Filmhochschulfestival 2018 - Warum nicht mein Film?

13. November 2018

 

Die Vor Jury   Foto: Evelyn Voigt Müller

Warum nicht mein Film - ist sicher die erste Frage der meisten Regisseure, die ihre Filme für das Filmhochschulfestival 2018 eingereicht haben. Von den 207 Einreichungen sind schließlich 48 im Programm gelandet, das immerhin noch eine Länge von 12 Stunden und 40 Minuten hat. Ich war eine der drei Personen, die für diese Vorauswahl verantwortlich zeichnet und will für die Abgewiesenen und auch alle anderen hier den Auswahlprozess beschreiben, wie in diesem konkreten Fall das endgültige Programm zu Stande kam.

Ich arbeite seit über 40 Jahren als Kameramann in der Branche und bin schon immer daran interessiert, wie sich die Dinge technisch, gestalterisch und inhaltlich verändern. Besonders von den jungen Leuten erwartet man die Impulse zu Neuem und trägt dem besonders Rechnung durch allerlei Nachwuchsförderung und entsprechende Aufmerksamkeit. Es ist eine gewisse Aufgeregtheit um die jungen Talente entstanden und man möchte fast von Überhitzung in diesem Bereich sprechen. Die Vorauswahl für das Filmhochschulfestival 2018 war eine Chance die von ihren Machern als besonders gelungene Produkte alle in einem Rutsch in Augenschein zu nehmen, quasi eine Forschungsreise in die Vorstellungswelt des Nachwuchs. Was so einfach klingt ist dann doch ein sehr großer Aufwand. 207 Filme mit einer Gesamtlänge von über 50 Stunden wollten angeschaut werden. Wie man diesen Aufwand für sich gestaltet war jedem Vor-Juror selbst an heim gestellt, da gab es keine Vorgaben. Manch einer mag mutmaßen, bei der Auswahl würden die Filme nicht ganz angeschaut, schnell vor gespult oder nur Stichprobenartig gesichtet. Dem ist nicht so. Ich habe alle Filme in der vollen Länge jeweils am Stück betrachtet, manchmal ganz gegenteilig angehalten, wenn Untertitel sehr umfangreich waren oder sogar zurück gespult und wiederholt geschaut, um keine Miss-Verständnisse aufkommen zu lassen. Die beiden Mit-Juroren sind gleichermaßen verfahren. Das einzige, was ich mir konsequent erspart habe sind die Schlusstitel, denn die Auswahl sollte unbeeinflusst sein von Regisseurs, Schul- oder Darsteller Namen. Schon dadurch hat sich die Sichtungslänge um mehr als drei Stunden verkürzt. Von jedem Film habe ich Stichpunkt artig eine kurze Zusammenfassung geschrieben, davon was ich gesehen und inhaltlich von der Aussage des Films verstanden habe. Diese Notizen wurden mit jedem neuen Film immer wichtiger, um sich erinnern und einordnen zu können. Widmet man jedem Film nur 5 Minuten Zeit, dann kommen da noch einmal gute 18 Stunden zusammen.

Jeder Vor-Juror teilt das Gesehene in vier Kategorien ein, unbedingt Ja und unbedingt Nein, eher Ja und eher Nein. Eine weitere Vorgabe war die finale Programmlänge von 12 Stunden und 30 Minuten. Alle eingereichten Filmen waren in einer Excel-Tabelle gelistet, mit Filmtitel, Name der Schule und des Regisseurs, Sprache und Filmkategorie Fiction, Dokumentar- Animations- oder Experimentalfilm und der Lauflänge. Diese Liste konnte man sich selber organisieren und sortieren. Spielt im Rückblick die Reihenfolge eine Rolle? Man könnte vermuten, dass die Filme, die man zuerst gesehen hat, einem besser im Gedächtnis bleiben. Ebenso gut könnte man sie während der 6 Wöchigen Sichtungsphase auch schneller vergessen. In einer alphabetisch sortierten Computer-Titel-Liste wären vorweg die Zahlen und dann Titel mit Doppel A, weshalb ein Kamerahersteller sein Gerät mit Aaton bezeichnete, damit er vor dem Mitbewerber genannt wird.

