Filmtips fürs 32. Dokfest München 2017

28. April 2017

Am Donnerstag den 3. Mai beginnt das 32. Internationale Dokumentarfilmfestival München mit einem Programm von 157 Filmen aus 45 Ländern aufgeteilt in 12 verschiedenen Reihen. Die hier vorgestellte Filmauswahl nimmt keinerlei Rücksicht auf Reihen, Sonderschauen oder Aktualität der Filme, auch spielt es keine Rolle, wer die Filme gemacht hat. All diese Informationen findet man im Festivalprogramm (www.dokfest-muenchen.de). Die Beschreibungen beziehen sich auf das was man sieht, hört und in Titeln liest. Die folgenden Filme habe ich gesehen und gebe hier meine ganz persönlichen Tipps mit einer Abstufung von fünf bis null Sternchen.

Zahlen Dokfest 2017:

157 Filme aus 45 Ländern
31 Weltpremieren
68 Deutschlandpremieren

17 Spielorte, 23 Leinwände
12Reihen mit 13Preisen und  50.000 Euro Preisgeld

 

Erscheint massenhaft, diesmal muss die 40 Tausender Marke geknackt werden!

Die Auswahl der in den folgenden Tipps versammelten Filme ist eher zufällig und durch Verfügbarkeit in der Preview bestimmt, aber wahrscheinlich irgendwie schon repräsentativ und in Rückblick auf die letzten Jahre sind vielleicht gewisse Tendenzen in der Entwicklung des Dokumentarfilm Genres ablesbar.

Nimm drei

Es ist ein bewährtes Rezept für die Dramaturgie eines Dokumentarfilms auf die dreier-Konstellation zurück zu greifen. Drei Protagonisten, aus drei Ländern mit drei Absichten. Das macht sich immer gut vor allem weil drei ineinander verwobene 30 Minutenfilme besser tragen, als ein 90 Minutenfilm über eine Person. Auf dünnem Eis - die Asylentscheider, Zwischen den Stühlen und Almost there.

Klassisches Format

4:3 ist wieder da. Das nimmt man als Zuschauer ganz selbstverständlich und es entsteht nicht der Eindruck, hier wird ein alter Film oder Archivmaterial gezeigt. Brexitannia und Wrong Elements sind in 4:3 gedreht. Auf der anderen Seite steht Cinemascope, was aber für den Dokumentarfilm wegen der recht teuren Objektivsätze eher nicht in Frage kommt. Man kann es auch anders lösen: Für Große Oper haben die Macher das Bild einfach entsprechend gekascht, was natürlich bei der Ausrichtung der Kamera eine extrem genaue Führung der Linien verlangt. Ebenfalls im Seitenverhältnis 1:2.35  On the Edge of Happiness und La Tempestad Calmada. 

Drohnen

Es gibt Moden auch in der Kameraarbeit, die kommen und gehen. Wir haben Zeitraffer Aufnahmen beobachtet, Tilt-Aufnahmen mit Modellbahncharakter, Leicht-Kranaufnahmen, die durch die Gegend schwenkten, Gimbal Gewackel, exzessive Unschärfe und Drohenflüge.

Kein Film ohne Drohne, ist kein Thema mehr: Von den Filmen, die hier besprochen sind, verwendet nur Swagger, Ein Moderner Mann, und Dreamboat Drohenflüge, und immer sind sie von der Geschichte motiviert und geben dem Zuschauer notwendigen Überblick.

Schnitt

Schnitt-technisch möchte ich jedem den Film Swagger ans Herz legen; hier hat der Regisseur durch geschickte Positionierung der Kameras und durch Blicke der Jugendlichen erreicht, aus den verschiedenen Interviews eine große Gesprächsrunde zu schaffen, wo alle zuhören wenn einer spricht.

