Wir Krefelder

09. Juli 2011

 

Rudolph Brass ist der Mann mit dem karrierten Hut und der Nikon vorne links

Es ist nicht unbedingt rühmlich, wenn man seine Jugend in der Provinz verbracht hat. Mich hat es als Flüchtlingskind an den Niederrhein verschlagen, genauer gesagt nach Krefeld, eine Stadt die Geburtsort von Josef Beuys ist, sonst aber außer einem attraktiven Kunstmuseums nicht sehr viel außerordentliches zu bieten hatte. Gerne habe ich im Lebenslauf marginal geschrieben, Schulzeit am Niederrhein und Krefeld verschwiegen.

 

Rudolf Brass fotografiert Herbert Wehner im Wahlkampf 1972

Jetzt ist Krefeld plötzlich zum Angelpunkt der Fotowelt geworden. Rudolpf Brass hat von 1965 bis 2003 als Zeitungsfotograf ungefähr 1,5 Millionen Bilder gemacht und davon sind jetzt 30 000 online im Internet unter www.Krefelder-fotoarchiv.de zu sehen. Und natürlich habe ich wie viele andere wahrscheinlich auch, gleich den Bilderberg durchgeschaut, ob ich auf einem dieser Fotos mit drauf bin. Dem war nicht so, verständlich weil jeder Fotograf von Haus aus versucht, die Kollegen von seinen Bildern fernzuhalten, denn der Betrachter soll den Eindruck der Exklusivität haben, und alles was nach Medienrummel aussieht ist nicht so attraktiv. Bei den Ereignissen sind die Reporter oft in der Gruppe erschienen, haben das Geschehen für ihr Foto in eine günstige Form gebracht, um nicht zu sagen, in Szene gesetzt und waren dann auch schon wieder weg. Die Fotos der drei Tageszeitungen waren dann auch alles in allem relativ ähnlich.

Einmal habe ich mich auf einem Foto entdeckt und es ausgeschnitten, Prozente waren schon immer Thema der FDP

Das Krefelder-Fotoarchiv ist ein unglaublicher Schatz denn es dokumentiert die Zeit so ausführlich, wie man es sonst im Internet selten findet. Heute interessiert an den Bildern mehr das drum herum denn das eigentliche Ereigniss. Was hatten die Leute damals an? Wie sahen die Straßen aus? Was für Werbung gab es?...

Rudolf Brass inszeniert Oberbürgermeister Hauser beim Altweiberfasching 1973

Ich habe meine Bilder durchforstet und nach Rudolf Brass Ausschau gehalten und bin in einigen Fällen fündig geworden. In den 1970er Jahren gab es in Krefeld vier Fotografen, die für die drei Tageszeitungen WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung), Rheinische Post und NRZ (Neue Rhein Zeitung) arbeiteten.

Axel Gayk beim Fasching 1970

Axel Gayk war der Senior und arbeitete für die WAZ. Rudolf Brass war zwanzig Jahre älter als ich und fotografierte für die NRZ und Erhard Beier war für die Rheinische Post unterwegs. Letzteren habe ich einmal bei seiner Arbeit begleitet und werde in nächster Zeit die Bilder aus dem Archiv kramen, um hier den Alltag eines Pressefotografen in der Provinz zu dokumentieren.

Axel Gayk links und Rudolf Brass rechts, und für ein gutes Bild haben sie sich auch ins Zeug gelegt.

Die ersten Fotos in Krefeld habe ich 1968 gemacht und 1974 bin ich nach München gegangen. 1973 ein Jahr nach der Olympiade gab es in der Provinz die „Krefeldiade" . Dort habe ich mit primitiven Mitteln einen Vorhang aufgebaut und über mehrere Tage Menschen einfach und ohne Anweisungen vor dem neutralen Hintergrund fotografiert, unter dem Motto: Wir Krefelder. Und weil ich seit Januar 1972 Besitzer einer Leica M4 mit einem 3.4/21mm Super Agulon war – das Geld reichte nicht für ein weiteres Objektiv – habe ich alles mit dem Super Weitwinkel Objektiv fotografiert, was durchaus dem Zeitgeist entsprach. Die Bilder wurden im Februar 1974 im Krefelder Bildungswerk ausgestellt. In der Galerie gibt es jetzt eine Sammlung von 200 Fotos aus dieser Serie.