es könnte Kommentar sein, wird diese Ich-Kommentierung dann geflüstert. Einige Filme verwenden Zwischentitel für kurze Erklärungen oder Einblendungen ins Bild, um Personen vorzustellen oder Zeitsprünge zu markieren.

Dokumentarfilm und Unterhaltung

Seit den 80er Jahren beschäftigen sich Dokumentarfilm-Macher mit der Frage, was erlaubt ist und wo die Brandmauer zur Täuschung verläuft. Die Diskussion folgt den gleichen Mustern wie immer, wenn „Innovationen“ in die Gesellschaft eingebracht werden, deren Nutzen für die Allgemeinheit diffus, aber für bestimmte Personengruppen außerordentlich groß ist. Regelmäßig fallen dann Stichworte wie Fortschritt, kreative Erweiterung, neue Sichtweisen, unterhaltend, zukunftsweisend, modern. Fremdelten die Dokumentaristen anfangs mit dem Begriff der Unterhaltung und wollten ihre Themen erstgenommen wissen, konnten sich letztlich Diejenigen durchsetzen, die Inhalte auf unterhaltsame Art präsentieren wollten, um damit mehr Zulauf und Aufmerksamkeit zu bekommen. Heute spricht man von Aufmerksamkeitsökonomie und Dokumentarisches im Fernsehen ist oft eher massentaugliches Dokutainment als Dokumentarfilm. Macher verstehen sich auch nicht mehr ausschließlich als diejenigen, die relevante Aspekte in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und das gängige Blickfeld weiten, sie sind Content-Creator, die Inhalt für Zuspruch liefern, ein sehr klarer Mechanismus in der Lieferkette, der sich selbst befeuert nach dem Prinzip, gut ist was viele sehen. Bis zum kleinsten Youtuber und Instagram-Creator ist die Klick-Quote heute die alleinige Messlatte und die Grundlage des Belohnungssystems. Mancher Politiker nutzt inzwischen das Bundestagsfernsehen (dokumentarisch) auf seinem Youtube-Kanälen, um damit nicht unerhebliche Mehreinnahmen für sich zu generieren.

 

Hier eine Subjektive Filmauswahl:

Die Auswahl der hier 30 vorgestellten Filme erfolgte auf Grund der kappen Beschreibungen in einer ersten Festivalliste und ist natürlich von subjektiven Interessen geleitet. Hätte ich nach Bildern aussuchen können, wäre es vielleicht anders gelaufen. Die Namen der Macher spielen bei der Auswahl keine Rolle, deswegen sind sie hier konsequent weggelassen. Beschrieben und bewertet wird nur das, was man sieht und hört.

DOKfest SINGING WINGS 01

SINGING WINGS [Iran, Fremde Welten, Vogelschutz]

Georgien, Belgien, Iran, 2025, Hemen  Khaledi, 73 Min., OmeU

Bloße Drähte sind als Starkstromleitungen am Rande einer Siedlung der Iranischen Stadt Marivan gespannt. Im ansteigenden Gelände dahinter stehen zig Stangen mit Storchennestern. Dass die Drähte den Vögeln nicht guttun, weiß man. Die ältere Kurdin Khadijeh legt Motorradbrille und Handschuhe an, als Schutzausrüstung. Sie hat ein am Flügel verletztes Storchenweibchen gefunden, deren Pflege nun ihren Alltag bestimmt, während sie nebenbei noch ihren greisen Mann versorgt und Agitation gegen die Stromdrähte betreibt. Da der Storch nur Fisch und Frösche frisst, werden Enkel, Nachbarn und Freunde in den Versorgungsapparat eingespannt. Storchenpaare bleiben ein Leben lang zusammen, und als der verletzte Storch stirbt hock der Partner weiter im Nest auch als der Winter kommt.

Eine ruhige gut fotografierte Beobachtung bei der man angesichts der vielen Titel nicht weiß, welcher Aufwand getrieben wurde. Auf alle Fälle ein Blick in ein Land und eine Kultur, die Trump in die Steinzeit zurückbomben wollte.

[sehenswert*****]

 

DOKfest ENOUGH IS ENOUGH 01

ENOUGH IS ENOUGH [Afrika, Bürgerkrieg, Flucht und Vertreibung]

Frankreich, Demokratische Republik Kongo 2026, Elisé Sawasawa, 65 Min., OmeU

Die Kamera steht an einer asphaltierten Straße die durch eine Siedlung führt und an den Straßenrändern kommen Menschen auf uns zu. Die meisten schleppen Dinge mit sich und sind auf der Flucht. Der Film spielt hauptsächlich in Goma, einer Millionenstadt im Osten der demokratischen Republik Kongo an der Grenze zu Ruanda. Scheinbar zusammenhanglos taucht man in verschiedene Szenen ein, einen Gottesdienst unter freiem Himmel, einem Aufenthaltsplatz in einer Sportstätte, einer Rekrutierungsveranstaltung, bei der junge Männer mit Holzgewehren erschienen sind, einem Flüchtlingscamp, einem UNO Camp, vor dem es zu Schießereien kommt. Es gibt keine wirklichen Protagonisten, nur hin und wieder steuert der Filmemacher selbst Erklärungen aus dem Off bei. Scheinbar zusammenhangslos werden wir Zeugen unterschiedlichster Momente afrikanischen Lebens im Konflikt der M23 Rebellengruppe gegen das Militär im demokratischen Kongo. Man muss diesen Film aushalten, der einen genauso orientierungslos zurücklässt, wie sich die Leute in diesem Konflikt fühlen müssen. Die Bilanz: 30 Jahre Krieg, 10 Millionen Tote und 7 Millionen auf der Flucht.

