Die Arriflex Story 06

Hans Rolf Strobel, 1987

Arriflex-Handkameras für den Spielfilm
1953 erscheint im Augustheft des Kameramanns ein Artikel »Die Handkamera« von Hans Rolf Strobel. »Wir kennen keinen Deutschen Spielfilm seit der Währungsreform, der ohne Atelier gedreht wurde. Wir kennen keinen deutschen Spielfilm seit 1948, der mit einer Handkamera gedreht wurde. Der 250 000 DM Film könnte der Ausweg aus der formalen Misere des deutschen Films sein….In München werden weltberühmte Handkameras hergestellt. In München sitzen ein paar Dutzend Filmproduzenten. Ob die wissen, dass es die „Arriflex“ gibt? «
Strobel ist sich zwar sicher, dass er diesen Aufsatz nicht geschrieben hat, doch er entspricht ganz seiner Philosophie, Filme zu machen. Ein Jahr nach der Veröffentlichung macht Hans Rolf Strobel seinen ersten kleineren Film, weitere lange Dokumentarfilme folgen, darunter 1958 „Ivan Hellberg, Baggerführer in Kiuna“. Kameramann ist Strobels langjähriger Partner Heinrich Tichawsky. Ab 1958 drehen sie fürs Bayerische Fernsehen nur mehr auf 16mm. 1962 gehören die beiden zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests und sind auch Mitbegründer des Kuratoriums junger deutscher Film.

Hans Rolf Strobel links, Heinrich Tichawsky mit der Kamera, Schauspielerin Heidi Stroh 1967 in Venedig bei den Dreharbeiten zu "Eine Ehe"

Die Arriflex-35-Kamera wird 1967 wieder eingesetzt, als Handkamera in Venedig für den Spielfilm „Eine Ehe“, der in acht Kapiteln die Geschichte einer gescheiterten Ehe und das sich neu entwickelnde Lebensgefühl der Frauen zeigt. Auf 61 Interviews mit geschiedenen Frauen haben die beiden Dokumentaristen ihre Arbeit aufgebaut. Zum Einfluss der Technik auf seine Arbeit sagt Strobel ganz lapidar: „Mich hat noch nie eine technische Anlage oder Möglichkeit inspiriert, etwas zu tun, was ich nicht wollte. Man hat seine Vorstellungen, seine Ideen, sein Konzept, und dann sucht man sich die Technik zusammen, nicht umgekehrt.“

Die Arriflex 35 auf dem Spiegeltitel 1967 über den jungen Deutschen Film

Die Entwicklung der Blimps
Der Wunsch, die Arriflex leise zu machen, kam schon unmittelbar in der Nachkriegszeit auf. Behlfsmäßige Schallschutzgehäuse hatte es als Einzelstücke in unterschiedlicher Ausführung gegeben. Bei Arnold&Richter nahm sich Joachim Gerb der Problematik an, nachdem der neue Greifer 1953 fertig war. Von seinem Vater, einem Physiker und Ingenieur hatte Gerb viel über Schwingungslehre und Schallwellen gelernt. In den Jahren vor dem Krieg entwarf er für seinen Onkel Massenausgleicher für Dampfmaschinen und Dieselmotore. Nun konnte er sein ganzes Wissen in die Konstruktion professioneller Schallschutzgehäuse einbringen.

Der Blimp 120

Zur Körperschallisolation wurde im Blimp ein Rahmen auf 30mm dicken Gummifüßen montiert. Der Gummi hat eine besonders hohe Hysterese und absorbiert den größten Teil des Körperschalls. Die Kamera wurde schnellwechselbar so auf dem Rahmen befestigt, daß sie an keiner Stelle das Blimpgehäuse berührte.
Das Blimpgehäuse wurde aus Magnesium von der Firma Elektron in Stuttgart gegossen. Wenn man mit einem Hammer darauf schlug, dann soll es wie eine Kirchenglocke gedröhnt haben. Der von der Kamera ausgehende Luftschall musste innerhalb des Blimpgehäuses unterdrückt werden, d.h. das Gehäuse durfte durch den emittierten Luftschall nicht in Schwingungen versetzt werden, die es nach außen hin übertragen konnte. Zur Dämpfung beklebt man die Innenwände des Blimps alternierend mit dünnen Schichten aus Blei (ca. 0,3mm) und Leder. Die Schichtdicke erreicht mit einer Abschließenden Schaumstoff- und Stoffverkleidung immerhin die Stärke von ca. 20mm. Klopft man auf einen so ausgekleideten Blimp, dann klingt er wie ein Eichenblock.
Alle Öffnungsflächen sind mit Gummidichtungen versehen, um ihre Elastizität zu erhalten, soll der Blimp mit geöffneten Deckeln gelagert werden. An der Kamera waren einige Veränderungen notwendig. Der Handgriffmotor war für den Blimp undenkbar. Gerb entwickelte ein Synchrongetriebe, das unter der Kamera befestigt wird. Seitlich auf der Getriebeplatte ist ein Netzsynchronmotor montiert. Das Okular wurde fest in den Blimp eingebaut. Für die Kamera ist ein extra Lupendeckel erforderlich, der das Bild als Luftspiegelung ohne feste Verbindung in das Okular wirft.