Die Reihenfolge der Sichtung spielt keine Rolle. Als wir später über die Filme diskutiert haben, waren immer wichtige Erinnerungsmerkmale die Anker, an denen man einen Film charakterisieren konnte. Der Film mit der „blinden Mutter und der Tochter“, oder „das Paar, daß während der Abwesenheit der Nachbarn deren Haus hütet“. Erinnerung ist eine sehr individuelle Sache und unter uns drei Juroren war sie auch hinsichtlich der Filme sehr unterschiedlich, d.h. mal konnte sich der eine, mal der andere besser an diesen oder jenen Film erinnern und schnell waren dann auch bei den anderen wieder Details präsent.

Bewerten heißt auch immer vergleichen, und um vergleichen zu können, braucht es einen Überblick. Die erste vorsichtige Einordung habe ich nach mehreren Tagen Sichtung ab dem ungefähr 50sten Film begonnen. Danach gab es immer wieder einen Prozess des Überdenkens, das neu Gesehene wurde mit dem davor Gesehenen verglichen und eingeordnet. Jeder der Vor-Juroren hat sich auf seine Art und Weise durch das Programm gekämpft. Es lässt sich gar nicht so leicht fassen, warum ich einen bestimmten Film unbedingt im Festival haben wollte, obwohl ich viele konkrete Gründe für die Entscheidung anführen kann. Einfach ausgedrückt gab es bei Filmen, die mich berührt haben keinen Zweifel und das waren am Ende 35 Filme von den 207 Einreichungen. Sechsundsechzig weiteren war ich sehr positiv zugeneigt und bei nur 22 Produktionen hatte ich den Eindruck, daß sie nicht auf dem Festival laufen sollten, was ungefähr 11% der Einreichungen entspricht. Das mag der gnädige Blick des Alters sein, in dieser ersten Phase der Auswahl noch vielen eine minimale Chance zugestehen zu wollen. Meine beiden Mit-Jurorinnen waren beim Vergeben von 0-Punkte Bewertungen viel rigoroser und konsequenter, was letztlich aber keine Wirkung hatte, weil sich das Spitzenfeld recht eindeutig heraus kristallisierte. Im Großen Ganzen war die Auswahl sehr schwierig, weil es so viele gute Filme gab, die unsere Aufmerksamkeit verdient hatten.

Am 13. September kam der Tag der Entscheidung, das erste und einzige Treffen der Vor-Juroren zum Erstellen der definitiven Programmauswahl. Zwischenzeitlich hatten wir drei eine Liste mit unseren Bewertungen zwischen 0 und 3 in den vier Abstufungen abgegeben, aus der dann eine weitere Liste mit maximaler (9) und minimaler Punktzahl (0) resultierte. Alles was 7 Punkte hatte und mehr war dann schon mal auf der Prioritätenliste. Schwierig waren alle Fälle, bei denen zwei die maximale und einer eine viel geringere Punktzahl gegeben hatte, Fälle bei denen die Bewertung so extrem auseinanderklaffte. Da setzten Diskussionen ein. Jeder erörterte seine Bewertung und korrigierte gegebenen Falls seine Entscheidung. Jeder Juror durfte einen Film der ihm besonders am Herzen lag auf die Liste setzen, einen sogenannten Joker. Bis in den Nachmittag hinein zogen sich die Diskussionen, wobei auch Filme mit höherer Punktzahl vor dem Rausschmiss nicht sicher waren, denn im laufenden Vergleich und der Diskussion verschiedener Für und Wider waren die Grenzen fließend. Dieses Film-Massaker ist keinem leicht gefallen, bei all den guten Einreichungen. Als dann die Auswahl fest stand, etwas länger als vorher festgesetzt kam natürlich die Frage nach der Ausgewogenheit auf: Sind die verschiedenen Genres gut vertreten, aus welchen Ländern kommen die Filme und welche Filmschulen haben eingereicht und sind auch Regisseurinnen vertreten. Das waren im Nachhinein Wissensfragen und Aspekte die bei der Auswahl keine Rolle gespielt hatten. Das Ergebnis war ausgewogen genug um sich da keine Sorge machen zu müssen. Auffallend viele Filme kommen aus Israel, das war mir schon beim Sichten durch die Themen aufgefallen, die da abgehandelt werden. Vielleicht ist der existenzielle Duck dort so groß, das man sich thematisch nicht mit Lappalien aufhält und es immer um etwas Wichtiges geht. Auch Belgien ist beim Nachwuchs ein produktives Land.