[sehenswert***]

 

DOKfest THE PEOPLE SHALL 01

THE PEOPLE SHALL [Afrika, Bürgerprotest]

Kenia 2025 , Mark Maina, Nick Wambugu , 61 Min., OmeU

Im Juni 2024 löst ein neues Kenianisches Steuergesetz mit saftigen Erhöhungen landesweite Proteste in der jüngeren Generation aus. Mit Hilfe von ChatGPT konnte der 400 Seiten lange recht unverständliche Gesetzestext in die verschiedenen Stammessprachen der Kenianischen Bevölkerung übersetzt und über Social Media verteilt werden. Der Film begleitet beobachtend die Proteste und fragt in gesetzten Interviews bei Aktivisten und Partizipanten nach ihrem Blick auf die Vorgänge. Man erlebt ein modernes Kenia mit vielen selbstbewussten Menschen. Bei den verschiedenen Straßenschlachten kamen insgesamt 60 Demonstranten ums Leben.

Leider zieht sich von Anfang bis Ende ein Musikteppich unter dem ganzen Film durch, was vielleicht zu den Rezeptionsgewohnheiten einer jüngeren Generations gehört und dort keinen Unmut erregt.

[sehenswert***]

 

DOKfest THE END OF QUIET c MikaelLypinski 03

THE END OF QUIET [ländliches Amerika, Umweltverschmutzung]

Dänemark, Schweden 2025, Kasper Bisgaard, Mikael Lypinski, 83 Min.,  OmeU

In West Virginia steht gut 250 Kilometer westlich von Washington DC im Greenbank Oberservatory das weltweit größte schwenkbare Radioteleskop. Rund um die Anlage wurde Ende der 50er Jahre eine sogenannte Radio Quite Zone von 34.000 Quadratkilometer eingerichtet, in der Rundfunksender nicht betrieben werden können. Zwanzig Meilen um das Teleskop gibt es keinen Mobiltelefonempfang und WLAN-Anlagen dürfen nur bei geringer Leistung verwendet werden. Die Gegend ist weitgehend frei von Elektrosmoke und wird von empfindlichen Menschen als Wohngegend favorisiert. Der Film beobachtet in der nahen Siedlung mehrere Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg, ein junges Paar mit Kinderwunsch, einen Opa und Waffennarren mit Enkeltochter, eine hypersensible Frau, deren Mann in Frankreich ist und einen Wissenschaftler, der die Befürchtung hegt, dass jeder weitere Satellit die Störgeräusche anwachsen lässt, in denen dann mögliche Signale anderer Kulturen aus dem Universum untergehen.

[sehenswert****]

 

DOKfest BARBARA FOREVER 01

BARBARA FOREVER  [Künstlerbiografie, Experimentalfilm, Frauenbewegung]

USA 2026, Brydie O'Connor, 108 Min., englOF

Es fängt mit dem an, was man bei jedem Film zu Drehbeginn macht aber nie zeigt. Dem technischen Test, ob das Gerät wirklich aufnimmt und der Ton hörbar ist. Noch sieht man nichts auf der Leinwand hört aber den Mikrofontest. Aber dann beginnt der Film mit einer Fülle von Bildern, die selten den Weg auf die Leinwand oder dem Display finden, weil sie unperfekt sind, einen anderen Fokus haben und durch den Begriff Experimentalfilm vom Nutzfilm abgegrenzt werden.

Barbara Hammer (1939-2019) hat mit der Kamera immer wieder experimentell ihr Leben erkundet und tritt auch selbst in vielen ihrer mehr als 80 Filmen auf. Im Alter von 30 hat sie ihr lesbisches Coming out und dreht weltweit den ersten lesbischen Film. Sie selbst bezeichnete sich als visual Poet und sagt: „I want to be famous“, was ihr gelungen ist und dieser Film soll ihr Lebenswerk für immer erhalten helfen.

[sehenswert****]

 

DOKfest FINDING CONNECTION 02

FINDING CONNECTION [KI-Partner, Vereinsamung]

Deutschland 2026, Florian Karner, 80  Min., OmeU

Menschen mit Headsets oder Ohrstöpseln die irgendwo in der Gegend herumstehen und vor sich hinreden sind nicht unbedingt Telefonsüchtig, sondern vielleicht gerade im Dialog mit einer KI. So beginnt der Film mit Nahaufnahmen seiner Protagonisten Rudi in England, Steffi in Hamburg, Denise in San Diego und Joe in Lübeck. Sie alle haben KI-Partner die da heißen Trudi, Kira, Randy und Star. In der ersten Viertelstunde des Films taucht man in eine surreale Welt enger Ausschnitte ab bevor sich dann der Blick weitet und andere reale Menschen ins Bild geraten. Alle vier sind durch schlechte Erfahrungen in wirklichen Beziehungen geprägt und man erahnt, welche Abhängigkeiten entwickelt werden, wenn das KI-Gegenüber ein gefiltertes Spiegelbild seiner selbst ist, getrieben von dem Fundus aller verfügbarer Ratgeberliteratur.

