Die Arriflex Story 04

Gunther Wolf mit seiner Arriflex #520

Kamera-Schicksale
Am 06. September 1938 wird die Arriflex-Kamera Nr. 520 schwarz lackiert mit drei Astro Pantacharen 1:1,8 28/50/75mm, 60m Doppelkassette und Stahlakku, einem Bruststativ und einem Transportkoffer, für 2702 RM an den Fotografen Anton Hafner aus einem kleinen Ort bei Bad Reichenhall übergeben. Hafner arbeitet hauptsächlich für die Wochenschau und filmt Berichte aus dem Berchtesgadener Land.
Nach dem Krieg tauscht Hafner diese Kamera – er ist Besitzer von zwei Arris – gegen diverse Metallteile, denn es ist noch vor der Währungsreform, und das Tauschgeschäft mit bleibenden Werten ist gang und gäbe. Tauschpartner ist der aus der Nähe von Dresden stammende Gunther Wolf. Bei seinem Onkel hat er als Kameraassistent erste Erfahrungen mit dem Film gemacht. Zunächst dreht Wolf kleine Filmsequenzen, die als einzelne Phasenfotos für eine Art Daumenkino auf einem Rad angeordnet sind und von einem Bielefelder Unternehmer verkauft werden. 1948 dreht er seinen ersten Film über einen Schulneubau, dem neue pädagogische Konzepte zu Grunde liegen. Alles wird mit nur einem Objektiv gedreht, und die fehlende Brennweite wird durch viel Lauferei kompensiert. Gunther Wolf beginnt mit der Produktion von Kulturfilmen, die mit Prädikat ausgezeichnet als Beipack zum Unterhaltungsfilm, dem Kinobesitzer die Vergnügungssteuer sparen. Nachdem er mit mehreren Filmen erheblich in Vorleistung gegeangen ist, kann er schließlich durch den Verkauf fertiger Kulturfilme ganz von der Filmerei leben und gibt die Tätigkeit als Fotograf für die Westfälische Zeitung und das Bielefelder Theater auf. Durch den wachsenden Bedarf der Industrie an Filmen sattelt Wolf Mitte der 50er Jahre ganz auf diesen Sektor um, in dem er bis heute (1987) tätig ist.

Gunther Wolf am Anfang seiner Karriere

Die Arriflex 520 setzt er auch heute noch manchmal ein. Für das Titelfoto des Novemberheftes 87 vom KAMERAMANN hat er sie mit der Original-Kompendiumhalterung versehen. Bei einer Generalüberholung der Kamera vor 20 Jahren wurde eine neue Kompendiumhalterung angebracht und die Kameratür erneuert. Auch der Motor stammt nicht mehr aus dem Jahr 1938. Anton Hafner, der Käufer dieser Kamera, starb Anfang 1987 im Alter von 85 Jahren. Mit seiner zweiten Arriflex hat er noch lange Zeit aus dem süddeutschen Raum für die neue Deutsche Wochenschau in Hamburg gearbeitet.

