Alternative Medienarbeit - Die Glockenbach Wochenschau 1977-1980

04. Mai 2019

Ab Mitte 1977 habe ich beim Aufbau der Glockenbach Werkstatt mitgeholfen. Dem Verein Stadtteilprojekt Isarvorstadt e.V.  wurde von der Stadt München das Haus Blumenstraße 7 in Trägerschaft zur Verfügung gestellt, um ein Stadtteilzentrum mit bestimmten Angeboten für die Bürger des Viertels zu betreiben. Das Angebot umfasste Kinder, Jugend und Erwachsenenarbeit. Das Jahr zuvor hatte ich mit Freunden zusammen als Videogruppe im Stadtteil München Au mit der Unterstützung des Kulturreferats eine Stadtteilwochenschau produziert und in verschiedenen Kneipen des Stadtteils zur Aufführung gebracht. Dabei handelte es sich um ein einmaliges Projekt ohne Kontinuität.

Vorführraum in der Glockenbach Werkstatt während des Ausbaus

Im Rahmen der Glockenbach Werkstatt bestand die Möglichkeit, das gleiche Projekt in Langzeitwirkung und unter Bürgerbeteiligung in einem festen Rahmen fortzuführen. Ab Anfang 1978 haben wir dann mehr oder weniger regelmäßig 30 Minuten Wochenschauen produziert. Es gab feste Vorführtermine in der Glockenbach Werkstatt. An den Donnerstagen fand die Redaktionssitzung statt. Ich habe als freier Mitarbeiter bis zum 1. Mai 1980 auf Stundenbasis in der Glockenbach Werkstatt gearbeitet. Dort hatten wir einen Medien- und Kino-Raum mit fest installierter 16mm Filmvorführung eingerichtet, in dem es regelmäßige Filmveranstaltungen gab. Die Filmekopien wurden beim Landesfilmdienst ausgeliehen.  Nach Mitte 1980 ist die aktive Medienarbeit nicht mehr wirklich durchgeführt worden und langsam eingeschlafen.

Dreharbeiten mit einer Jugendgruppe im Vorführraum der Glockenbach Werkstatt

Einen Teil der produzierten Wochenschau Bänder habe ich vor der Entsorgung retten können. Sie waren wie Wochenschauen, Zeitungen und Fernsehnachrichten für den Augenblick produziert mit einem Verfallsdatum. Nach der Aufführung hat sich niemand mehr für die Sachen interessiert oder sie in ein anderes Videosystem transferiert und archiviert. Die Bänder haben bei mir in einem Umzugskarton die Jahre überstanden. Von 1978 bis 1981 war ich als Medienpädagoge am Institut Jugend Film Fernsehen in München angestellt. Ab 1981 habe ich als Kameramann gearbeitet und Filme mit eigener Firma produziert. Ab 1986 habe ich dann nur mehr als freiberuflicher Kameramann hauptsächlich Dokumentarfilme gedreht über die Jahre hinweg sicher 300 Filme von 30 bis 120 Minuten Programmlänge in den Formaten 35mm/16mm und später in den verschiedenen analogen und digitalen Videosystemen.  

Vorführung einer Wochenschau vor dem Krabblergarten am Sendlinger Tor 1978 

Im Januar 2014 habe ich mich der alten Wochenschauen angenommen. Sie waren auf dem Japan Standard 1 Videoformat gedreht, ein ½“ Format mit offenen Rollen (keine Kassetten). Das große Problem dieser Bänder ist der Kleber, mit dem die Magnetpartikel vermischt auf die Polyesterbasis aufgebracht werden. Im Laufe der Zeit setzten Zerfalls-Prozesse ein und die Bänder dünsten Lösungsmittel aus. Sie lassen sich nicht mehr abspielen, weil das Band an der Kopftrommel des Rekorders festklebt. Man nennt dieses Phänomen Sticky Shed Syndrom. Findige Leute haben eine Methode ausgetüftelt, bei der die Bänder in einem Klimaschrank gebacken und dann durch eine Reinigungsanlage geschickt werden, die die Klebeeigenschaft zeitweilig beseitigt. Dann lässt sich ein solches Band je nach Zustand noch einmal abspielen. Ab Anfang 2014 habe ich versucht für die Restaurierung der Glockenbach Wochenschau Bänder Gelder aufzutreiben. Nach langem Hin- und Her ist es dann 2018 in Zusammenhang mit dem 40 Jahre Jubiläumsfeier der Glockenbach Werkstatt und einer geplanten Veranstaltungsreihe zur Bewilligung eines Zuschusses durch die Stadt München gekommen. Der Restaurator hat sich dann ein viertel Jahr an den Bändern abgearbeitet. Inzwischen hatte sich ihr Zustand nochmal wesentlich verschlechtert. Aus den Beschriftungen der Bänder war nicht zweifelsfrei zu erkennen, was wirklich darauf abgebildet ist. Deswegen ist ein Sortieren und Aufbereiten für die Vorführungen nötig, was bis Mitte 2019 abgeschlossen sein wird. Die Bänder werden bei verschiedenen Terminen bis Ende 2019 in der Glockenbach Werkstatt gezeigt.  