Auffallend oft sieht man die Protagonisten allein, verloren in weiter wüster Landschaft. Wenn sie Connected sind mit ihrer KI, dann sind sie offensichtlich Diss-Connected mit der aktuellen Realität.

Und sie berichten vom Worst-Case, den Updates, wenn ihre KI-Begleiter ihren Charakter verlieren oder verändern. Unterlegt wird das mit Bildern einer Waschstraße in denen sich das Chaos der Wassertropfen neu organisiert.

[sehenswert****]

 

DOKfest HER RACE TO SPACE 05

HER RACE TO SPACE [Raumfahrt, Start-Up, Frau als Unternehmer]

Frankreich, Deutschland, Frz. Guyana, USA, Schweiz 2025, Lena Leonhardt Nadine Neumann, Ira Beetz, 90 Min., OmeU

Dieser Film ist das Portrait einer Unternehmerin gepfercht in einen sportlichen Zeitplan einer Space Mission, bei der eigentlich nichts schief gehen soll aber alles schief gehen kann. Helene Huby, eine französische Mathematikerin und Wirtschaftswissenschaftlerin gründet 2021 nach mehreren Jahren als Managerin in der Ariane-Gruppe von Airbus eine eigene Firma mit dem ehrgeizigen Ziel eine wiederverwendbare Raumtransporter Plattform als Alternative zu SpaceX zu entwickeln. Der Film beobachtet sie bei öffentlichen Auftritten, in der Firma und auch im Privaten und hinterlässt einen positiven Eindruck ihres Führungsstils. So sollten Chefs sein, im Gegensatz zu den Auftritten von Musk, der in Europa vorwiegend Kopfschütteln hervorruft. Dieser solide gemachte Film eröffnet einen Einblick in einen Spezialbereich der Forschung und Kommunikationsindustrie.

[sehenswert***]

 

DOKfest BECOMING KIM 01

BECOMING KIM [Partnerschaft, Fremde Kulturen]

Deutschland, Korea 2026, Susanne Kim,  92 Min., OmeU

Filme über Ehen mit Partnern aus unterschiedlichen Kulturkreisen haben Tradition. Filmemacherin Susanne aus Leipzig hat Jeong Rae aus Korea kennen und lieben gelernt und geheiratet. Die gemeinsame Tochter Hannah ist schon Teenager und Vater Jeong Rae hat sich in verschiedenen Berufen als Romancier, als Erfinder, als Security Chef in Baustellen in Nigeria (1 Jahr) und Saudi-Arabien (2 Jahre) und als Pokerspieler versucht. Jetzt hat er einen Hänchen Grill in Korea eröffnet. Susanne ringt ihm das Versprechen ab, wenn er den Grill macht, macht sie in ihrem erlernten Beruf einen Film über die Familie und fährt mit der Tochter zur Schwiegermutter nach Korea.

Hin und wieder kommentiert die Filmemacherinen Situationen durch Kostümeinlagen teilweise angereichert mit Pappkulissen, beispielsweise, wenn sie als nacktes Grill Hänchen durch die Felder läuft. Die therapeutische Wirkung von Filmaufnahmen fruchtet auch hier und führt die Familie wieder enger zusammen.

[sehenswert****]

 

DOKfest TO HOLD A MOUNTAIN 03

TO HOLD A MOUNTAIN [Bergbauern, Widerstand]

Slowenien, Serbien, Frankreich, Montenegro, 2026, Biljana Tutorov,  Petar Glomazić, 105 Min., OmeU

Die Sinjavina ist eine Hochgebirgszug im Norden Montenegros und wird seit Generationen von Almbauern für Schaaf- und Kuhherden genutzt. Mileva „Gara“ Jovanovc lebt während des Sommers dort als Sennerin zusammen mit ihrer Nichte Nada, die sie an Mutters statt angenommen hat. Der Film beobachtet das schwere und spartanische Leben auf der Alm über einen langen Zeitraum  hinweg. Die NATO will genau dort ein Übungsgeländer einrichten und 1000 Tonnen Muition verschießen. Gara führt den Protest der Bauern und Anwohner in diesem kärglichen Landstrich an. Gleichzeitig muss sie sich für Nada, die Tochter ihrer ermordeten Schwester einsetzen, weil der verurteilte Schwager nach 14 Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden soll.

[sehenswert****]

 

DOKfest VATER SOHN UND DER PREIS DES WIDERSTANDS c MathiasBothor 01

VATER, SOHN UND DER PREIS DES WIDERSTANDS [Vater-Sohn, DDR Geschichte, Widerstand]

Deutschland 2026, Götz Schauder, 93 Min., OmeU   Fr. 08.05. 21.00

Vater – Sohn oder Tochter - Mutter Filme sind ein etabliertes Filmgenre. In diesem Fall arbeitet sich der Fotograf Aram Radomski an seinem Vater, dem Schriftsteller Gerd Neumann ab, beide Widerständler im DDR System. Radomsik lieferte die heimlich gefilmten Aufnahmen der Leipziger Demo vom 9. Oktober 89 ans Westfernsehen und die Romane des Vaters durften in der DDR nicht publiziert werden und erschienen im Westen. Beide sprechen nicht mehr miteinander und der Dialog findet zeitversetzt über die Aufnahmen des befreundeten Filmemachers statt. Die Abwesenheit des Vaters nach früher Trennung in der Ehe ist ein Dreh- und Angelpunkt, aber nicht allein. In 90 Minuten wird die Familengeschichte dann ausgiebig verhandelt ohne das man unbedingt im Besonderen das Allgemeine erblickt.