 

Grosse Oper, Dokfest Leiter Daniel Sponsel, Regisseur Toni Schmidt, Produzent Jörg Bundschuh

Der besondere Film der Pressekonferenz

Bei der Pressekonferenz besonders herausgestellt wurde der Film Große Oper, eine Langzeitdokumentation, wenn man Dreharbeiten über ein Jahr hinweg so bezeichnen will. Es geht um die Münchner Oper, ein Unternehmen mit ungefähr 600 Festangestellten und 300 freien Mitarbeitern. Die Uraufführung des Werkes findet natürlich in der Oper statt. Regisseur Toni Schmidt ist im Hauptberuf Ministerialdirigent unter dem bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle, und so auch für die Oper zuständig, was natürlich das Filmen im „eigenen Haus“ erleichterte, möchte man meinen. Nein, das Gegenteil war der Fall, versichert Produzent Jörg Bundschuh, man musste sich das Vertrauen der Opernmitarbeiter und Künstler erst verdienen. Für die große Oper hat man sich dann auch für das große Format von 1:2.35 entschieden, zwar kein anamorphotisches, aber ein zurechtgestutztes Verfahren.

Die Filme:

El Color des Camaleon    [Vater-Film, Chile, Militärdiktatur]

Es fängt ganz harmlos an, mit privaten Videoaufnahmen vom Skifahren mit Kindern, erkennbar durch das 4:3 Format schon gute 20 Jahre alt. Dann ein Kameramann, der sich eine Schutzweste anzieht, um an der Mauer zwischen Israel und Palestina zu berichten. Es geht um den Kriesenreporter Jorge Lübbert, der Sohn berichtet, ein Vater-Sohn Film. Immer wieder machen Söhne Filme über den Vater um Brüche in der Kommunikation zu verarbeiten und hier spürt man schon am Anfang, das es einen gewaltigen Bruch gibt, der Vater kann oft nicht antworten, bittet um Zeit. Er ist während der Pinochet Zeit aus Chile in die DDR geflohen, aber dass das nur ein Teil der Geschichte ist, erfährt der Sohn, als er in den Stasi-Unterlagen des Vaters liest. Langsam dringt man in eine verworrene Vergangenheit vor, in der die Rolle des traumatisierten Vaters zwischen Opfer und Täter schwangt.

Sehenswert****

 

SWAGGER    [Jugendliche, Lebensentwürfe]

Zu Beginn ein Drohnenflug durch eine nächtlich Großstadt Siedlung, die Kamera schwebt Engels gleich vom Himmel herab, passiert die Hochhausfronten mit ihren erleuchteten Fenstern, um dann auf ein offenes zuzusteuern, dahinter erkennbar schon aus der Ferne ein schwarzer Junge an einer Nähmaschine, und schließlich endet diese Bewegung im Zimmer bei dem Jungen. Ein Drohneneinsatz vom Feinsten. Von elf Kindern/Jugendlichen in einer Vorstadt im Norden von Paris handelt dieser Film, fast alle dunkelhäutig, und alle Migrantenkinder. Sie besuchen den Collège Claude Debussy in Aulnay- Sous-Bois und erzählen über ihr Alltagsleben, über die Beziehung zu den Franzosen, über ihre Zukunftsvorstellungen, ihre Träume und Ängste.Das alles ist gut fotografiert als fiktives Gespräch angeordnet mit einer immer wieder über die Achse springenden Gesprächsführung, bei der scheinbar jeder jedem zuhört. Unterbrochen wird der virtuelle Dialog durch Alltagsszenen und Selbstinszenierungen der Jugendlichen. Mit dem Titel sind wir wieder bei dem Jungen an der Nähmaschine, der sich besonders kleidet, todschick: swagger.

Sehenswert*****

 

AUF DÜNNEM EIS – DIE ASYLENTSCHEIDER   [Flüchtlinge, Asylpolitik]

Drei und drei als Grundformel der Dramaturgie. Drei Asylbewerber, aus dem Iran, Afghanistan und dem Sudan werden in diesem Film während ihrer Anhörung bei drei Entscheidern gezeigt, beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bingen und in Hamburg. Es ist ein schwieriges Geschäft und im Jahr 2016 hat es 745.545 Anträge gegeben, die 1775 Entscheider bearbeiten sollten, welche nach dem Gesetz in jedem Einzelfall prüfen müssen, ob das Asylrecht zutrifft. Zwischendurch erfährt man mehr über die fünf Wöchige Ausbildung der Entscheider in Nürnberg und einer aus diesem Crashkurs führt dann am Ende des Films selbst eine Befragung durch. Letztlich begreift man das Dilemma der Entscheider zwischen Empathie und Sympathie für das Schicksal der Flüchtlinge auf der einen Seite gegenüber der Notwendigkeit eine dem Gesetz entsprechende und dem Fall angemessene Entscheidung zu treffen.

