Null Toleranz bei der Schärfe

05. Juni 2011

 

Ende Februar habe ich mit einer Sony F3 und den dazugehörigen drei Festbrennweiten drehen könne, dokumentarisch, allein an der Kamera, so wie es bei solchen Dreharbeiten inzwischen üblich ist. Die Kamera macht gute Bilder, da gibt es nichts. Wie gut, das wird man noch erfahren, wenn die ersten Leute sich die Mühen umfangreicher Vergleichests machen.

 

Der Umgang mit der Kamera ist gewöhnungsbedürftig und der Aufbau mit dem hinten angeordnetem Okularsucher ist fragwürdig, weil das Gerät von sich aus schon so groß und schwer ist, daß man mit ihm nicht so unbefangen aus der Hand drehen kann, wie mit der EX-1, V-1 oder vergleichbar aufgebauten Kameras.

Der Objektivwechsel ist mühsam, auch wenn alle drei verfügbaren Brennweiten weitgehend gleich aufgebaut sind. Man braucht schon für das Versorgen der Objektive einen eigenen Assistenten.  

Das größte Problem aber ist die Schärfe. Durch den großen Sensor sinkt der Bereich der Tiefenschärfe drastisch ab und war es schon schwierig, von der SD-TV Auflösung auf die HD-TV Auflösung umzusteigen und eine gleiche Präzision beim Scharfstellen beizubehalten, so ist dies beim Umstieg von einem 2/3“ Sensor auf einen Sensor im APS-C Format kaum zu meistern. Eigentlich gibt es keinen Unterschied mehr zur 35mm Filmproduktion und will man die gleiche Qualität, dann braucht man das entsprechende Personal und die bewährten Arbeitsmethoden. Welcher Kameramann zieht beim Spielfilmdreh die Schärfe selbst?

Bei der Mustervorführung auf großem Monitor (nicht einmal in der Projektion) war ich entsetzt von den vielen Unschärfen und auch von der oft unentschlossen wirkenden Schärfe im Bild. Zum Teil sei das dem schlechten On-Board Monitor geschuldet, der beim Dreh keine so differenzierte Beurteilung erlaubt. Fazit nach dem ersten Drehtag und dem schlechten Gefühl danach: Null Toleranz bei der Schärfe!

Wie kann man es besser machen? Man braucht das nötige Personal, einen versierten Assistenten, der die Schärfe ziehen kann und sie auf den Punkt trifft, der misst, sich Marken setzt, kontrolliert und immer weiß, wo wir und das Objektiv im Raum sich befindet, kurzum, einen Spezialisten.

Man braucht alles, was eine kontrollierte Arbeitsweise ermöglicht, wie wir sie vom Spielfilm und aus der Werbung kennen. Alle hören auf mein Kommando, was schief geht, wird wiederholt.

„Die Schärfe liegt jetzt auf Deiner Hand, jetzt nimm sie mal aus den Bild und Du legst wieder an die gleiche Stelle der Tastatur und beginnst zu schreiben“. Wer die Szene unter Kontrolle hat, der wird auch mit Kameras und großem Sensor keine wesentlichen Probleme haben.

Woher kommt der Hype auf den großen Sensor, woher kommt das ewige Gerede vom Kinolook?

35mm Kameras produzieren einfach Bilder, die anders ausschauen, als Bilder die mit 16mm oder 2/3“ Broadcast Kameras aufgenommen werden. Zuschauer registrieren so etwas unterschwellig, nehmen Filmkorn, Bildstandfehler, Unschärfen wahr und ordnen sie emotional mit ihren bisher gemachten Erfahrungen ein. Wer die Formen des Kinos imitiert, bekommt entsprechende Aufmerksamkeit. Mitte der 80er Jahre haben wir einen Parteiwerbespot mit einfachen schwarzen Balken gekascht und auf dem 4:3 Bildschirm den Eindruck eines Kinofilms erzeugt; so einfach konnte das sein. Dann kam man durch einen PL-Direktors-Viewfinder bei P+S Technik auf die Idee, den Look des Kinoformats über ein Mattscheibenzwischenbild auf Video zu imitieren und in Folge dessen entstand eine ganze Industrie, die die sogenannten DOF-Adapter baute und lieferte. Aber all dies wurde hauptsächlich für den Werbefilm eingesetzt und benutzt, später auch von Filmamateuren, um mit wenig Geld eine kostspielige Produktion vorzutäuschen.