Der Neubegin
„Obwohl es keine Wunder gibt, fand ich im Sand des Bornstedter Feldes bei Potsdam das Gehäuse einer Arriflex und eine Kassette dazu…“ Jeder hat eine vergleichbare Geschichte aus diesen Jahren. Ich will nur erzählen was zum Thema gehört: Eines Tages war diese Arriflex bereit, wieder Film durchlaufen zu lassen und Bilder auf Film zu belichten. Mit einer 60-Meter-Kassette, einem 50mm und einem 35mm Objektiv… An einem Mittagstisch in Potsdam lernte ich einen der ersten kleinen Drehstäbe dieser neuen Filmgesellschaft kennen. Der Regisseur hieß Joop Huisken. “Sie haben eine Kamera? Dann gehen Sie doch mal zur Krausenstrasse in Berlin. Da ist die DEFA.“ So berichtet der renomierte DDR-Kameramann Werner Bergmann in seinen Erinnerungen über den Beginn seiner Karriere 1946. Damals war er 25 Jahre alt. Bei vielen Filmen von Konrad Wolf stand er seitdem an der Kamera.
Die Arriflex-Kamera war ein wesentlicher Motor der deutschen Nachkriegsfilmwirtschaft, vor allem im Bereich des Kultur- und Dokumentarfilms. Wer eine Arriflex-Kamera besaß, der hatte schon die wichtigste Basis für eine Filmproduktionsfirma. Theo Kubiak ist einer dieser Filmemacher, der sich vor allem durch seine Tierfilme einen Namen gemacht hat. Im Gegensatz zu seinen bekannten Kollegen Sielmann und Grzimek beschäftigte sich Kubiak hauptsächlich mit der heimischen Tierwelt und war ein Vorreiter des Naturschutzes, der frühzeitig die ökologischen Systemzusammenhänge ins Blickfeld rückte. Thea Kubiak beschreibt für den KAMERAMANN seine Geschichte und die Arbeit mit der Arriflex:

Theo Kubiak 1968 bei Dreharbeiten im  Wuppertaler Zoo

Es muß so Ende 1948 gewesen sein. Wenige Monate nach der Währungsreform. Ich zählte gerade 24 Lenze, als mir ein älterer Kameramann eine 35er-Arri anbot. Kein Schmuckstück aus der Neuproduktion, mehr ein Veteran mit Vergangenheit. ich erinnere mich noch genau: Über 8mm und 16mm zu 35mm vordringen zu können, war für einen filmbesessenen jungen Mann schon ein besonderes Gefühl. Eine 35er-Arri, das war schlicht der Traum der Träume. Und es spielte überhaupt keine Rolle, daß hier und dort eine Schramme war, die Objektive nicht mehr so aussahen, wie sie hätten aussehen sollen. Wichtig war einzig und allein: ich hatte eine funktionierende Kamera und konnte endlich im Kinoformat drehen. Vorausgesetzt, ich konnte noch Rohfilm auftreiben und meinen väterlichen Chef davon überzeugen, wie schön es wäre, könnte man die für seine Spielfilme als Beiprogramm notwendigen Kulturfilme im "eigenen Haus" produzieren.
Der väterliche Spielfilmverleih, ich wuchs mit ihm in Berlin auf, interessierte mich zum Kummer meines Vaters nicht sonderlich. Selbst drehen und nicht nur Stars vermarkten, das war mein Wunsch. Obwohl ich zugeben muss, daß zu damaliger Zeit auch die Verleihbranche ein echtes Abenteuer war. Da jagte man auf der Suche nach Lizenzinhabern, Negativen, Kopien und Kopiermaterial quer durch Deutschland. Und wer zuerst fündig wurde, der hatte die Nase vorn. Mein Vater fand meine Idee, ausgerechnet jetzt Kulturfilmer werden zu wollen, so abenteuerlich, wie ich seine Bemühungen - sozusagen von der Bettkante aus - wieder seinen Spielfilmverleih aufbauen zu wollen.
Aber Film war ja schon immer ein Abenteuer - so oder so. Und schließlich klappte das eine so gut wie das andere. Und für mich begann endlich meine Zeit als Kameramann. Da ich aber "meine" Filme von der Idee bis zum fertigen Produkt machen wollte - was natürlich auf volles väterliches Unverständnis stieß -, übte ich mich als Autor, Kameramann, Cutter, Texter und in der Kunst der Vertonung. Der Anfang war dann auch wenig ermutigend. Ohne Schneidetisch mußte ich meine ersten Filme mit Hilfe eines Vergrößerungsglases und eines alten Kinoumrollers schneiden. Nun hielt mich mein Vater für total verrückt, zumindest solange, bis endlich mein erster Kulturfilm aus dieser abenteuerlichen Produktionsform im Jahre 1949 das Licht der Welt erblickte, das Prädikat "wertvoll" erhielt und in die Kinos ging. Da war der Grundstein für meine eigene Produktionsfirma gelegt. Und 1951 gründete ich frohen Mutes meine Teka-Film und machte auch sofort das, was mein Vater befürchtete: Saftige Schulden.