Sehenswert***

 

WRONG ELEMENTS   [Kindersoldaten, Uganda]

Der Busch ist das unspektakulär zugewucherte  Land, das sich über den Norden von Uganda erstreckt. Geofrey wurde mit 13 Jahren von den Rebellen der LRA  des Joseph Kony entführt und zum Kindersoldaten gemacht. Die Lord`s Resistence Army ist eine im Norden Ugandas und im Süd-Sudan operierende esoterisch-militante Terrorgruppe, deren Umtrieben mehr als hundettausend Menschen zum Opfer fielen. 60.000 Kinder wurden entführt, Geofrey, sein Freund Mike die Freundin Nighty konnten nach mehreren Jahren entkommen und versuchen nach einer Amnesty ins normale Alltagsleben zurückzufinden. Für den Film werden erlebte Szenen nachgestellt und die drei begeben sich auf die Suche nach Spuren ihrer ehemaligen Lager. Dabei schwelgen sie auf der einen Seite in Erinnerungen, als wenn die Vergangenheit ein Ausflug ins Feriencamp war, auf der anderen Seite kommen immer wieder Brüche zum Vorschein, die seelische Verletzungen. Die Filmemacher begleiten die ugandische Armee auf der Suche nach der LRA, unter den Soldaten ein Überläufer.

Der Film ist in 4:3 gedreht.

Sehenswert***

 

NO WERE TO HIDE   [Bürgerkrieg, Irak]

Ein Mann im weißen Gewand kommt in der Wüste auf die Kamera zu. Ganz dicht vorm Objektiv, so als halte er das Gerät selbst, spricht er über seine Not, über die Hoffnungslosigkeit der Situation. Früher, im Dezember 2011, arbeitet Nori Scharif im Jalawla Hospital im Irak als Krankenpfleger und Sanitäter in der Ambulanz. Seit dem Abzug der Invasionsarmee der `Koalition der Willigen` 2010 herrscht Bürgerkrieg im Irak. Entsprechend hecktisch ist die Situation im Krankenhaus. Der Filmemacher rüstet Nori mit einer Kamera aus und bittet ihn den Alltag und die Situation im Irak zu dokumentieren, und diese Aufgabe nimmt er ernst. Mit der Kamera besucht er die Opfer von Schießereien und Bombenattentaten, Leute die zuvor im Krankenhaus waren und befragt sie. Dazwischen filmt er seine Familie, den Alltag im Irak. Geschicht sind die Aufnahmen des Filmemachers mit den Bildern von Nori verwoben. Die Kämpfer des IS rücken vor, der Krieg kommt näher und Nori filmt nur mehr sich und seine Familie auf der Flucht. Interessant ist, wie sich Noris Ausdrucksweise mit der Kamera verbessert. Unbegreiflich bleibt, wer in diesem Land gegen wen kämpft und welchen Sinn der Terror hat. Man ist mitten drin, wie die anderen 30 Millionen Iraker.

Sehenswert*****

 

JOHN BERGER OR THE ART OF LOOKING  [Portrait, Literatur]

Es ist ein klassischer Portrait-Film zum 90sten Geburtstag des britischen Schriftsteller, Kunstkritiker und Drehbuchautor John Berger, der in den 70er Jahren die Drehbücher zu einigen Filmen von Alain Tanner schrieb, darunter zu „Jonas, der im Jahre 2000 25 Jahre alt sein wird. Anfang der 70er Jahre hat Berger für die BBC eine Filmserie „Learning to see“ moderiert, und dieser Stimme hört man einfach gerne zu. Der Film versammelt Freunde und Familie, die sich über den Künstler äußern, ist ruhig und solide gemacht und auch deshalb sehenswert, weil das Sehen immer eines der großen Themen von Berger gewesen ist.