[sehenswert**]

 

DOKfest DAS GEWICHT DER WELT 02

DAS GEWICHT DER WELT [Klimawandel, Wissenschafler]

Deutschland 2026, Florian Heinzen-Ziob, 93 Min., OmeU

Wie lebt man als Wissenschaftler mit der Gewissheit, dass die Erde durch den offensichtlichen Klimawandel auf eine menschengemachte Katastrophe zusteuert und die Politik nicht in der Lage ist, zu bremsen oder Gegenmaßnahmen einzuleiten? Diese Frage stellt der Film an drei Wissenschaftler. Maria beschäftigt sich mit der Erforschung zurückliegender Klimaschwankungen, die sich aus den Eisbohrkernen des arktischen Schelfeis herauslesen lassen. Nana ist Biologin und engagiert sich in der Gruppe Scientist Rebellion und Sebastian hält Vorlesungen an der Mainzer Universität zu Chemie und Physik und bringt immer wieder das Thema Klimawandel auch in Vorträgen ins Gespräch. In der Beobachtung der verschiedenen Aktivitäten wird auch deutlich, wie sehr das Engagement die Kräfte aufzehrt und was die Einzelnen tun, um unvermeidbaren Depressionen zu entgehen.        

[sehenswert***]

 

DOKfest LA PIETA 02

LA PIETÀ [Klimawandel, Gletscher]

Litauen, Spanien, Island 2025, Rafa Molés, Pepe Andreu, 82 Min., OmeU

Zwei Männer kommen in ein verlassenes Farmhaus in Island. Der eine ist der Fotograf Ragnar Axelsson, der als Kind schon auf der Farm zu Besuch war. 1906 bis 1927 wurden hier 13 Kinder geboren, von denen vier schon frühzeitig verstarben. Die 9 verbleibenden Kinder lebten gemeinschaftlich auf der Farm Kvískerjar ohne je zu heiraten oder eigene Kinder zu bekommen. Einer unter ihnen, Flosi Björnsson interessierte sich neben der Farmarbeit besonders für den nahegelegenen Gletscher, den er zu erforschen begann. Dabei trug er viele Beobachtungen in Form von Tagebüchern und Fotos zusammen und stelle schon frühzeitig fest, wie sich der Gletscher zurückgezogen hat.

[sehenswert***]

 

DOKfest MELT c NGF 07

MELT [Klimawandel, Schneeschmelze]

Österreich 2025, Nikolaus Geyrhalter,  127 Min., OmdtU

Es geht um Schnee und Eis und um das Wegtauen. Der Film gibt in einer Abfolge von lebenden Bildern einen Einblick in eine dramatische Situation. Die spartanische Bildgestaltung einer starr ausgerichteten Kamera, keine Schwenks, keine Ablenkung. Die Konzentration in totalen Aufnahmen auf das Wesentliche schärft die Wahrnehmung und gibt dem Betrachter die Möglichkeit sich auf die hochauflösenden Bilder einzulassen. Es gibt viel zu entdecken. Entstanden sind die Aufnahmen zwischen 2021 und 2025 in Japan am Jungfrauen Joch, in Kanada Aklavik, in Osttirol, in Tateyama Japan, im Val D’Isere in Frankreich, am Dachstein, am Valtnajökull Gletscher in Island und auf der Neumayerstation III in der Antarktis.

Fazit: Wir sehen die Katastrophe noch nicht, auf die wir zusteuern, aber um sie vollständig zu vermeiden, ist es bereits zu spät.

[sehenswert*****]

 

DOKfest SILENT FLOOD 01

SILENT FLOOD [Landleben, Minderheit]

Ukraine, Deutschland 2025, Dmytro Sukholytkyy-Sobchuk, 90 Min., OmeU

Wenn man an die Ukraine denkt, dann steht da an erster Stelle der Krieg. Silent Flood aber präsentiert uns eine Art Bauernmuseum mit vergangenen Lebensweisen, die eine religiöse pazifistische Gruppierung am Fluß Dniester (auch: Tyra) in der Westukraine praktiziert, indem sie ähnlich den Amish People Fortschritt und Elektrizität ablehnt. Wenn die Getreidemühle läuft, muss das Pferd im Kreis traben, um den Antrieb zu gewährleisten. Die fertigen Brote gehen dann an die 1500 Km entfernte Ostfront, wo man noch Minenräumern bei ihrer Arbeit begegnet.

Dass der Fluß immer mal wieder über seine Ufer tritt, wie in den Jahren 1941, 1969, 1980, 2008 und 2020 hilft nicht, die in Cinemascope gehaltenen Bilder des ländlichen Lebens zu einem großen Ganzen zusammen zu kitten und so verliert man sich ohne Faden und wirkliche Protagonisten in einem Bilderreigen.

