Das Steadicam Universal 1977

01.02.2021

 

1976 präsentierte Garrett Brown auf der Photokina in Köln am Stand von Cinema Products das erste käufliche Steadicam Modell. Jahre an Entwicklungsarbeit waren vorausgegangen, die inzwischen auch durch viele Videos bei Youtube dokumentiert sind. Der erste sogenannte Brown Stabilizer wurde fest mit einer Kamera verschraubt und mit einem oben aufgesetztem Monitor angeboten. Vor Lieferbeginn erfolgte dann eine Überarbeitung des Systems: der Monitor wanderte nach unten in das Sled und oben auf dem Rig wurde eine Plattform mit wechselbarer Verschiebeplatte aufgesetzt. Das Gerät nannte sich Steadicam Universal und stand ab Januar 1977 bei Cinema Products zum Verkauf.

Es gab zwei Modelle, eines für Filmkameras und eines für Videokameras. Die Auswahl an Kameras war zur damaligen Zeit begrenzt. In der Filmversion kam eine Arriflex 35 IIC mit einem modifizierten Filmmagazin mit senkrecht übereinanderliegenden Filmrollen zum Einsatz. Alternativ gab es für 16mm Film eine CP16R Kamera und in der Videoversion war es eine RCA TK76 Farbvideokamera. Das Steadicam Geräte wurden komplett mit Kamera angeboten, die TK 76 Version zum Preis von 52.100 US$. Das Steadicam war bei allen Kameravarianten weitgehend baugleich. Nur das Elektronik Einschub-Modul unter dem Monitor war für die Kameravarianten verschieden und damit auch die Anschluss Box unter der Verschiebebühne, an der die Kamerakabel angeschlossen wurden. Der monochrom grüne Monitor (eine Oszilloskope Röhre) ist extrem hell aber mit 40 x 56 mm ist das kleine Bild nur eine Orientierung, ebenso wie die gebogene Wasserwaage unter dem Bild.

Unter der Verschiebebühne ist die Junction Box verschraubt, daran alle Anschlüsse für Motor, Video und Zubehör. Auch die habe ich etwas verändert und entspricht nicht mehr ganz der Orginalversion.

Das Steadicam Universal mit CP16R Kamera, 9.5-57mm Angenieux Zoom, automatischer Blendenkontrolle in der Kamera, Philips LDH25 Videoausspiegelung, Steadicam Rig, Arm und Weste und eine zwei Kanal Servo-Fernsteuerung via Kabel mit zwei Motoren für Zoom und Schärfe kosteten komplett 36.000 US$. Die Servo-Fernsteuerung  bestand aus zwei Motoren mit Klemmbrücken zur Befestigung am Objektiv, einer Anschlusshalterung auf der Westenrückseite und einem per Kabel abgesetztem Handbedienteil. An diesem Bedienteil konnte der Assistent Blende, Schärfe oder Zoom verstellen. Das Kabel endete am Interface auf der Westenrückseite. Dort waren für jeden Motor Steuerungskästchen einsteckbar [ Diese Kästchen waren aus den Gehäusen der CP16R Kamera-Einsteckakkus gefertigt]. Von ihnen ging ein Kabel, geführt über den Steadicam Arm, zum jeweiligen Servomotor. Eine Funkfernsteuerung wurde schon 1977 angekündigt und später mit einem Seitz Sender realisiert.

links Garett Brown mit CP16R Kamera, hinten auf der Weste Anschluss für Servomotore, rechts die erste Version des Brown Stabilizer mit oben aufgesetztem Monitor (Bilder aus Cinema Products Prospekt)

 

Anschluss des Akkufachs, der Gimbal, Servomotor, Videoausspiegelung,Verschiebeplatte (damals 300,- US$)