Sehenswert***

 

NO PLACE FOR TEARS    [Kampf um Kobane]

In einem kurdischen Dorf der Türkei, in Sichtweite zu Kobane, haben sich Flüchtlinge gesammelt und schauen über die Grenze zu, wie in ihrer Stadt der Krieg tobt. Es ist ein Ausharren mit vielen Gesprächen, mit Menschenkette  und Theateraufführungen. Im Januar 2015 ist Kobane vom IS befreit und die Leute kehren in eine zerstörte Stadt zurück, wo über Straßenzüge hinweg kein Haus mehr steht. Die Kamera begleitet einen Lehrer und Schüler, die in der verwüsteten Schule Einzelteile von Musikinstrumenten zusammensuchen, einen Jungen, der aus den Trümmern verwertbare Metallstücke birgt, Kinder, die Munitionshülsen sammeln. Manchmal sprechen die Menschen wie inszeniert pathetisch über Kurdistan und als Betrachter versteht man nicht, wem sie hier etwas vormachen. Immer da, wo der Film sich auf ruhige Beobachtung verlässt, wird er besonders stark.

Sehenswert**

 

KOMUNIA  [Familie, Behinderung]

Nikodem ist Autist und das Anziehen einer Hose bereitet ihm Probleme. Er steht kurz vor der Kommunion und muss die mündliche Prüfung bestehen, dafür lernt seine ältere Schwester mit ihm, die 14 jährige Ola. Sie kümmert sich als einzige in der Familie, um die Dinge des Alltags. Der Vater trinkt, die Mutter ist mit dem jüngsten Kind abwesend, eigentlich schon längst ausgezogen. Ola ist zerrissen zwischen Pflicht und eigenem Interesse, sie ist die Hauptperson des Films gezwungen in eine Sisyphos Rolle. Es gibt eine wunderschöne Szene, in der sie auf der Waschmachine sitzt, und sich an den Küchenmöbeln festhält, um die Vibrationen beim Schleudern zu bändigen. So erdrückend die psychische und physische Enge in dieser Familie ist, so wunderbar intim und zurückhaltend sind diese Alltagsbeobachtungen.

Sehenswert****

 

CAMERAPERSON    [Selbstportrait, Kamerafrau]

Foca in Bosnien. Eine Schafherde kommt, zieht samt Hirten auf Pferd vorbei, die Kamera wird nicht ausgeschaltet, rennt vor versucht die Herde ein zweites Mal aufzunehmen, ist am Boden, da werden in letzter Sekunde noch ein paar störende Grashalme vor dem Objektiv ausgerissen, und dann marschieren die Tiere zum zweiten Mal durchs Bild. Kirsten Johnson ist Kamerafrau und Dokumentarfilmerin und hat hier aus dem Material vieler Filme Stücke zusammengesucht, die sie besonders beeindruckt haben und in denen es um das Filmemachen geht. Immer wieder sind kleine Missgeschicke eingebaut, Szenen, die normalerweise wegfallen, Putzen eines Autofensters, das Anstoßen beim Rückwärtsgehen mit Kamera und die Erschütterung der Kamera durch ein Niesen. Und es geht um Begegnungen, wie nah kann man einem Boxer kommen, der frustriert und aggressiv aus dem Ring klettert, wie verhält man sich, wo das Filmen verboten ist. Einmal kommt Johnson selbst ins Bild, zusammen mit ihrer dementen Mutter. Die Drehorte sind über die ganze Welt verteilt und weil Johnson hauptsächlich für Dokumentarfilmer arbeitet, durfte sie das Material verwenden.

Sehenswert***

 

BREXITANNIA     [Europa, Brexit]

Zuerst fallen die Formalien auf, denn dieser Film scheint strengen Regeln zu folgen. Einundzwanzig Minuten lang sieht man Statements zum Brexit von verschiedenen Leuten, die mehr oder weniger kontinuierlich in die Kamera schauen, die Bilder in 4:3 und in schwarzweiß. Dann kommen erste Zwischenschnitte, nicht viele aber hin und wieder. Die Bilder selbst folgen in Form und Aufbau keiner strengen Logik. Mal stehen die Leute außen, mal Innen, mal weiter weg mal näher an der Kamera, oft stehen sie, manchmal sitzen sie, aber es gibt immer deutlich mehr zu sehen als die Person. Die Kardrage entspricht Fotos, die mit einer Boxkamera gemacht wurden, oft sind die Köpfe mehr am Bildzentrum mit enormen Headroom. Der Film besteht aus zwei Teilen, im ersten aus den normalen Menschen aus allen Teilen Großbritanniens, wie man an Hand der verschiedenen Dialekte erahnen kann, im zweiten aus Experten, die dann aber, um aus den Gesprächen verwertbare Stücke für den Film zu schneiden, unterbrochen von diversen Zwischenschnitten sind, die beispielsweise exzessiv Schuhe an laufenden Füßen oder Schaufensterpuppen zeigen. Inhaltlich würde das Ganze auch als Hörspiel funktionieren, dann aber ohne den Genuss des Schauens, weil sich doch vieles aus dem Umfeld der Personen entnehmen lässt.