Theo Kubiak bei den Dreharbeiten zum Kulturfilm "Das Moor - ein Rest vom Garten Eden", 1972

Aber das konnte mich nicht entmutigen. Im Gegenteil, ich wollte mir - und auch der Familie - zeigen, daß es auch anders geht, und so war es dann auch. Es folgte Film auf Film. Kinokulturfilme, Industriefilme, Werbefilme und schließlich 1952 der erste Fernsehfilm für den damaligen NWDR. Bis heute 305 Filme und Sendungen - natürlich nicht nur mit der alten Arri. Aber immer blieb es dabei: Autor, Kameramann, Cutter, Texter in einer Person. Nur eins änderte sich: Ich spezialisierte mich mehr und mehr auf Natur- und Tierfilme.
Für viele Jahre und unzählige Filme war die alte Arri mein treuer Begleiter. Mit ihr drehte ich auch Radio Bremens ersten Farbfilm fürs Abendprogramm. Und kurz darauf für den SFB den Film "Das Moor - ein Rest vom Garten Eden". Und dieser Film - der mit der uralten Mühle - der erhielt dann noch die Silberne Ähre auf dem Internationalen Agrarfilm-Wettbewerb. Und in der Begründung hieß es unter anderem: "...Bestechend ist die hervorragende Fotografie....". Und das mit der Arri Nr. 986, die - es war inzwischen 1972 geworden - nun schon wieder 24 Jahre in meinem Besitz war.
Als typischer Autodidakt und Eigenbrötler arbeitete ich immer allein. Und das war damals mit 35mm und Brennweiten bis zu 800mm, Kamera, Kassetten, Filmmaterial, Batterie, Tarnzelt, Verpflegung etc. kein Zuckerschlecken. Und schon gar nicht, wenn der Weg des Tierfilmers über Stock und Stein von der Nordsee bis zu den Alpen führte. Viele Kollegen der anderen Zunft sahen mich oft etwas mitleidig an, wenn sie Kameramann und Kamera sahen. Es schien ihnen schwer begreiflich, daß jemand mit dieser Mühle Filme machen kann. Ihre eigene Ausrüstung war ja inzwischen so hochtechnisiert, daß sie selbst oft Schwierigkeiten hatten, mit ihren vielen Hebeln und Knöpfen klarzukommen. Und so wurde dann aus einem Kameramann ein Troß.
Vieles hat sich geändert. Früher: Kurzer Blick zum Himmel, Licht abschätzen, blenden. Belichtungsmesser? Woher nehmen und nicht stehlen? Und was brauchte man schließlich schon als Kulturfilmer: Ein bißchen Schulden, viel Optimismus und vor allem ein robustes Kameragehäuse mit ein paar Zahnrädern und Motor, einer Bildbühne, Kassetten, Objektive, Stativ, Dunkelsack, Film- und Gottvertrauen.
Robustheit und Zuverlässigkeit waren gefragt. Eben das, was das Bild so auf den Film brachte, wie man es wollte. Kurz: Eine Kamera, die das aushielt, was der Tierfilmer von ihr verlangte: Staub und Dreck, Wasser und Hitze. Einfach in der Bedienung und immer einsatzbereit. Und das alles, das brachte sie, die alte Arri, die mit der Nr. 986. Vielleicht wäre es auch heute noch gut, junge Kameraleute, einfach ausgerüstet und auf sich allein gestellt, beginnen und lernen zu lassen. Denn eins ist geblieben: Die Kamera allein macht's nicht.  Auf den, der hinter ihr steht, komm es an - auch heute noch.

 

Theo Kubiak beim Dreh eines Industriefilms für den Büromaschinenhersteller Olympia 

 

 Zum Teil 5 der Arriflex Story