Filmtipps fürs 36. Dokfest München 2021

29. April 2021

Dreharbeiten zu „René“, 2008, Sonderreihe Hommage an Helnea Trestikova beim Dokfest 2021

Am Mittwoch dem 5. Mai eröffnet das 36. Internationale Dokumentarfilmfestival München für 18 Tage zum zweiten Mal in einer ausschließlichen Online-Ausgabe, weil die Inzidenzwerte in München eine Präsenz-Veranstaltung verbieten. Die Eröffnung findet um 20 Uhr im Deutschen Theater in München wieder ohne Publikum mit einer Onlineübertragung statt. Neben Festivalleiter Daniel Sponsel und Moderatorin Christina Wolf wird die bayrische Staatsministerin für Digitales Judith Gerlach und der Münchner Kulturreferent Anton Biebl zu Gast sein, ebenso wie der Regisseur des Eröffnungsfilms Daniel Sager.

Die Filme können (bis auf wenige zeitlich beschränkte Ausnahmen) von Donnerstag dem 6. Mai ab 10.00 Uhr bis zum 23. Mai Online geschaut werden. Dazu bedarf es des Ticketkaufs über die Seite des Dokfests. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Wie der Kauf genau funktioniert, dazu gibt es ein Tutoriell bei Youtube.

Die Filme sind nur in Deutschland verfügbar, zwölf Filme nur für eine vom Rechteinhaber definierte Höchstzahl an Zuschauern (500 bis 2000). Nach dem ersten Start des Films kann jeder Zuschauer den Livestream des Films unterbrechen und innerhalb von 24 Stunden zu Ende bringen. Ein Herunterladen des Films ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Ein Wasserzeichen macht eine illegale Weiterverbreitung nachvollziehbar. Die Tickets kosten pro Film 6,00 € mit einer Kinospende 7,00 €. Bezahlt wird über Paypal oder mit Kreditkarte. Der Festivalpass für 70,- € +5€ Kinoabgabe berechtigt zum Anschauen aller Filme.

 

Das 36. Dokfest München in Zahlen (2019 vor Corona in Klammern):

131 Filme   (159)
43   Länder  (51)
90   Deutschlandpremieren  (79)
16   Wettbewerbe und Preise   (15)
0     Spielorte in München   (20)
95   Filmgespräche   (71)
80   tausend erhoffte Besucher     (52.000)

Das dies jähre Gastland ist Kanada, dem sieben Dokumentarfilme gewidmet sind.

 

Lovemobil Thema auch beim Dokfest

Der Betrugsskandal um den NDR Film Lovemobil schwebt über allem und zeigt, wie zerrissen die Szene ist und mit welch aberwitzigen Gedankenkonstruktionen von künstlerischer Freiheit man aus wirtschaftlichen Interessen eine Aufweichung des Dokumentarbegriffs vorantreibt bis zum Herbeireden eines Subgenres des „Journalistischen Dokumentarfilms“, denn nur der müsse einer gewissen der Wahrheit verpflichteten Ethik folgen. Ein bisschen Täuschung der Zuschauer und der Kundschaft ist ja nun nicht so schlimm, wenn die Filme dabei dramaturgisch doch so viel besser werden, ja letztlich wolle der Zuschauer ja geradezu betrogen werden. Viele der Gedanken und Argumentationsketten kennt man aus den Rechtfertigungsreden Kleinkrimineller, aber ein Ladendiebstahl bleibt ein Diebstahl und ein bisschen Diebstahl gibt es nicht. Auch die Rechtfertigung von Betrug mit ungerechten gesellschaftlichen Verteil-Strukturen ist eine beliebte Methode, um persönliche Vorteilsnahme nach Entdeckung zu entschuldigen und weniger schwerwiegend zu verkaufen.

 

Zu den diesjährigen Filmen:

Besonders interessant ist bei einem größeren Überblick die Frage nach der Veränderung in Erzählformen und den visuellen Mitteln. Große Neuheiten und Besonderheiten gibt es nicht. Der Umgang mit Bildern und Technik findet allgemein auf einem hohen Niveau statt und welche Geräte zum Einsatz kommen, lässt sich an den Ergebnissen nicht nachvollziehen, denn inzwischen sind auch Fotoapparate überall für die Filmarbeit im Einsatz.