Sehenswert**

 

ZWISCHEN DEN STÜHLEN           [Schule, Langzeitbeobachtung ]

Anna, Ralf und Katja beginnen ihre Referendar Zeit als Lehrer für Grund-, Gesamtschule und Gymnasium. Es ist eine typische Dreier-Konstellation. Hier macht sie besonderen Sinn, denn die drei sind so unterschiedlich von Verhalten und Auftreten, dass auch der Laienzuschauer gern gute Ratschläge geben möchte. Der Alltag beim Unterricht in den Klassen mit all den Kindern, die Gespräche mit Kollegen und Prüfern in Klassenzimmern und Seminaren sind gut und intensiv beobachtet, unterschiedliche Stimmungen und Gefühlslagen sprechen für sich. Hin und wieder springt man ins Privatleben. Ralph ist zweifacher Vater, Anna scheinbar alleinerziehende Mutter. Nichts wird kommentiert, Alles erschießt sich aus den Beobachtungen. Ein klassischer gut gemachter Dokumentarfilm und ein Lehrfilm für alle, die diesen Beruf ergreifen möchten.

Sehenswert****

 

LETTERS FROM BAGDAD   [Portrait, naher Osten]

Der erste Eindruck: Nur Archivmaterial, aber das täuscht. Die Lebensgeschichte der Gertrude Bell, einer Art weiblichen Larwence auf Arabia, wird mit sehr viel historischem Film- und Fotomaterial erzählt; darin eingestreut sind die fiktiven Statements ihrer Zeitgenossen, die sich in Ausstattung und filmischem Look kaum von dem restlichen Material unterscheiden. Bell war eine der ersten Oxford Studentinnen und ihr Studium (Frauen durften nur Gasthörerinnen sein) mit Auszeichnungen abgeschlossen führte dennoch nicht zu einem akademischen Grad. Als Forschungsreisende hat sie sich viel im nahen Osten aufgehalten.

In diesem Film steckt sehr viel Arbeit und es wird ein Fülle an historischem Filmmaterial ausgebreitet, so - wüsste man es nicht besser - man glauben könnte, das Fernsehen oder die Wochenschau hätte es schon damals gegeben. Die am Film Mitwirkenden und in den Kredits gelisteten könnten locker das Premierenkino füllen.

Sehenswert**

 

ALMOST THERE   [Lebensabend, Selbstverwirklichung]

Gleich das erste Bild ist eine Wucht: Ein Recreation Vehicle steht auf einem Parkplatz vor einer amerikanischen Vorstadt Gewerbegebiet Kulisse, daneben zwei Rollenkoffer und hinter dem Fahrzeug kommt ein Mann hervor und packt die Koffer in den Wohnbereich des Wagens. Aus dem Off liest er sich selbst eine Checkliste der Dinge vor, die er vor der Reise beachten muss.

Der Film zeigt drei Männer, die im letzten Drittel ihres Lebens etwas Neues versuchen. Robert stellt seine Sachen in einer Garage unter und fährt mit dem Wohnmobil durch Amerika.  Steve arbeitet als Dragqueen in Blackpool und verlässt England für den sonnigen Süden in Benidorm, auch weil dort sein Publikum hin abgewandert ist, und der Japanische Ex-Geschäftsmann Genyi übt und lernt das Vorlesen von Kinderbüchern, weil er das bei seinen eigenen Kindern verpasst hat. Irgendwie treibt alle die Frage um, worum es im Leben eigentlich geht. Die alten Männer haben etwas zu sagen und sie sprechen konsequent aus dem Off. Hin und wieder treffen sie auf andere Menschen, die sich zum Thema äußern, dann im On direkt an die Kamera gewandt. In besonders lustvoll durchkomponierten Bildern findet eine reduzierte Handlung statt, man lauscht den Überlegungen und Gedanken der Protagonisten und genießt die Fotografie.