Photokina Stand mit Blimpgehäuse 120, rechts die gleichzeitig vorgestellte Arricord, die später noch behandelt wird

Am 3. April 1954 eröffnet Theodor Heuss die Photokina. 176 000 Besucher kommen in den folgenden sechs Tagen nach Köln, um sich über die Neuheiten der Foto- und Kinotechnik zu informieren. Am Stand von Arnold und Richter wird der Blimp 120 für die Arriflex vorgestellt. Er macht die Kamera zu einer vollwertigen Atelierkamera, zur „Mitchell des kleinen Mannes“, wie eine Fachzeitschrift bemerkt. In den Blimp 120 können alle bis dahin gelieferten Kameras eingesetzt werden, wenn man zwei kleine Veränderungen am Gehäuse vornimmt.
Die Schutznase der Einbildwelle muss abgeschnitten und gegen eine einschraubbare ausgetauscht werden; am Kompendiumhaltebügel muss seitlich ein Stück abgeschliffen werden.
Bevor die Kamera in den Blimp eingesetzt werden kann, tauscht man den Handgriffmotor gegen den Synchronmotor mit Umlenkgetriebe aus und entfernt das Lichtschutzblech am Objektivrevolver. Mit einem großen Kniehebelverschluss lässt sich sowohl der Blimpdeckel für den Wechsel der Kassette wie auch die Seitentür für das Filmeinlegen öffnen. Das Frontfenster wird seitlich zum Objektivwechsel weggeklappt.
Objektive von 28mm bis 85mm Brennweite können im Blimp eingesetzt werden. Die ersten Blimps haben noch ein Blechkompendium, das dann später aufwendigen Balgenkompendien weicht. An der Rückseite kann man durch zwei Sichtfenster den Tachometer und das Zählwerk am Umlenkgetriebe beobachten. An einer Drehvorrichtung in Form einer `Telefonwählscheibe´ kann die Spiegelblende in Sucheroffen-Position gedreht werden. Der Filmlauf wird über eine Blinkeinrichtung signalisiert. Dazu ist an der Kameraseite das kleine Abdeckblech gegen den Impulsgeber auszutauschen. Komplett mit Kamera, Motor, Kassette und Film wiegt der Blimp 28 kg, ist 43 cm hoch, 32 cm breit und 65 cm lang. Für alle Tonfilmaufnahmen bei Wochenschau, Lehr- und Industriefilmen ist der Blimp 120 das ideale Gerät. Vor allem die Scharfeinstellung mit den großen Schärfenskalen bietet für die Benutzer einen bis dahin bei Arri nicht gekannten Bedienkomfort. Bei einem Preis von ca. 4000 DM werden annähernd 1000 Stück verkauft.

Prototyp des Blimp 300 bei den Dreharbeiten zur "Fischerin vom Bodensee", mit Marianne Hold und Luis Trenker (Mitte)

Der Blimp 300
Die Spielfilmproduzenten kommen mit der geblimpten 120-m-Kamera nicht so gut zurecht. Die 4,5 Minuten Laufzeit sind ihnen zu wenig, außerdem bietet er wenig Bedienkomfort. 1956 dreht der Kameramann Ernst W. Kalinke den Spielfilm „Die Fischerin vom Bodensee“ mit Marianne Hold und Joe Stöckel unter der Regie von Harald Reinl. Das ist nur einer von über hundert Kinofilmen, bei denen Kalinke hinter der Kamera stand. Der gebürtige Berliner ist einer der produktivsten Spielfilm-Kameraleuchte der Nachkriegszeit. Sein Handwerk hat Kalinke unter anderem von seinem Schwager Günther Rittau gelernt, der zu den wichtigsten Operateuren der Ufa zählte. Seit 1948 ist Kalinke Kameramann. Die Arriflex kennt er aus den Nachkriegstagen als Handkamera. Da aber damals alle Spielfilme in Voll-Ton im Atelier gedreht wurden, benutzte er in der Regel die Debrie Parvo, die Superparvo und mit der Einführung des Farbfilms dann die Superparvo Color. Auf vielen seiner Arbeitsfotos ist Ernst. W. Kalinke mit dunkler Sonnenbrille zu sehen. Was heute für den Laien wie Angabe wirken mag, das war damals bittere Notwendigkeit. Wenn auf dem Film direkt scharf gestellt wurde, dann sah man schon von Haus aus wenig durch die Kamera. Wurde dann noch mit viel Licht gearbeitet, musste der Kameramann seine Augen gegen Helligkeit schützen, um sie schneller an das dunkle Lupenbild der Kamera zu gewöhnen.