Kameramann Wolfgang Dickmann kaufte das Gerät mit der Seriennummer #36, das erste in Deutschland, und drehte damit im Jahr 1979 unter der Regie von Niklaus Schilling den „Willi Busch Report“, der fast durchweg mit Steadicam realisiert wurde. Wegen der Originaltonaufnahmen kam eine Arriflex 35 BL zum Einsatz, zwar nur mit 120 Meter Kassette aber zusammen mit der Videoausspiegelung immer noch zu schwer für das Steadicam. Das Steadicam Sled mit Akku war zu leicht um der schweren Kamera über dem Gimbal das nötige Gegengewicht zu bieten und weil Zusatzgewichte wegen der begrenzten Tragfähigkeit des Arms nur in geringem Maße in Frage kamen, musste der Post um 10 Zentimeter verlängert werden, damit die Hebelkräfte die Kamera zum Gimbal in der Balance halten konnten. Die Firma Chrosziel setzte oben unter der Verschiebebühne ein entsprechendes Verlängerungsstück ein. Der 19,3mm Ø Post wurde am unteren Ende ebenfalls um 100mm verlängert. Wolfgang Dickmann gab im Film&TV Kameramann vom März 1980 ein längeres Interview zu den Dreharbeiten. In dem Gespräch kam auch die Information auf, dass Dickmanns rechtes Standbein durch die Dauerbelastung zwei Zentimeter kürzer geworden wäre, wie es der Orthopäde sagte. In den folgenden 40 Jahren sind keine ähnlich spektakulären Folgeerscheinungen vermeldet worden.

Titelbild Film&TV Kameramann 1980/Nr.4 Dreharbeiten zu "Willi Busch Report"

 Dreharbeiten in den 80er Jahren mit CP 16R Kamera und Steadicam Universal.

Mitte der 80er Jahre habe ich von Wolfgang Dickmann das Gerät erworben und meine ersten Filme damit gedreht und es dann Anfang der 90er Jahre durch eine moderne Steadicam Version ersetzt.

Die modernisierte Weste #41

Die erste Steadicam Weste war aus weißem Kunststoffmaterial  (3,5 mm Polyethylen Platten) gefertigt. Die metallene Frontplatte war in der Länge in gewissem Umfang verstellbar. Dazu mussten Schrauben in verschiedenen Bohrungen versetzt werden. Auch für den Wechsel des Socketblocks von links nach rechts mussten vier Schrauben gelöst und wieder angezogen werden. Erst mit dem Modell Universal III kam eine Weste, bei der sowohl die Länge der Frontplatte wie auch die Position der Socketblockhalterung stufenlos ohne Werkzeug verstellbar war und die gleichzeitig eine Not-Reißleine zum Auftrennen der Rückenpartie hatte. Teile meiner Weste mit der Seriennummer #41 hatten irgendwann Risse bekommen und ich habe die weißtransparenten Polyethylen Teile durch schwarze ersetzt und dabei gleich die neue Frontplatte der Universal III Weste eingebaut. Die vorhandene Weste ist also nicht mehr im Originalzustand erhalten. Generell sind viele Steadicamgeräte mit langen Gebrauchszeiten immer wieder an neue Bedürfnisse angepasst worden und selten in dem Zustand erhalten, in dem sie anfangs geliefert wurden.

Der Close Vehicle Kit war für die Verwendung in Fahrzeugen und Hubschraubern gedacht, hat sich aber nicht als sehr vorteilhaft erwiesen und ist schnell aus dem Programm verschwunden.

Der erste Steadicam Arm hatte als Gelenk zwischen Unter- und Oberarm noch ein Scharnier eingebaut das seitlich an den Armsegmenten aufgeschraubt wurden. Wollte man den Arm für die Verwendung auf der anderen Seite wechseln, dann musste man das Scharnier auf die andere Seite aufschrauben. Anfang der 90er Jahre habe ich den Arm mit einem neuen Gelenkstück zwischen Ober- und Unterarm modernisieren lassen. Dabei wurden auch gleich die stärksten Federn eingesetzt, drei Stück für jedes Armsegment. Später habe ich diesen Arm verkauft und 50.000 DM in den neuen Pro Arm von George Paddock investiert, was eine fundamentale technische Verbesserung war.

Dreh zu "Alles Schrott" 1993 (Preis in Oberhausen 1994) das Schanier im Arm ist gut zu sehen

Abmessungen und ein Blick in die 1. Gebrauchsanweisung von CP.

 Ohne Akku mit Verschiebeplattewiegt das Gerät 5,3 kg.  Alle Fotos © Hans Albrecht Lusznat