Sehenwert****

 

DEPORTATION CLASS   [Abschiebung, Asylpolitik]

Abgelehnte Asylbewerber können, falls sie nicht freiwillig ausreisen, abgeschoben werden. Der Film begleitet eine solche Abschiebemaßnahme in Mecklenburg Vorpommern, wo es zwei albanische Familien trifft, die von Polizei und Ordnungsamt in den frühen Morgenstunden aus der Wohnung geklingelt und zum Flugplatz gebracht werden. Mit einer eigens gecharterten Maschine werden sie zurückgeflogen, daher der Filmtitel. Die Filmemacher besuchen die Familien später in Albanien. Auf der einen Seite viel persönliches Leid, auf der anderen Verwaltung und Exekutive, die sich auf ihre Pflicht zum Vollzug gesetzlicher Bestimmungen berufen. Dazwischen Anwälte, die für die Flüchtlinge eintreten, von der Unmöglichkeit sprechen, beweiskräftige Unterlagen über die individuelle Gefährdungslage aus dem Herkunftsland zu bekommen. Und dann gibt es noch einen Lehrer, dem auf diese Weise eine Schülerin abhanden gekommen ist, während weitere Schüler vor der ihnen drohenden Abschiebung zittern. Der ganze Aktionismus ist auch eine Show für die Wähler mit der Botschaft, wir tun was, und für die anderen abgelehnten Asylbewerber, fahrt freiwillig heim.

Sehenswert**

 

ALLES WEGEN OMI   [Freundschaft, Lebensentwürfe]

Eine Straße in Australien, der Filmemacher am Lenkrad, auf der Suche nach einer Adresse. Einstöckige Vorstadthäuser auf Stelzen mit Vorgarten, eine Begegnung mit einem älteren Herrn, ein Wiedersehen. Was ist die Vorgeschichte?  Zu Weihnachten 1955 lud eine ältere Berlinerin im Zuge eines Zeitungsaufrufs zwei britische Besatzungssoldaten zum Weihnachtsfest. Gekommen ist dann nur einer im Rock, ein Schotte in seiner Ausgehuniform, den der 10 jährige Enkel von der Straße heraufgeholt hat. Heute ist er nach einem Leben als Kameramann und Filmemacher unterwegs auf der Suche nach Alex dem schottischen Ex-Soldaten, den er 50 Jahre nicht mehr gesehen hat. Der Film erzählt die Geschichte einer deutsch britischen Freundschaft aus der persönlichen Sicht des Filmemachers.

Sehenswert, da habe ich mit gemacht, schon deswegen unbedingt anschauen.

 

665 FREUNDE   [Freundschaft, Selbstfindung]

665 Freunde auf Facebook hat der Filmemacher und wenn er die vielen Fotos und Botschaften sieht, die ihm auf diesem Weg auf den Bildschirm flattern, dann beginnt er das eigene Leben in Frage zu stellen. Er macht sich auf eine Reise zu den Freunden, die meisten kennt er schon sehr sehr lange. Es sind Schulkameraden, ehemalige Freundinnen und Arbeitskollegen. Man kann nur fünf Freunde haben, sagt einer seiner Protagonisten, das andere sind nur Bekannte. Es ist die Generation um 30, die in diesem Film vorgestellt wird und auf der Suche nach Sinnerfüllung ist. Da gibt es den Modemacher, den Koch, die Fotografin, die Möbelladenbesitzerin, die Mutter und viele andere. Alle haben früher oder später ihr Ding gefunden und sind erfüllt von den Möglichkeiten, die sie für sich sehen.

Sehenswert****

 

HIDDEN PHOTOS    [Fotografie, Kambodscha, Geschichtsbewältigung]