Die Themenvielfalt erstreckt sich von Fragen des persönlichen Umfelds bis zu global gesellschaftlichen Themen. ‚Transgender‘ und ‚Kinderwunsch durch Samenspende‘ sind mehrfach vertreten.

Licht und Schatten

Auffallend oft wird auch noch bei völliger Dunkelheit gefilmt und auf den Einsatz von Beleuchtung völlig verzichtet, wobei heutige Digitalkameras sowieso erstaunlich empfindlich sind und nur mehr einen Bruchteil der Beleuchtung brauchen, die zu Zeiten des analogen Films notwendig war.

Unschärfe und Erkennen

Unschärfe wird gerne und oft eingesetzt, dann auch bewusst sehr lang, auch weil es manchmal besser ist, wenn man etwas nicht sieht und nur eine ungefähre Ahnung hat.

Das Format

In Zeiten von Smartphone-Videos, die es sowohl im Querformat wie im Hochformat gibt,  kann man eine variierende Breite des Bildformats bewusst als Gestaltungsmittel einsetzen (THE ARK). Dort wird fast durchgehend das quadratische Format von 1:1 verwendet und dann öffnet sich ähnlich dem Kinovorhang das Sichtfeld auf 16:9 um dann wieder auf 1:1 zu schrumpfen. Die meisten Filme sind in 16:9 gedreht, einige wenige in Cinemascope (SILENCE OF THE TIDES) und immer wenn 4:3 ins Spiel kommt, handelt es sich meist um Archivmaterial.

Kamerabewegung

Mit Gimbals und anderen Hilfsmitteln ist eine Kamerabewegung heute eine leicht zu bewältigende Übung und wird auch viel und gerne eingesetzt. Die extremste und auch eindringlichste bewegte Kamera findet sich in der Eröffnungssequenz von THINGS WE DARE NOT DO und beschreibt das Interagieren von spielenden Kindern.

 

 

HINTER DEN SCHLAGZEILEN  [Journalismus, Ibizza ]

Deutschland 2021 / 90 Minuten,   Eröffnungsfilm des DOK.fest München 2021

Investigativer Journalismus ist eine schwierige Sache. Am Anfang treffen sich die beiden Journalisten Obermayer, Bastian/Obermaier, Frederik  der Süddeutschen Zeitung mit Edward Snowden - dem Whistleblower an sich. Die Süddeutsche Zeitung und ihre Kooperationspartner haben Großartiges geleistet, mit den Panama Papers, im  Mordfall Daphne Caruana Galizia,  mit Bahama Leaks und den Paradis Papers. Im Film geht es hauptsächlich um die Ibiza Affäre, über die die Österreichische Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ zerbrach. Aber investigativer Journalismus ist visuell schwer zu fassen. Die Kamera rennt den Journalisten durch Gänge und Treppenhäuser hinterher, beobachtet sie in den Wartezonen von  Flughäfen und während Redaktionsbesprechungen. So spannend die Geschichten erscheinen, so wenig attraktiv ist die Betrachtung der Arbeit daran. Investigativer Journalismus ist nicht die Beobachtung und Observierung durch Ferngläser sondern dröges Auswerten von Dateien und Dokumenten, eine filmisch schwer zu bewältigende Aufgabe für die die Macher des Filmes keine attraktive Form gefunden haben.

