Die Arriflex Story 08

Sportveranstaltung mit Wochenschau Kameramännern, rechts im Bild Horst Grund

Die Arriflex als Wochenschaukamera
Die Wochenschauarbeit ist eine Geschichte für sich. Sie ist aufs engste mit der Arriflex 35 verbunden, und auch nach dem Krieg war diese Kamera die Standardausrüstung der Wochenschaukameramänner. Zum 15jährigen Jubiläum der Deutschen Wochenschau GmbH wird im Mai 1965 ein Foto veröffentlicht, das fast alle Wochenschaukameramänner mit ihren Arriflex-Kameras zeigt.

Die Kameramänner der Deutschen Wochenschau GmbH mit ihren Arriflexkameras

Kameramann Helmut W. Sonntag hat ein Buch für den Kronsberg Verlag, Hanover, über seine Wochenschauarbeit geschrieben, aus dem hier vorab stellvertretend für die Erlebnisse des Wochenschaumitarbeiters eine Passage von Dreharbeiten im Jahr 1950 ausschnittsweise wiedergegeben wird:
Das Telegramm sagte: „Schwerer Erdrutsch bei La Cornallaz, Südufer Genfer See. Brauchen dringend 12 Minuten Beitrag für Fox und British Movietone, Erbitten Rückruf.“ Also mußte Zürich ausfallen. Die Mühle aufklaren, Akkus erneut aufladen und mit unserem klapprigen Ford-Taunus „Buckellimousinde“ auf zum Genfer See. Quer durch die Schweiz, bei Sturm und Schnee, ging die Fahrt.  Nachdem wir zum vierten Mal im Graben gelandet waren und Karl schon aufgeben wollte, erreichten wir doch noch Genf. „La Cornallaz? – Nie gehört, daß muß ein ganz kleiner Ort, weiter westlich am Seeufer sein“. Diese Auskunft unserer Wirtsleute setzte uns baff in Erstaunen.  Na ja – soo schlimm war es nun auch wieder nicht. Klar, die Hälfte des Dorfes war verschüttet, aber der Berg schob sich „nur“ 3,6 Meter täglich weiter auf den Ort zu. Menschenleben waren keine zu beklagen.
Nun legten wir noch drei 60er Kassetten ein und waren guter Dinge für den Kommenden Tag. Schweizer Militär hatte am Rande des Dorfes mehrere Zelte aufgebaut, wo auch der Bürgermeister residierte und uns die Hauptschadensstelle zeigte. Die gesamte Story war in zwei Stunden abgedreht, denn zerstörte Häuser, Erdspalten und ausräumende Einwohner hatte man im Verlauf der letzten Jahre en masse gefilmt.
Für uns war es viel interessanter, eine Meldung aufzuschnappen, die wirklich eine Sensation werden konnte. Im Fernmeldezelt des Militärs hatten wir gehört, daß in der Hollachgrotte im Kanton Schyz bei einer Höhlenexpedition die Teilnehmer durch Wassereinbrüche eingeschlossen seien. Auch vor der Hollachgrotte hatte sich bereits ein riesiges Biwaklager eingerichtet. Noch waren wir die ersten und einzigen Reporter. Tagsüber sank das Thermometer sehr rapide und in der Nacht fror es, so daß alles Schelzwasser verebbte. In zwei Tagen waren die Jungs frei. Selbstverständlich filmten wir die gesamte Hilfs- und Rettungsaktion, die sich über der Erde abspielte. Dadurch, daß wir unsere Arri soweit wie möglich mit Ölpapier-Zeltplane vor dem Wasser geschützt hatten, sah sie unförmig und schwer aus, fast so, als hätten wir einen riesigen Blimp über sie gestülpt. Aber sie lief, das war die Hauptsache.

Die 150-m-Kassette
150-m-Filmrollen hat es nie gegeben, es sei denn, man hat eine 300-m-Rolle halbiert. Die 150-m-Kassette wurde notwendig, als man Mitte der fünfziger Jahre verstärkt Farbfilm einsetzte. Da die Schicht des Farbfilms stärker war als die der bisdahin fast ausschließlich verwendeten Schwarz-Weiß-Negativfilme, paßte eine 120-m-Rolle Colorfilm nicht in die 120-m-Kassette. So entstand die Colorfilm Kassette 120, die 150-m S/W-Film faßte. Diese Kassettengröße hat man beibehalten, auch als 1962 mit dem Vor-Rückwärts-Handregelmotor eine VR-120 (150)m Kassette herauskam. Später wurde diese Kassettengröße nur noch als 120-m-Kassette bezeichnet.