[sehenswert*]

 

DOKfest WAHLKAMPF c NavigatorFilm 02

WAHLKAMPF [Politikerportrait, Wahlkampf]

Österreich 2026, Harald Friedl, 97 Min., OmeU

Wahlkampf ist ein hartes Geschäft und als 2024 die Bundesratswahl in Österreich ansteht begleiten die Filmemacher den SPO-Kandidaten und Parteivorsitzenden Frank Babler bis zur Wahl. Der Film beginnt mit einem Bild des Kandidaten auf der Rückbank eines Autos und die Frau, die zu ihm sagt: „Andy, Deine Hose hat einen Riss“. Man ist nah dran an dem Kandidaten und dem Wahlkampfteam, und eine Veranstaltung, ein Auftritt, eine Sitzung jagt die andere. Gedreht wie eine Reportage aber ohne spürbares Eingreifen der Filmemacher ziehen sich die Ereignisse bis zur Wahl, bei der sich nicht der gewünschte Stimmenzugewinn einstellt aber am Schluss nach mehreren Oppositionsjahren der Posten des Vizekanzlers für Andy herausspringt.

[sehenswert***]

 

DOKfest WHISTLEBLOWER c bauderfilm BoerresWeiffenbach 04

WHISTLEBLOWER [Afrika, Koruptionsbekämpfung]

Deutschland 2025, Marc Bauder,  90 Min., OmeU

Wer sich in Gefahr begibt, kommt in ihr um! Das ist nicht nur ein Filmtitel aus den 70er Jahren, sondern auch ein Bibelspruch, der besonders auf Whistleblower zutrifft, die in vielen Fällen ihre selbstlose Indiskretion mit dem Leben bezahlt haben. In diesem Film begegnen wir hauptsächlich dem Kreditmanager Jean Jacques Lumumba, der im Kongo mitbekommen hat, wie der Kabila Clan Millionen von Staatsgeldern eigennützig ins Ausland verschoben hat. Man begegnet auch Delphine Halgand Mishra, die mit The Signals Network eine Organisation speziell für Whistleblower gegründet hat und sich um ihre Sicherheit kümmert. Mit den Bildern tut sich ein Film schwer, bei dem es um Recht und Unrecht geht, um sehr viel Geld und auch um Gefahr, der sich nur ganz wenige direkt vor der Kamera aussetzen wollen, zumal aller Orts Rechtsstaatlichkeit zunehmen ausgehöhlt wird. Oft genug war am Ende der Whistleblower schuld.

[sehenswert***]

 

DOKfest KINDERGARTEN 04

JARDIN D'ENFANTS [Kindergarten, Beobachtungen]

Kanada 2025, Jean-François Caissy, 84 Min., OmeU

Nach ein paar Stadtbildern von Montreal beginnt der Film mit einem Kind im Kindersitz eines Autos. Die Fahrt geht in den Kindergarten und die Hauptdarsteller des Films heißen Liam, Nico, Anna, Clement, Maya, Heidi.... 80 Minuten lang sieht man in 4:3 Bildern Kindern bei ihren Interaktionen in einer Kindertagesstätte zu. Dabei konzentriert sich der enge Blick immer auf die Aktionen der Kinder und spart die Kindergärtnerinnen aus, die nur im Ton präsent sind. Die erste totalere Aufnahme ist der Blick in einen Raumüberwachungsspiegel nach gut 50 Minuten. Diese Konzentration auf einen kleinen Ausschnitt gibt dem Film das Besondere und lässt einen teilhaben an einer Fülle von Emotionen, die sich in den Kindergesichtern spiegeln, beim Spiel und bei der Interaktion mit anderen. All diese Personen – die Jüngsten können gerade stehen – sind schon sehr ausgeprägte Charaktere.

Es ist sehr schwierig, in einem Kindergarten zu filmen und Mitte der 90er Jahre hatte ich ein solches Projekt, bei dem alle Eltern und Beteiligen zugestimmt hatte. Als wir dann bei einem Elternabend Muster zeigten, setzte eine Diskussion über die Arbeit der Erzieherinnen ein, weil der ein oder andere sein Kind vernachlässigt sah. Das war das Ende des Projektes, bevor überhaupt die Montage begonnen hatte.

[sehenswert*****]

 

DOKfest THE LAST GIRL 07

THE LAST GIRL [bäuerliches Leben, Behinderung]

Iran 2025, Daryoush Gharibzadeh, 52 Min., OmeU

Der Film beobachtet eine Hirtenfamilie in den Giskan Bergen im Süd-Iran in den Jahren 2009 bis 2023. Der Fokus liegt auf der jüngsten Tochter Maryam, die als 15tes Kind mit Down Syndrom zur Welt kam. Die Familie lebt in einer durch überstehende Felsen gebildete Höhle die durch Mauern abgegrenzt wird. Der alte Vater kümmert sich liebevoll um seine Tochter während alle anderen Kinder die Bergwelt Richtung Stadt verlassen. Am Ende ist es die erwachsende Myriam, die ihre Eltern versorgt.

[sehenswert****]

 

DOKfest I POPPY 01

I, POPPY [Indien, Korruption, bäuerliches Leben]

Frankreich, Indien 2025, Vivek Chaudhary, 82 Min., OmeU

Mangilal ist Lehrer und Mohnbauer in Indien. Weil der Preis von einem Kilogramm Rohopium für die Verwendung in der Pharmazeutik seit zwanzig Jahren nicht gestiegen ist, das fertige medizinische Produkt aber um den Faktor 50 teurer wurde, organisiert er die Mohnbauern, die unter korrupter Beamten Willkür leiden und mit dem Verwehren der nötigen Lizenzen zu Sonderzahlungen erpresst werden. Der Film begleitet ihn, seine Mutter und die beiden Söhne bei der aufwändigen Feldarbeit und bei einer Reise zum Ministerium in Neu Delhi.

