Dreharbeiten im Reinraum

25. September 2011

Foto:  Firmenbroschüre Siltonic AG

 

Immer wenn Staubpartikel oder Keime die Produktion oder Forschung behindern, sind Reinräume unterschiedlicher Klassen angesagt. Klasse 10 (ISO1) bedeutet beispielsweise, dass auf einem Kubikmeter Luft nur 10 Partikel der Größe 01.µm und nicht mehr als 2 Partikel der Größe 0,2

µm vorkommen dürfen. Die Reinraumtechnik erreicht diese Werte durch ausgetüftelte Schleusensysteme und eine Belüftungstechnik, bei der die gefilterte einströmende Luft senkrecht von der Decke des Raumes zum Boden fällt und dort wieder abgesaugt wird. Reinräume stehen unter leichtem Überdruck um das Eindringen von Außenluft zu verhindern. Gegebenen Falls kann das Austreten von Keimen durch Unterdruck verhindert werden.

 

Dreharbeiten in Reinräumen erfordern eine entsprechend aufwendige Vorbereitung und beim Einbringen einer Filmausrüstung in den Reinraum ist mit gut einem halben Arbeitstag zu rechnen. Materialien wie Stoff, Papier, Pappe, Klettverschlüsse, Gaffertape, Klebestoff- Restbestande, Lederriemen, Bänder, Taschen, Kamerataschen, Portabrace-Überzieher, Folien, dürfen nicht in den Reinraum gebracht werden und sind vorher auszusondern oder zu entfernen.

Geräte mit Lüfter dürfen nicht verwendet werden. Bei Kameras, Videorekordern, Monitoren und Beleuchtungsvorschaltgeräten mit eingebautem Lüfter ist dieser vorher Softwaremäßig auszuschalten. Andernfalls muss man entsprechende Lüfterlose Geräte wählen.

Die von allen groben Verunreinigungen befreiten Geräte (idealer Weise sind sie alle mit Druckluft vorgereinigt) werden in eine Reinraummaterialschleuse gebracht und dort dann Reinraum gerecht gesäubert. Dazu gibt es entsprechende Flüssigkeiten mit oder ohne Alkohol-Zusatz und entsprechende Säuberungstücher aus fusselfreien Materialien. Alle Oberflächen werden feucht abgewischt. Kritische Details können mit einem Reinraumklebeband - ähnlich breit wie Packpapierklebeband – abgeklebt werden. Es gibt auch eine spezielle Reinraumstretchfolie mit der sich kritische Objekte einwickeln lassen. Wir haben beispielsweise die Polsterung der Steadicamweste komplett mit der Reinraumfolie umwickelt und mit dem Klebeband verklebt, so dass nur die Metallanschlüsse offen waren.

Das Betreten des Reinraumes ist nur mit Reinraumkleidung möglich. Wie sie angezogen wird, dafür hat jeder Reinraumbetreiber entsprechende Schulungsunterlagen, die für Mitarbeiter von Fremdfirmen konzipiert wurden. Hier nur eine Vorgeschmack auf das Prozedere:

 

Überschuhe über die vorhanden Schuhe anziehen

Haarnetz über die Haare stülpen und Haare vollständig bedecken

Unterhandschuhe anziehen

Kopfhaube überziehen

Mundschutz umbinden

Overall so nehmen, dass er den Boden nicht berührt und von hinten einsteigen

Überschuhe anziehen und verschließen

Reinraumhandschuhe über die Handschuhe anziehen

 

Den Reinraum betritt man danach meist durch eine Luftdusche, unter der man sich mit erhobenen Händen einmal um die Achse dreht, damit anhaftende Partikel entfernt werden.

Der Wechsel von einem Reinraum höherer Klasse in einen Reinraum niedriger Klasse ist nicht einfach möglich. Man muss die Kleidung in umgekehrter Reihenfolge wieder ablegen und dann die entsprechende Kleidung für den Reinraum niedriger Klasse anziehen, weil sonst die wiederverwendbare Kleidung in den Reinräumen niedriger Klasse kontaminiert wird. Hans Albrecht Lusznat