08. Juni 2026

Erste Dunkelkammer 1967
Es ist ein Anachronismus, dass man den Beruf, bei dem das genaue und intensive Sehen die Kernkompetenz darstellt, mit einer Werkstatt straft, in der man überhaupt nichts sieht, die Dunkelkammer. Vielleicht ist es auch eine ausgleichende Gerechtigkeit und ein Erholungsort für die Augen und eine Stärkung des Tastsinns. Alles in der Dunkelkammer, wenn man mit Filmmaterial arbeitet, kann man nur ertasten.
Fragen sie einen Fotografen, ob er mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit der Kammer starrt oder die Augen zukneift, als wenn er damit das empfindliche Filmmaterial vor dem Licht schützen könnte. Die Dunkelkammer führt kurzzeitig in die Welt der Blinden und man legt sich ein ähnliches Procedere zu, alle Werkzeuge ortsabhängig anzuordnen, damit man blind darauf zugreifen kann. Die Netzhaut fängt an zu halluzinieren und man glaubt, trotz der Dunkelheit und trotz zugekniffener Augen etwas sehen zu können.

Dunkelkammer München 1976
Als es noch Kassettenrecorder gab, konnte man in der Dunkelkammer Musik hören, denn die Geräte hatten, wenn überhaupt, nur spärliche Signalleuchten, die sich gut abkleben ließen. Heute erleuchtet ein Smartphone den Raum, wenn man es anpackt, ein Risikogerät, dass nichts in der Dunkelkammer zu suchen hat.

Dunkelkammer München 1980 auf kleinstem Raum
Die Dunkelkammer ist längst zu einem Relikt aus vergangenen Analogfilmzeiten geworden, aber in der Phantasie der heutigen Krimi-Filmemacher zu einer Folterkammer mutiert, die sich hinter Kellerregalen mit Eingemachten in den Vorstadthäusern perverser Bösewichter findet. Es ist ein Topos, der entweder in Drehbuchseminaren gelehrt oder durch fleißiges Abschauen zu einem immer wiederkehrenden Element der Alltags-Fernsehware geworden ist, obwohl das überhaupt keinen Sinn macht und die entsprechenden Täter und Konsumenten dieser fragwürdigen Bildwaren voll digital arbeiten.

Dunkelkammer München 1998
In der Dunkelkammer kann man den Bildentstehungsprozess wie ein religiöses Wunder inszenieren und sichtbar machen. Wundersam entsteht in dämmrigem Rotlicht auf dem blanken Fotopapier ohne weiteres Zutun ganz langsam ein Bild wie von Geisterhand. Ein visuelles Erweckung-Erlebnis, dass man gerne immer wieder vorführt. Es funktioniert eindrücklich wie ein Zaubertrick. Da ist nur ein Stück Papier in einer Flüssigkeit, sonst nichts und plötzlich entsteht ein Bild, und damit sehr viel mehr als eine chemische Reaktion auf einem dünnen Träger. In der Bildentstehung schwingt auch Transzendentes mit: eine Erscheinung, ein Traum, eine Vision, eine Botschaft, obwohl hinter allem eine reproduzierbare optisch-chemische Gesetzmäßigkeit steht.

Dunkelkammer München 2000
Fast immer aber wird die Dunkelkammer im Film mit anrüchigem, mit sexueller Perversion und Gewaltfantasien konnotiert, als Ort des Schreckens und des Bösen. Sie ist das verbotene Zimmer aus dem Märchen und in den Köpfen der Zuschauer präsenter als das abstrakte Darknet, wo sich eigentlich aktuell die einschlägigen Täter und Kunden tummeln.

Dauerinstalation, Museum Haus Lange Krefeld, Installation von Elmgreen&Dradset in der ehemaligen Dunkelkammer der Familie Lange, 2017
Hier einige Anregungen für Drehbuchschreiber: es gibt andere Werkstätten, die man fantasievoll nutzen kann. Die Autowerkstatt mit Hebebühne, Ölwechselgrube und Kettenflaschenzügen, die Schreinerei mit Hobelmaschine, Band- und Kreissäge, Schraubzwingen und Schleifmaschinen, aber bitte keine Auto-Waschanlagen, die sind nun wirklich verbraucht.