[sehenswert***]

 

DOKfest EDGE OF THE NIGHT 03

EDGE OF THE NIGHT

Estland 2025, Vladimir Loginov,  90 Min., OmeU

Tallinn ist die Estnische Hauptstadt mit 457 Tausend Einwohnern. Der Filmemacher zeigt uns seine Stadt zwischen Dämmerung und Morgengrauen in Momentaufnahmen wobei er die chronologische Abfolge nicht so genau nimmt und man nie so richtig weiß, wo man eigentlich in der Nacht ist. Wir fahren in einem Taxi mit, begleiten einen Busfahrer ins Depot, erleben Anrufe in der Notrufzentrale und einen Vater bei der Entbindung im Krankenhausflur. Die Fluglotsen weisen Maschinen ein, Bauarbeiter legen Platten zwischen Straßenbahnschienen, und im Domina Studio wird ein Kunde mit Kerzenwachs beträufelt. Am Strand reden zwei Frauen über andere Strände, vor der Disko sprechen junge Frauen miteinander und im Computershop zocken Jugendliche. Die Feuerwehrleute warten auf den Einsatz, an der Bushaltestelle ringen zwei junge Männer und im Zoo schauen Tiere über den Zaun. Die Bilder reihen sich wie eine Leistungsschau des Nachtlebens aneinander. Genauso zusammenhangslos wie die Aufzählung klingt ist die Abfolge im Film und man fragt sich, warum in einem bestimmten Fall die Kamera beobachtend verharrt und ein anderes Mal Szenen in mehreren Einstellungen auflöst, obwohl man nicht mehr erfährt. Egal wie gut man einzelne Szenen finden mag, der Film wurde schon in der Konzeptionsphase verbockt.

[sehenswert*]

 

DOKfest STERBEN FUER ANFAENGER 01

STERBEN FÜR ANFÄNGER [Suche nach dem Tod]

Österreich 2025, Kurt Langbein, 92 Min., OmeU

Der österreichische Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein hat 2009 seine Krebsdiagnose erhalten. Als nach zunächst erfolgreicher Therapie der Krebs wieder kommt beginnt er mit dem Tod seines Freundes Franz einen Film über das Sterben. Jeder zehnte Mensch stirbt in der Intensivmedizin, etwas was eigentlich keiner will aber wenn es passiert, dann klammern sich fast alle hoffnungsvoll an die Möglichkeiten, auch wenn Intensivmedizin für die Betroffenen äußerst schmerzvoll sein kann. Langbein geht der Frage nach, wann jemand Tod ist und welche Erlebnisse Menschen hatten, die eigentlich schon tot waren, aber zurückgeholt wurden. Eine Sterbe-Amme begleitet Menschen in ihrer letzten Phase so wie eine Hebamme Eltern auf ein neues Leben vorbereitet. 

[sehenswert****]

 

DOKfest WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS 06

WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS [Artenschwund]

Deutschland 2026, Ulrike Franke, Michael Loeken, 90 Min., OmeU

Der amerikanische Romancier Jonatan Franzen ist ein bekennender Vogelbeobachter und er kann für diese Leidenschaft sein Damaskus-Erlebnis beschreiben: Im Alter von ungefähr 35 Jahren luden ihn Verwandte im Mai zu einem Spaziergang mit Fernglas in den Zentralpark ein und in den folgenden 3 ½ Stunden entdeckte er eine Parallelwelt, die schon immer existiert hatte, die er aber nie wahrgenommen hat. Dieser Film versammelt Bird Watcher mit außerordentlichen Kenntnissen, eine Leidenschaft die die Sensibilität für unsere Umwelt schärft. Wie fragil die natürlichen Zusammenhänge sein können, hat der große Vorsitzende Mao 1958 in einem Feldexperiment mit fatalen Folgen vorgeführt. Die Spatzen als Saatgutfresser sollten als eine der vier Plagen ausgerottet werden und 600 Millionen Chinesen scheuchten drei Tage lang die Vögel auf, bis sie tot vom Himmel vielen und gut 2 Milliarden Spatzen erledigt waren. Im Jahr drauf vernichtete eine Heuschreckenplage die Ernte und in der Folge kamen geschätzt 40 Millionen Chinesen durch Hunger um.

Der Film begleitet die verschiedensten professionellen und ehrenamtlichen Vogelbeobachter bei ihren Streifzügen, bei denen sie ihre Erkenntnisse teilen, eine davon: die Population der Vögel nimmt drastisch ab. Die verschiedenen Aspekte des Themas werden durch die Montage geschickt in eine lange Erzählung verwoben. Hinsichtlich der Bilder haben sich die Macher für das Cinemascope-Format entschieden, was dem Flug von Vögeln und Schwärmen entgegenkommt.

[sehenswert****]

 

DOKfest PAIKAR 01

PAIKAR [Vater Sohn, Afganistan]

Niederlande, Iran, Afghanistan 2025 , Dawood Hilmandi , 97 Min., Dari, OmeU

Der Filmemacher Dawood Hilmandi, kurz Paikar, hat noch ein Hühnchen mit seinem Vater zu rupfen, einem ehemaligen Mudschahidin Widerständler aus Afghanistan, der dann in den Iran geflohen ist und dort als Geistlicher und Schriftsteller lebt. Die Annäherung an den Vater erweist sich als sehr schwierig gelingt dann aber nach mehreren Versuchen und führt nach einer Pilgerreise zu einer gemeinsamen Rückkehr mit dem Vater nach Afghanistan zu den Wurzeln der Familie. Während der Sohn in Kabul verbleibt und später die Eroberung der Stadt durch die Taliban miterlebt stirbt der Vater im Iranischen Exil an COVID. Der Rest der großen Familie ist über die Niederlande, Schweden, Iran und Norwegen weit verstreut. Die Liste der beteiligten Kameraleute ist lang und dafür ist der Film erstaunlich gut gelungen.