Der Film als TV-Speichermedium
Am 23.12.1956 zeichnete man beim Fernsehen des Bayerischen Rundfunks in München die Inszenierung von „Figaros Hochzeit“ auf. Der erste käufliche Videorekorder von Ampex war einige Monate zuvor, am Abend des 14. April, vor Eröffnung der NAB in Chicago erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden. Der BR hatte natürlich noch keinen Video-Tape-Rekorder, und so verwendet man für die Aufzeichnung von „Figaros Hochzeit“ die BFB 16/35/3-Fernsehbildaufzeichnungsanlage der Bosch Fernseh GmbH aus Darmstadt. Die Anlage besteht aus drei Schränken, dem Bildaufzeichnungsschrank, Netzgerätschrank und Bildaufzeichnungsverstärker. Sie alle sind voll mit Röhren bestückt. Die hochauflösende langgezogene Bildröhre mit ebener Oberfläche und Durchmesser von 100 mm erzeugt ein Bild von 48x64mm, daß über ein Strahlteilerprisma gleichzeitig von zwei Arriflex 35-IIA Kameras aufgenommen werden kann. So ist eine pausenlose Aufzeichnung von Fernsehliveprogrammen möglich.

Bosch Fernseh GmbH FAZ 16/35 Filmaufzeichnungsanlage, hier mit einer Arri 16 ST

Die Kameras sind mit Schneider TV-Xenon 2/75mm ausgerüstet. Das Objektiv wird am Revolverkopf festgeschraubt und hat eine spezielle Sechseckblende, die die Auflösung in horizontaler und vertikaler Richtung der TV-Auflösung anpaßt. Die Spiegelblende der Kamera hat einen Hellsektor von 220 Grad. Besonders aufwendig sind die großen Synchronmotore, die über den Netzgeräteschrank zum TV-Bild synchron gesteuert werden. Die Phasenlage zum TV-Bild läßt sich über einen speziellen Winkelsucher auf der Mattscheibe kontrollieren.
Ein Jahr vor der besagten Aufzeichnung wird am ersten Weihnachtstag 1955 Claus Strigel in München geboren. Mit 21 Jahren gründet er 1976 mit Bertram Verhaag die Denkmal-Filmproduktion und erwirbt 1977 vom Bayerischen Fernsehen die inzwischen ausgemusterte FAZ-Anlage BFB 16/35 der Fernseh GmbH. Die Videoaufzeichnung, damals immer noch berufsmäßig mit MAZ-Aufzeichnung benannt, ist inzwischen weit verbreitet. 1976 wurde in den USA durch Einführung der RCA-Kamera TK 76 das Electronic News Gathering (ENG) populär; in Europa gibt es eine alternative Videobewegung, die mit Sony ½-Zoll-Geräten nach Japan Standard I ein anderes Fernseh- und Filmverständnis durchsetzen will. Strigel und Verhaag drehen an einem Therapiefilm, der sich wegen der langen Einstellungen nur auf Video realisieren läßt. Die Videobänder werden dann mit der FAZ-Anlage auf Film überspielt und weiterbearbeitet. Bis ins Jahr 1982 benutzten viele Filmemacher aus dem Bundesgebiet die FAZ-Möglichkeit bei Denkmal Film, doch dann wird es mit der Verarbeitung von Farbvideo, mit U-matic und EB still um die Anlage. Der Videorekorder hat diese letzte technische Verknüpfung von Fernsehen und Film endgültig gelöst.

Werbefoto für die E-CAM Anlage

Die E-CAM-Anlage
Eine anders geartete Verbindung von Fernsehtechnik und Film gab es Anfang der 60er Jahre mit der sogenannten E-CAM-Anlage. Alfred Jetter hatte beim Süddeutschen Rundfunk unter anderem zwei Ü-Wagen konzipiert und ein Behelfsfernsehstudio in einer Ausstellungshalle eingerichtet, wo sich gerade der nötige Platz fand. Das neue Medium Fernsehen hatte einen so schnell steigenden Programmbedarf, daß die vorhandenen Studiokapazitäten nicht ausreichten. WDR und SDR kauften sich deshalb am 1. August 1959 bei der Bavaria in Geiselgasteig ein.
Inzwischen gab es zwar gut funktionierende MAZ-Maschinen, aber die Schnittbearbeitung von Videobändern erfolgte noch durch mechanisches Zerschneiden der Bänder, was sehr aufwendig war. Der Tonschnitt, die Mischung und die synchrone Überspielung waren weitere Probleme. Außerdem war es ratsam, Programme nur auf der Maschine abzuspielen, auf der sie vorher aufgenommen worden waren. Aus diesen Gründen schied die Videotechnik für die szenische Produktion von Fernsehprogrammen aus. Alfred Jetter war aus Stuttgart als technischer Leiter nach Geiselgasteig gekommen. Um die fernsehmäßige Mehrkameraproduktionsweise für das bessere Trägermedium Film zu adaptieren, wurde ein Entwicklungsprojekt zwischen Bavaria, Arnold&Richter, der Fernseh GmbH und Siemens gestartet. Ergebnis war die E-CAM-Anlage.
Die Elektronic-Camera-Anlage ist nichts anderes als eine Arriflex 35 im 300er Blimp mit einer Videoausspiegelung (Hersteller: Fernseh GmbH) zu Kontroll- und Regiezwecken. Eine Anlage bestand in der Regel aus drei Kameras. Zunächst wurde aus dem Sucherstrahlengang ein Bild für die Vidikonkamera abgezweigt. Später hat man durch die Verwendung von Plumiconkameras mit größerer Empfindlichkeit und besserer Auflösung ganz auf den optischen Sucher für den Operateur verzichten können und ihm einen Monitor hinter die Kamera gebaut. Mit einem Projektor wurden in den Strahlengang zur Videokamera Formatmasken als Einstellhilfen auf den Monitor projiziert. Das Mattscheibenbild war so gut, daß die Beurteilung der Schärfe möglich war. Der Kameramann arbeitete wie an einer Fernsehkamera mit den entsprechenden Handgriffbedienelementen für Schärfe und Zoom. Das sparte ab 1966 den bis dahin notwendigen Schärfenassistenten ein und beendete auch das mühsame Hantieren mit dem Maßband.