Die letzten 50 Jahre Filmtechnik haben uns, seit es die ersten Synchronton-Dokumentarfilme gibt, eine Reihe von Errungenschaften gebracht, die das dokumentarische Arbeiten wirtschaftsverträglich für unsere Zeit möglich machen. Dazu gehören Available-Light-Kameras mit Normalempfindlichkeit von 800 ASA, Zoomobjektive mit Faktor 22 und mehr, Tonsynchronaufnahme mit bis zu 8 Spuren, Highdefinition Aufzeichnung bis zu 90 Minuten Länge auf einen Träger mit 35€ Materialkosten, 2/3“ Bildfeld mit verträglicher Tiefenschärfe. Die viel zitierten Direkt-Cinema-Pioniere Richard Leacock und D.A. Pennebaker haben diese Technikentwicklungen mit angestoßen und vorangetrieben. Beobachten und Dabeisein mit der Kamera wurden plötzlich möglich und werden heute teilweise als Direkt Cinema mit Draufhalten gleichgesetzt und verpönt.

Woher kommt nun der Hype, den der grosse Sensor bei DSLR und den neuen Video-Kameras auslöst?

Abgesehen davon, daß er das Arbeiten schwieriger macht und den Aufwand nach oben treibt, bekommen wir mit diesen Kameras den Eindruck des grossen Kinos. Ein Werbefilmer spart dabei Geld, aber ein Dokumentarfilmer - und um die geht es hier - zieht sich ein Mäntelchen an, daß ihm nicht so gut steht.

Hinter diesem unterschwelligem Wunsch, so zu sein, wie die Welt des großen Films, steckt die eigentliche Problematik dieser Haltung, denn wenn man so sein will, dann ist man auch bereit oder sogar gezwungen, sich auch so zu verhalten. Man gleicht als Dokumentarfilmer nicht nur sein Produkt in den äußeren Merkmalen der Hollywood-Welt an, sondern muß, und das ist der Zwang der Technik und Ökonomie, auch seine Produktionsweisen angleichen. Weil ich einen hochwertigen (Primetime) Dokumentarfilm drehe, übernehmen die Darsteller vor der Kamera die Rolle unbezahlter Schauspieler. Im besten Fall sind sie Darsteller ihrer selbst, wenn es schlimmer kommt, stellen sie sich selbst dar, entsprechend der Vorstellungen des Regisseurs und der hinter dem Projekt stehenden Redaktion, und müssen sich den Argumenten der Verkäuflichkeit beugen. Ist dann der Mensch vor der Kamera noch ein Individuum, das man mit den filmischen Mitteln erforschen will, dessen Selbstsein man herausfinden und vermitteln will, idealer Weise destilliert zu einer Essenz, die dem späteren Zuschauer Erkenntnis bringt, Erkenntnis über sich selbst, die anderen und die Welt, in der er ununterbrochen nach Orientierung sucht?

Vielleicht ist er jemand, der etwas herstellt und der durch sein sich zur Schau stellen sein Produkt in den Focus der Aufmerksamkeit rückt, einen Vorteil erhofft und deshalb mitspielt: der Prototyp des Prominentenfernsehens, bei dem sich diejenigen die Studiotürklinke in die Hand geben, die gerade ein Buch, eine CD, einen Film oder neue Faltencreme auf den Markt gebracht haben und nun massenhaft verkaufen wollen.

Dokumentarisches und gute Bilder sind kein Wiederspruch. Das zeigt schon die dokumentarische Fotografie. Seltsamer Weise hat sich die dokumentarische Fotografie nie an den Werbe-Ikonen orientieren wollen und auch von der Glamour Fotografie ist nichts in den dokumentarischen Bereich abgefärbt; andersherum aber hat die Werbung immer wieder Anleihen bei der dokumentarischen Fotografie genommen.

Aber im Film wollte Hollywood immer wirklicher sein als die Wirklichkeit und setzt dafür Millionen ein. Mit seiner Markführerschaft kolonialisiert es das gesamte Filmschaffen und massenhaft laufen deshalb Filmer zu Praktiken und Techniken über, um wenigstens ein kleines bisschen vom großen Kino in ihre kleinen Filmchen zu bringen.

Das Trimmen des Dokumentarfilms zum Kino-Look ist der Versuch mit polierter Oberfläche das Publikum einzufangen, dokumentarischer wird der Film dadurch nicht, im Gegenteil, er wird entrückt in Richtung Unterhaltungsindustrie.

 

Hans Albrecht Lusznat 

(erschienen im Film&TV Kameramann Heft 05/2011 www.kameramann.de und bei Film-Tv-Video

http://www.film-tv-video.de/225.html?&tx_ttnews[tt_news]=42155&L=0&no_cache=1)