[sehenswert***]

 

DOKfest NOVA 78 c PinballLondon 08

NOVA '78 [historische Literaturveranstaltung]

Portugal, UK 2025, Aaron Brookner, Rodrigo Areias , 78 Min., englOF

Manchmal fördert wieder entdecktes Filmmaterial interessante Einsichten in vergangene Zeiten. 1978 fand im East Village New York an drei Tagen die sogenannte Nova Convention zu Ehren von William S. Burroughs in einem Theater statt. Der Veranstalter ließ Filmaufnahmen anfertigen, die jetzt wiedergefunden wurden und zu einem Film verarbeitet worden sind. Die damalige kulturelle Avantgarde trat zu Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Performences an unter anderen: Patti Smith, Laurie Anderson John Cage, Frank Zappa Allen Ginsberg, Timothy Leary, Jackie Curtis. Als Tonmann wird auch Jim Jarmusch genannt. Auffallend ist, wie unaufgeregt dieses Kulturereignis ablief, eher wie eine große Familienfeier.

[sehenswert***]

 

DOKfest HUNDERTZWOELF c mindjazz pictures 02

HUNDERTZWÖLF [Beobachtung, Feuerwehr]

Deutschland 2026, August Pflugfelder 80 Min., OmeU

Polizei, Feuerwehr, Museum Schule und Krankenhaus gehören zu den Klassikern des Dokumentarfilms, hier sei nur an Raymond Depardon und Fred Wiseman erinnert, aber jede Generation muss ihren sozialen Umraum neu entdecken. Hundertzwölf konzentriert sich ausschließlich auf Deutschlands größte Notrufzentrale, die Leitstelle der Berliner Feuerwehr. Es beginnt mit einem Ausbildungsgang neuer Mitarbeiter, die nach der Theorie erste Notrufe entgegennehmen und von einem erfahrenen Kollegen begleitet werden, und es endet mit der nächsten Generation von Neulingen, denn für manche ist der Umgang mit der täglichen Not eine schwer erträgliche Dauerbelastung, weshalb es bei dieser Tätigkeit zu Fluktuation kommt. „Durchatmen“ ist die erste Empfehlung, wenn die Anrufer orientierungslos verwirrende Informationen abladen und nicht auf die Anweisungen der Helfer eingehen. 80 Minuten telefonierende Menschen sind hier mit Nebenbeobachtungen und persönlichen Gesprächen der Mitarbeiter gut gemischt und tragen durch den Film. Der Film ist in Cinemascope gehalten.

[sehenswert****]

 

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NICHTS BLEIBT UND NICHTS VERSCHWINDET [Beobachtung, Gentrifizierung]

Deutschland 2026, Paul Sonntag, 79 Min., OmeU/OmdtU

Manchmal ist es das Schnittkonzept, das überzeugt. Es ist eine einfache Handlung vom Abriss bis zum Neubau, aber wenn man die Handlung in der Mitte halbiert, in gleichmäßige Stücke schneidet und alternierend aneinanderfügt, verschwindet das eine während das andere entsteht.

Auf dem Berliner Eckgrundstück Stendaler-, Rathenower-Straße stand ein eingeschossiger Edeka Supermarkt „Nah und gut“. So ein Grundstück weckt überall in der Republik Begehrlichkeiten zur Profitmaximierung und so geschieht, was eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Zerstörung von Lebensräumen ist. Der etwas heruntergekommene Nahversorgungsschwerpunkt weicht einem hippen mehrgeschossigem Neubau mit Kaffeehauskultur, die ob der Mieten nur funktionieren kann, wenn Leute mit mehr Geld sich im Quartier breitmachen. All diese Zusammenhänge erwähnt der Film nicht, man sieht nur in einzelnen Beobachtungen die Veränderung, vom neben dem Eingang des Supermarkt für die Kunden grillendem türkischen Mitarbeiter bis zu den vorm Kiez Kaffee Kraft für Social-Media posierenden Jung-Gastronomen.

[sehenswert****]

 

DOKfest WACKEN 04 c BeetzBrothersFilmProductionGmbH

WACKEN – HEARTS FULL OF METAL [Musikfilm, Festivalgeschichte]

Deutschland 2026 , Cordula Kablitz-Post, 87 Min., OmeU

Wacken, vielleicht muss man das doch noch erklären, ist eine 2100 Einwohner Gemeinde in Norddeutschland. 1989 hatten zwei junge Wackener, Rock- und Metal-Musikfans, die Idee eine mehrtägige Party mit Campingmöglichkeit in einer Kiesgrube zu veranstalten, zu deren erster Ausgabe 800 Leute kamen. Lange war es ein Geheimtipp und nach 5 Jahren überschritt die Besucherzahl die 5000. Inzwischen ist das Unternehmen ein Industriebetrieb mit 85.000 verkauften Karten, die innerhalb weniger Stunden vergriffen sind.