Ein abgeerntetes Feld in Kambodscha, eine Frau gräbt ein Loch und dann kommt ein junger Mann ins Bild, und ermutigt sie, es so wie damals zu machen. Fotos werden in eine Plastiktüte gesteckt und vergraben. Hier zeigt die Mutter dem Sohn, wie sie vor den Roten Khmer die Bilder versteckt hat, weil der Besitz von Fotos auf höhere Bildung hinwies und das Todesurteil bedeuten konnte. Der junge Fotograf Kim Hak ist auf der Suche nach den versteckten Fotos und durchstreift das Land, um mit seiner Mittelformatkamera Landschaft und Menschen festzuhalten. Er trifft auf den alten Nhem En, der als Junge in den 70er Jahren von den Roten Khmer zum Fotografen gemacht wurde. Er musste Häftlinge im Lager fotografieren, bevor diese ermordet wurden. Jetzt macht er aus den Bildern Bücher und will mit verschiedenen Erinnerungsprojekten den Tourismus ankurbeln. Als dritter Person gibt es die Putzfrau in einem Museum, die akribisch die Wachsfiguren abstaubt.  Es sind drei gute Protagonisten, die leider nicht so recht zusammenfinden. Zumindest haben die Filmemacher keinen dramaturgischen Kniff gefunden, ihre scheinbaren Zufallsbekanntschaften sinnvoll miteinander zu verbinden. Immerhin ist Kim Hak ein ausgezeichneter Fotograf.

Sehenswert***

 

DREAMBOAT    [Homosexualität]

Ein Kreuzfahrtschiff in Dubai, die üblichen Bilder vom Beginn einer Reise, nur sind es ausschließlich Männer die an Bord gehen. Es ist eine siebentägige Kreuzfahrt für schwule Männer. Fünf von ihnen, alle aus verschiedenen Ländern, haben sich die Filmemacher herausgesucht, um sie über die Tage zu beobachten und zu ihrem Befinden zu befragen. Mit ambitionierten Bildern wird der Alltag an Bord gezeigt, und wenn man dem Film Glauben schenken kann, dann ist das vorwiegend Party in immer wechselnden Verkleidungen, fast eine dauerhaft währende Faschingsveranstaltung. Zwischendurch gibt es immer wieder Reflexionseinschübe über Partnerschaft, Sex, Einsamkeit, HIV, Restriktion, Coming out, aber wirklich Nahe kommt einen in den Party-Ruhepausen keiner der Protagonisten. Schiffsreisen sind schwierig für die Kamera, weil man nicht wirklich eine Außenansicht bekommt. Seit es Drohnen gibt, ist dieses Problem gelöst und hier sind diese Bilder gut gestaltet besonders erholsam.

Sehenswert*

 

ON THE EDGE OF HAPPINESS     [Beobachtung, Europa, Sozialgefälle]

Zwischen einer Plattenbausiedlung mit ihren abgezäunten Wegen und einem Bahngleis liegt ein Stück Brachland mit Hochspannungsmasten. Hier am Rand von Gent haben sich zwei Bulgarische Ehepaare in einem Wellblechverschlag niedergelassen und warten auf einen Job, den sie zu finden hoffen. Die beobachtende Kamera ist dicht bei den Personen in dieser kargen winterlichen Zeit. Die Bilder im Cinemascope Format sind immer bläulich eingefärbt und nur das immer brennende offene Feuer spendet den Protagonisten und auch dem Zuschauer Wärme in dieser Vorstadt-Gegend. Der Titel trifft die Situation, stammt aber von einer Einkaufstüte, mit der die Bulgaren umherstreifen um Verwertbares einzusammeln. Weil die Eisenbahn ein Depot errichten will, wird der Platz schließlich geräumt.

Sehenswert***

 

A MODERN MAN [Portraitfilm, Klassische Musik]

Ein junger Mann in Freizeitkleidung betritt einen Porscheladen und interessiert sich für ein oranges Modell. Er will das Motorgeräusch hören lässt den Wagen an und fragt den Verkäufer, ob man da nicht ein anderes Soundsystem einbauen könne. Schließlich kauft er den Wagen und gesteht, daß er die Farbe gar nicht sehen kann, da er farbenblind ist. Die restlichen 80 Minuten versucht der Film den falschen Eindruck der Eingangssequenz zu widerlegen. Charlie Siem ist Sologeiger, auf der einen Seite als Sprössling eines norwegischen Milliardärs von Geburt reich, auf der anderen Seite getrieben, sich selbst zu beweisen, ehrgeizig und ein musikalisches Ausnahmetalent. Mit drei Jahren hat er Geigenmusik gehört und gewusst, das ist es. Weil der 30 jährige gut aussieht, arbeitet er nebenbei als Model für Fotokampagnien der Modehäuser Armani und Hugo Boss und ist trotzdem allein. In einer wunderbaren Szene spricht er mit einem Masseur, der ihm die Arm-Muskulatur lockert und an Hand der Verkrampfungen so nebenbei ein Psychogramm erstellt, das einigen Problemen verblüffend nahe zu kommen scheint.