Ernst W. Kalinke in den Bergen mit einer Arriflex IIC und seinem Assistenten Fritz Baader beim Dreh "Der Edelweiss König" 1975

Ernst W. Kalinke kannte August Arnold recht gut; in der Firma gingen ja alle ein und aus, die intensiv mit Film zu tun hatten. So kam es auch, dass dann Kalinkes Film „Die Fischerin vom Bodensee“ 1958 der erste Voll-Ton-Spielfilm war, der mit einer 300er Blimp-Arriflex gedreht wurde. Über den Inhalt schreibt der Film-Dienst: „Armes Fischermädchen findet über reichen Bräutigam ihren noch reicheren Vater…Derbe Witze im Wechsel mit mildem Herzeleid besorgen jene Filmmischung, die der Menge eine Stunde bescheidener Unterhaltung erlaubt.“
Auch den Blimp 300 konstruierte Joachim Gerb, der mit Kalinke noch aus den Zeiten von Ufa und AFIFA befreundet war. Es war zunächst nur ein Versuchsmodell. Man hatte einfach den bewährten 120er Blimp genommen, oben abgeschnitten und mit einem großen Oberteil versehen. 300-Meter-Kassetten gab es für die Arriflex nicht. Gerb nahm eine Mitchell bzw. Newall 300-Meter-Kassette die er über einen kleinen Lederbalgenadapter mit der Kamera verband. Dadurch war nicht nur das Problem unterschiedlicher Kassettenanschlüsse gelöst, es erfolgte dadurch auch die Abkoppelung der Kassette, und der Körperschall der Kamera wurde nicht auf die Kassette übertragen. Kassetten waren bei allen geblimpten Kameras ein Problem; ungleichmäßig wickelnder Film macht Geräusche, und Hohlkörper wie es die Kassetten sind, wirken als Resonanzboden und können das Laufgeräusch des Greiferwerks verstärken. Das Arri-Gehäuse hatte natürlich keine Möglichkeit, eine 300-Meter-Kassette mit allen auftretenden Kräften in Gang zu bringen und zu stoppen. Deshalb wurde seitlich im Blimp auf drei Gummifüßen ein separater Wickelmotor angebracht, der über ein geräuscharmes Getriebe und einen Endlos-Rundriemen mit Spannrolle die Kassette antrieb.
In den ersten Jahren des Blimp 300 wurde ein pneumatisch gehemmter Steuerschalter verwendet. Beim Einschalten der Kamera lief erst der Wickelmotor an und zog eventuell vorhandene Schleifen in der Kassette stramm. Dann erst startete der Kameramotor. Beim Ausschalten wurde zuerst die Kamera, dann der Wickelmotor gestoppt. So vermied man Rucke im Filmtransport und mögliche Filmrisse. Dieser pneumatische Schalter wurde später durch einen Elektronikschalter ersetzt. In die endgültige Konstruktion des Blimps 300 wurde dann alles eingebracht, was nach den Alltagserfahrungen im Umgang mit dem 120er Blimp als verbesserungswürdig erschien. Für die Schärfeneinstellung gab es jetzt auf beiden Kameraseiten sowie auf der Rückseite Drehgriffe, auf die Kurbeln aufsetzbar waren. Die Schärfenskala war von beiden Seiten sichtbar. Zusätzlich ließ sich nun auch die Blende von außen verstellen, eine Einstellvorichtung, die bei Aufkommen der Zoomobjektive zur Brennweitenveränderung genutzt wurde. Der Brennweitenbereich war zunächst auf 18 bis 85mm begrenzt, wurde aber später durch wechselbare Frontfenster bis auf den Angeniux 10 x 25 Zoom mit 250mm Brennweite und die verschiedenen Anamorphote ausgedehnt. Die Abmessungen des 300er Blimps betragen 80 x 67 x 35 cm ohne Kompendium. Mit Kamera und Kassette wiegt er ca. 62 kg. Damit man bei Filmende nicht weiterdreht – das Rauslaufen des Films war nun nicht mehr zu hören – baute man einen Endabschalter in die Kamera ein. Durch das Zuziehen der herauslaufenden Filmschleife wird ein Hebel im Kamerainneren umgelegt und schaltet den Motor ab. Dieser Schalter kann ab 1958 für 250,- DM bei allen Arriflex-II-A-Kameras nachgerüstet werden. Ein 24-Volt-Gleichstromselbstregelmotor macht den Blimp netzunabhängig. Der Blimp 300 war Anfang 1957 lieferbar und ließ die Arriflex zur Standard-Spielfilmkamera werden. Erst die Arriflex 35BL bewirkte ab 1972 eine grundlegende Änderung.

Der verbesserte Blimp 120S im aufgeklappten Zustand

Der 120S Blimp
Die Verbesserungen des Blimp 300 wurden auf die kleinere Ausführung übertragen. So entstand der Blimp 120S, der ab Anfang 1960 für 7 200,- DM ausgeliefert wurde. Der normale 120er Blimp blieb noch Jahre weiter im Programm. Am Blimp 120S lassen sich die Frontfenster des 300er Blimps verwenden, so dass alle Brennweiten von 18mm bis zum Zoom 250mm einsetzbar sind.

In den 1960er Jahren, der ehemalige Kameramann und damalige Geschäftsführer der Bavaria Film Walter Pindter (links) mit Ernst W. Kalinke vor einem Blimp 120S

Zum Teil 7 der Arriflex Story