Wenn ich Trends beschreiben soll, dann diese:

Es gibt Autorenfilmer, die eine eigene Geschichte erzählen, bei der es um ein wichtiges Thema geht und es gibt Regisseure, die zeigen wollen, daß sie erzählen können, wobei es nicht so sehr um das geht, was erzählt wird. Ihre Filme sind quasi die Eintrittskarten in die Filmindustrie, mit der man beweist, daß man das Handwerk beherrscht. Experimentelles Sehen kommt allgemein zu kurz, weil es immer mit dem Risiko verbunden ist, daß man missverstanden wird und sich die Zuschauer zwischen all den konventionellen Erzählformen nicht auf filmische Experimente einlassen wollen. Das heißt nicht, daß es keine Experimente gibt, aber die wenigen Versuche wirkten nicht überzeugend. Gegen konventionelle Erzählformen haben sie es auch ungleich schwerer.

Hinterherlaufen mit der Kamera ist ein Topos und würde man alle Szenen aus den eingereichten Filmen, in denen die Kamera einem Schauspieler in fiktiven Geschichten oder Protagonisten im Dokumentarfilm hinterher-läuft zusammenschneiden, dann käme man sicher auf eine Länge von mehr als einer Stunde. Großes Kino ist angesagt. Gefühlt die Hälfte aller Filme verwendet das Cinemascope Format, obwohl viele Filme nur entsprechend zurechtgestutzt und nicht unbedingt mit Anamorphoten gedreht worden sind. Etliche Filme waren auch im historischen 4:3 Format realisiert, ein weiterer Versuch dem konventionellen 16:9 des Fernsehens auszuweichen. Die Aufgeregtheit vergangener Jahre ist dahin und allgemein hat man die Langsamkeit wieder entdeckt, was vor allem den Schnitt betrifft. Zusammenhänge werden in längeren Einstellungen erzählt und bei der Auflösung weicht ein festerer Standpunkt der Beliebigkeit wechselnder Perspektive. Die Kameraarbeit ist durchweg auf hohem Niveau und die neue Generation beherrscht das Handwerk außerordentlich gut. Vielleicht ist das der Grund, warum ich im Nachhinein keine meiner positiven Entscheidungen auf eine besonders gute Kameraarbeit stützen könnte. Ein Beispiel hervorragender Zusammenarbeit zwischen Regie und Kamera war der Film „Rosegarden“ über eine Gruppe Altenheiminsassen, die einen Ausbruchsversuch startet. In -  fast möchte man sagen - Bühnenbildern wird hier mit auf ein Minimum reduzierten Kamerabewegungen die Geschichte subtil in wenigen Tableau Shots erzählt, eine Bildgestaltung, bei der das genaue Hinschauen Spaß macht.

Es gab auch die Ausreißer nach unten, was die Qualität betrifft. Eine Gruppe von Studenten fährt mit Kameraausrüstung in einen Urlaub und scheitert an der Konzeptlosigkeit, was man in der Synopsis zum Film mit schönen Worten und Tourismuskritik verbrämt und zu retten versucht. Zu retten wäre das nur, wenn man sich des Scheiterns bewusst wäre und die Ursachen herausarbeitet.

Nach all den Mühen und Schmerzen, die die Auswahl bereitet hat, bleibt für mich eine große Frage unbeantwortet: Wer vernichtet all diese hoffnungsvollen Talente? Warum kommen sie nicht da an, wo all das produziert wird, was man uns um die Augen knallt? Es kann doch nicht sein, daß auf den Hochschulen etwas erblüht, was dann in der Film- und Fernsehindustrie konsequent weiterverarbeitet und zu einem Einheitsbrei verrührt wird.