Dreharbeiten für die Wochenschau vor dem Haus Baderstrasse 30,  1978

Ab Juli 1977 konnte die Initiative Glockenbach Werkstatt das Haus in der Blumenstraße 7 übernehmen und renovieren. Eine Betriebserlaubnis wurde im Herbst 1977 erteilt. Alternative Medienarbeit sollte ein wichtiger Bestandteil des Engagements sein. Seit Anfang der 70er Jahre gab es portable Videoanlagen auf einfachem Niveau, mit denen sich ohne große Materialkosten Bewegtbildfilme herstellen ließen. Die Verteilung der Inhalte an Rezipienten konnte nur über Vorführungen in Form traditioneller Wochenschauen erfolgen.

Der Bayerische Rundfunk beobachtet die Wochenschau Leute bei der Arbeit 1978 

Aus heutiger Perspektive kaum vorstellbar war die Mediensituation 1977 eine völlig andere: 1977 gibt es zwei Fernsehanbieter ARD und ZDF, wobei die ARD aus verschiedenen Länderanstalten besteht und für München ist es der Bayerische Rundfunk der seit 1964 ein Fernsehprogramm anbietet. Das Verbreiten von Rundfunksignalen ist gesetzlich geregelt, ein Staatsmonopol und wird öffentlich rechtlich organisiert. Die Dritten Program-me senden nur zu bestimmten Zeiten mit längeren Sendepausen. 1978 starten sie dann ihre Vollprogramme. Außerdem gibt es diverse Hörfunkprogramme bei den gleichen Rundfunkanstalten.

In München gibt es 1977 fünf Tageszeitungen:

  • Süddeutsche Zeitung,  Auflage 1976  =   300.000
  • Münchner Merkur, Auflage 1978  =  171.000
  • Abendzeitung AZ,  Auflage 1969  =  300.000
  • Tageszeitung TZ,
  • Bildzeitung Münchner Teil.

Daneben gibt es diverse Anzeigen-Wochenblätter und Monatszeitschriften wie den Bayernkurier mit ca. 150.000 Exemplaren in den 1970er Jahren.

Es gibt kein Privatfernsehen (Start 1.1.1984), es gibt keine Mobiltelefone (praktikabel im C Netz ab 1985) und es gibt keine E-Mail (erste deutsche Mail 1984) geschweige denn Internet (für jedermann erst ab 1990).

 

Wer 1977 zu einem Themenkomplex einen eigenen Film machen will, kann abgesehen von hohen Produktionskosten die Distribution nur selber in Form von Kinovorstellungen organisieren. Ab Anfang der 70er Jahre gibt es weltweit eine Bewegung sozialpolitisch motivierter Bürger, die sich mit Filmen in die öffentliche Diskussion einmischen will und nach Alternativen zum bestehenden Fernsehsystem sucht. Kabelfernsehen, Bürgerbeteiligung und offener Kanal sind die Schlagworte der Diskussion. Erste Piratensender haben das Rundfunkmonopol gebrochen.

Technik Fernsehen:

  • 1963  wird das Pal Fernsehen mit 625 Zeilen (wirksam 576 Zeilen x 720 Punkte) s/w  eingeführt
  • 1967 beginnt in Deutschland das Farbfernsehen
  • 1969 einigen sich die japanischen Hersteller auf das Japan Standard 1 Video  (EIAJ) mit 1/2“ Bändern in offenen Rollen
  • 1976  stellt JVC das VHS System vor
  • 1979 werden 270 000 Geräte Videorekorder verkauft, 1981 = 750 000 und 1983 = 1,4 Millionen.

Schnittarbeiten für die Wochenschau im Medienraum der Glockenbach Werkstatt

München

  • 1972 wird Georg Kronawitter SPD Bürgermeister
  • 1977 hat München 1,314 Millionen Einwohner
  • 1978 folgt Erich Kiesel CSU als Bürgermeister

Technik Computer und Kommunikation

  • 1977 im April kommt der Apple II als erster industriell hergestellter Computer von Appel auf den Markt. Der Bildschirm kann 40×48 Pixel in 15 Farben  oder  280×192 Pixel in zwei Farben darstellen
  • 1984 wird die erste deutsche Email an der Uni Karlsruhe verschickt
  • 1985 sind im C Netz erste tragbare mobile Telefone möglich


 Blick auf die Glockenbachwerksstatt noch ohne Schrannenhalle 1978

Wichtige Ereignisse des Jahres 1977:

  • Schleyer Entführung
  • Landshut Befreiung in Mogadischu durch GSG9
  • Elvis Presley gestorben
  • Protest in Brockdorf
  • Günter Wallraff Enthüllungsbuch über die Bildzeitung: Der Aufmacher

 

Video über die Glockenbach Wochenschau

 alle Fotos © Hans Albrecht Lusznat