Sehenswert***

 

WERNER NEKES – DAS LEBEN ZWISCHEN DEN BILDERN    [Portait, Filmemacher]

Werner Nekes ist sicher einer der wichtigsten deutschen Experimentalfilmer. Seine Aufmerksamkeit galt der Wahrnehmung und dem Sehen im Besonderen. Dazu hat er mit teilweise selbstgebauter Technik in seinen Filmen geforscht und ausprobiert. Neben diversen Lehrtätigkeiten hat Nekes schon sehr früh Objekte und Medien zur Wahrnehmungsgeschichte zusammengetragen und eine weltberühmte Sammlung angelegt. Dieser Film ist ein Portrait von Werner Nekes, neben dem auch viele seiner Weggefährten wie Kameramann wie Bernd Upnmoor, Regisseur Alexander Kluge, Kunstkritiker und Dokumenta-Macher Bazon Brock, Klaus Wyborny und Helge Schneider mitwirken. Werner Nekes ist im Januar 2017 gestorben.

Sehenswert***

 

LA TEMPESTAD CALMADA    [Italien, Experimenteller Dokfilm]

Palmarola ist die westlichste der pontinischen Inseln vor der Küste von Neapel. Ein Fischer flickt seine Netze und erklärt einem Jungen, wie man es macht. In wohl komponierten Cinemascope Bildern inszeniert der Regisseur seine realen Darsteller.  Die Fischer fahren aufs Meer, ein Sturm zieht auf. Wie in einer Opernaufführung erschrecken die Fischer aber das Wetter beruhigt sich wieder. Am Schluss stehen Vater und Sohn auf einer Terrasse und reden über das Fortgehen, das vielleicht not wenig ist, um wieder zurückzukommen. Die Filmeinstellungen sind wie Bühnenbilder gestaltet und werden sehr lange durchgehalten. Ein poetischer experimenteller Film.

Sehenswert**

 

GANZ GROSSE OPER   [Portrait einer Institution]

Es ist nicht ein Film über die Oper als solche, sondern ein Film über ein Opernhaus im speziellen und zwar über die Münchner Oper, was natürlich zum Dokfest passt. Und mit dem Titel ist das Ziel schon abgesteckt. In drei Inszenierungen lernt man die Stars des Betriebs kennen, den Sänger Jonas Kaufmann, die Sopranistin Anja Harteros, den neuen Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, der grundsätzlich keine Interviews gibt, deswegen auch seinen Vorgänger Zubin Mehta, den Intendanten Nikolaus Bachler und viele andere der fast 1000 Mitarbeiter, die hinter der Bühne und in den Werkstätten für ein Gelingen des Gesamtkunstwerkes sorgen. Große Oper verlangt nach großem Format und so sind die eindrucksvollen Bilder auf Cinemascope 1:2.35 gekascht. Strukturell mit vielen gesetzten Interviews bleibt der Film dichter an Fernsehformaten als am grl0en Dokumentarfilm. Und wenn man glaubt, der Film ist schon zu Ende, gibt Bachler dem Zuschauer noch eine Weisheit mit auf dem Weg, die ungefähr so klingt: Am Ende ist es vorbei und man kann sich unbesorgt auf den Heimweg machen. Das war einmal anders, als auch Oper verstörend wirken konnte und dem Besucher einen Anstoß zur Reflexion bot.

Sehenswert***

 

COOL MAMA

Ann ist erfolgreiche Geschäftsfrau in München und heiratet den viel jüngeren Akin aus Nigeria. Zusammen gründen sie das Livestilgeschäft Afrika House. Irgendwann gesteht Akin Ann, dass er eine Familie in Afrika hat. Ann lässt sich auf die Situation ein und holt schließlich die Frau mit fünf Kindern nach Deutschland. Über 15 Jahre begleitet der Filmemacher dieses interkulturelle Familienprojekt und entsprechend sind 4:3 SD Formate mit neuem 16:9 HD gemischt. Schließlich integrieren sich die Kinder problemlos während die Erwachsenen in ihre tradierten Rollenbilder zurückfallen.

Sehenswert***

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