Der Film erzählt die Geschichte der beiden Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen und ihre Freundschaft. Beim Filmintro kann es sich nicht verkneifen, eine visuelle Leistungsshow des Evens zu präsentieren, die mit Selbstinszenierungen a la Burning Men und Gigantismus prahlt, Teaser- Elemente, die mit Dokumentarfilm nichts zu tun haben. Dann wird in einem Countdown vom 10. Tag vor dem Beginn der Ausgabe 2024 die Geschichte der Gründer und des Festivals erzählt, mit Ausschnitten von Musik-Acts von Skyline, Saxon, Doro Pesch, Motörhead, Iron Maiden, Gene Simmons (Kiss), Scorpions und endlich auch den Guns and Roses. Es sind auffallend viele ältere Damen und Herren, die sich da auf der Bühne präsentieren, immerhin vor vielen jungen Fans. Bild- und Kameratechnisch fußt das Werk auf einer für diese Mega-Events inzwischen übliche Materialschlacht.

[sehenswert**]

 

DOKfest INTELLIGENCE RISING 01

INTELLIGENCE RISING [AGI, Blick in die Zukunft, Sinulationsspiel]

UK 2026, Elena Andreicheva, 75 Min., englOF

Die meisten Experten sind sich hinsichtlich der technischen Neuerungen von AI und AGI einig: Diesmal ist es anders und mit keiner vorausgegangenen technischen Neuerung vergleichbar. Der britische KI-Unternehmer Marc Warner bekommt einen Sohn und weil das Kind ein medizinischer Problemfall ist, verbringt er viel Zeit im Hospital und kommt zum Nachdenken über KI und die Zukunft des Kindes. Die KI-Entwicklung ist ähnlich wie die Lernfortschritte eines Kleinkinds. Resultat aller Überlegungen ist ein Wargame, eine Strategie-Simulation von Experten in den Rollen der Staatspositionen USA, China, EU, Großbritanien und den Interessenpositionen des Tech Sektors und der Globalen Stimmen. Verschiedene vorgegebene Szenarien werden durchgespielt wie eine Pandemie in Afrika, ein Cyberangriff auf Italien, der Verlust von ¼ aller Jobs und die Frage, ob man die Super AI aus der Flasche lassen soll, beziehungsweise, wie man sie kontrollieren oder beschränken kann. Die Simulation fand 2024 statt und viele Vorhersagen aus dem Spiel haben sich inzwischen bestätigt. Inhaltlich ist das Stück hochbrisant, filmisch aber durch die Vorgaben so prickelnd wie eine Studiodiskussion im Fernsehen.

[sehenswert**]

 

DOKfest MEANWHILE IN NAMIBIA 03

MEANWHILE IN NAMIBIA [Deutsch-Süd-West Afrika, Kolonialismus, Tourismus]

Deutschland, Namibia, 2026, Jonas  Spriestersbach, 115 Min., OmeU

Der Film beginnt mit einer Rentner-Touristenreise nach Lüderitz und endet im ehemaligen Shark Konzentrationslager auf der vorgelagerten Halbinsel, in dem Aufständische von der Deutschen Schutztruppe ermordet wurden. Dazwischen wird über Schuld und Sühne diskutiert und eine Art Entschädigung als Gemeinschaftsprojekt mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) initiiert. Aber Geld fließt an die Projekt Supervisor und die teilnehmende Bevölkerung bleibt auf sich gestellt. In Lebenden Museen sollen die Einheimischen Stämme nach Fotos der Kolonialtruppen ihr ehemaliges Leben rekonstruieren und Touristen vorspielen, ein Leben zu dem sie keine wirkliche Verbindung haben und das den Besuchern nur die vermutete Rückständigkeit bestätigt.

Teilweise fühlt man sich an den Film-Klassiker Cannibal Tours 1988 erinnert. In durchweg gut kardrierten Bildern führt der Filmemacher durch sein Thema, aber weil der Aufbau der lebenden Museen dann doch über mehrere Jahre intensiv begleitet wird, während andere Aspekt nur am Rande gestreift werden, verliert sich diese Filmerzählung mit Überlänge thematisch immer wieder.

[sehenswert****]

 

DOKfest INGEBORG BACHMANN c ElliottKreyenberg 02

Foto: Elliott Kreyenberg

INGEBORG BACHMANN – JEMAND,  DER EINMAL ICH WAR

Österreich, Deutschland 2026, Regina Schilling, 95 Min., OmeU

Hundert Jahre Ingeborg Bachmann ist Anlass für diesen Film. Ein Eröffnungsfilm mit schwerer Kost, der nicht so gefällig daherkommt. Bachmann ist eine Ausnahmeschriftstellerin, die ihre Befindlichkeit und Zweifel schon frühzeitig ins Blickfeld rückte und wenn sie las, mit ihrer prägnanten Stimme unvergessbaren Eindruck hinterließ. Sandra Hüller spielt Bachmann-Szenen, ähnlich, aber erkennbar anders und diese Einsteuungen zwischen dem vielen dokumentarischem Filmmaterial kann man als einen visuellen Kommentar sehen, der dem Zuschauer auch Nachdenk-Pausen zwischen den vielen vorgetragenen Texten verschafft. Geschickt montiert ist dieser Film nicht eines der beliebten Bio-Pics sondern ein abendfüllender Teaser für ein umfangreiches Literarisches Werk.

[sehenswert****]

Alle Filmstills und Szenenfotos sind Pressematerial des Dokfests.