E-CAM Anlage, späteres Modell

Alfred Jetter faßt die Vorteile der E-CAM-Anlage 1966 in Zahlen: „Es wurden seit April 1960 mit dem EC-Verfahren Filme mit einer Gesamtprogrammzeit von 326 Stunden produziert. Die Atelierzeit für einen 60-Minuten-Film betrug im Durchschnitt fünf bis sechs Tage. Es wurden aber auch eine ganze Reihe von Produktionen, deren Länge zwischen 50 und 100 Minuten liegt, an einem Tag aufgenommen. Der längste Durchlauf betrug dabei 60 Minuten. Der Materialverbrauch liegt im Durchschnitt bei 1:4. Der Herstellungsablauf einer 60-Minuten-Produktion vollzieht sich meistens folgendermaßen: acht Tage Probe mit den Darstellern, fünf bis sechs Tage Proben und Aufnahmen im Atelier, vier bis sechs Tage Feinschnitt und Bearbeitung, sechs bis neun Tage Geräusche, Synchronisation, Musik, Vorbereitung der Einzelbänder für die Mischung und schließlich sechs Tage Negativschnitt, Lichtbestimmung, Null-Kopie, Sende-Kopie.“
In dieser Zeit wurden mit der Anlage 12 000 Betriebsstunden erreicht, die Ausfallzeit lag unter zehn Stunden. Als die EC-Anlage im Jahr 1960 bei der Bavaria in Betrieb genommen wurde, war Ernst W. Kalinke der erste Chefkameramann, der mit der neuen Technik arbeitete. Paul Verhoeven inszenierte ein Theaterstück für den ersten EC-Film. Die Arbeit mit drei Kameras erforderte eine ungeheure Routine im Hinblick auf den Schnitt. Bei Gegenschußaufnahmen ließ Kalinke beispielsweise die Schauspieler weiter auseinanderstehen als üblich, um sie optimaler für die zwei Kameras ausleuchten zu können. Für die Totalen mußte die Inszenierung dann die Darsteller in einem Gang für die dritte Kamera zusammenführen. Viele Regisseure kamen mit der Mehrkameratechnik nicht zurecht, und so hat sie sich bei der regulären Spielfilmproduktion nicht durchgesetzt. Die Bildsignale der Videosucherkamera liefen zu Monitoren an einem Regiepult (Hersteller Siemens), wo Regisseur, Cutter und Chefkameramann saßen. Die Kameras konnten von hier aus eingeschaltet werden.
Um die belichteten Filme den Kameras zuordnen zu können, waren im Bildfenster der jeweiligen Arriflex kleine Lampen angebracht, die auf der linken Filmrandseite einen, zwei oder drei Streifen auf belichteten. Der Kamerastart wurde auf den Tonbändern vermerkt. Das Anlegen war dadurch recht einfach. Am nächsten Abend gab es dann keine Mustervorführung, sondern gleich einen fertigen Schnitt zu sehen. Die EC-Anlage war vor allem bei Herbert von Karajan beliebt. Er ließ die Videosignale aufzeichnen und konnte sofort kontrollieren. Heute gibt es für fast alle gängigen Filmkameras sogenannte Videoassistenten, die die sofortige Bildkontrolle ermöglichen. Pionierarbeit leistete auf diesem Gebiet Anfang der 70er Jahre der ehemalige Arnold&Richter Mitarbeiter Peter Denz mit einer Schwarz-Weiß-Videoausspiegelung zur Arriflex IIC. Heute bietet die Firma Denz neben anderem eine vollständige Palette von Videokontrolleinrichtungen für Filmkameras an.

Zum Teil 9 der Arriflex Story