Sehenswert:**

 

DARK RIDER [Behinderung, Motorsport, Rekordversuch]

Belgien, Niederlande 2020 / 91 Minuten

Zwei Männer fahren in einem Pickup über eine weiße Wüste, steigen aus und prüfen den Boden. Es ist ein Salzsee in Australien, auf dem jeder während einer als Festival organisierten Woche sein Gefährt auf maximale Geschwindigkeit bringen kann, ganz gleich ob Auto, Traktor, Motorrad oder Rasenmäher. Die beiden Männer wollen mit dem Motorrad einen Rekord aufstellen, wobei der eine vorwegfährt und der andere hinter ihm wie der Rally Beifahrer als Navigator fungiert und Anweisungen über Funk zuruft. Nach dem ersten Rekordversuch, als Zuschauer setzt Ermüdung ein, wird plötzlich in der 10 Minute überraschend klar, dass der Fahrer Ben blind ist. Natürlich bleibt die Frage schaffen sie den Rekord für die restlichen 80 Minuten nicht alleiniges Thema. Navigator Kevin Magee war einst selbst Motorradchampion, und weil das auch nicht reicht, holt man noch in einer parallel Geschichte einen jungen Rodeo Reiter ins Boot, der von Blindheit bedroht ist.

Sehenswert:*

 

THE LAST HILLBILLY  [USA, Sozialstudie, Familie]

Frankreich, Katar 2020 / 76 Minuten

Der Hillbilly, man könnte auch Hinterwäldler sagen, ist ignorant, arm, ungebildet, Rassist und verantwortlich für Trump. All diese Vorurteile, meint Brian, sind wahr. Seit mehreren Generationen lebt seine Familie ohne große Perspektive in Kentucky, auf dem Land in einem Haus ähnlich einem Trailer, der zufällig abgestellt scheint. Seit dem Niedergang des Kohlebergbaus sieht die Zukunft düster aus und die Gegenward ist von Langeweile gekennzeichnet, was schon die Kinder so empfinden. Interessanter Weise ist dieser Film nicht im gängigen 16:9 sondern in 4:3 gedreht.

Sehenswert:***

 

Film im 1:1 Format

THE ARK   [China, Familie, Sterben]

Kanada 2020 / 102 Minuten
Ein Familienstreit am Sterbebett der Großmutter, in einem Krankenhaus in der Chinesischen Provinz. Weitgehend in Schwarz/Weiss und im quadratischen Format 1:1 gedreht, und plötzlich weitet sich der Blick ins Krankenzimmer auf 16:9, die tote Großmutter im Vordergrund und die anderen Familienangehörigen drumherum, um am Ende wieder auf das schmälere Format zu schrumpfen. Dieser Film gewährt einen sehr persönlichen Einblick in das Leben einer Chinesischen Familie unter extremen Bedingungen, gefilmt vom Enkelsohn.

Sehenswert:***

 

HOLGUT  [Tundra, Permafrost, DAN Forschung]

Belgien 2021 / 75 Minuten

In einem Labor experimentieren Forscher mit Mäusen und Petrischalen und der Erzähler bringt uns die Geschichte von Holgut dem Mamut nah, daß auf der Arche Noa vergessen wurde. Der Stadtjugendliche Kyym kommt zu seinem Bruder Roman in die sibirische Tundra um das Jagen zu lernen. Die Suche nach wilden Renntieren wird zu einer erfolglosen Odyssee. Nicht weit entfernt sucht der Wissenschaftler Semyon neben Abenteurern  in den auftauenden Permafrostböden nach für die DNA Forschung brauchbaren Mammut Überresten und träumt vom Klonen und wieder auswildern dieser ausgestorbenen Tiere.

Sehenswert:***

 

NO HAY CAMINO [Lebensgeschichte, Dokumentarfilm, Krankheit]

Niederland 2021 / 90 Minuten

Heddy Honigmann ist als Tochter eines Holocaust Überlebenden in Lima geboren und eine bekannte Dokumentarfilmerin in den Niederlanden geworden. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt und in diesem Film ist sie ihre eigene Protagonistin, auf Spurensuche in der Vergangenheit. Sie besucht die Orte der Kindheit, Freunde, Familie und Studenten ihrer Filmklassen. Bei alledem wird auch die Filmemacherin sichtbar, mit ihren Methoden und ihrer Neugier. Ein Kollege fasst es in einem peruanischen Sprichwort zusammen: Reisender, es gibt keine Straße, du erschaffst deinen eigenen Pfad während du gehst.

Sehenswert:***

KOMÚNA – THE COMMUNE  [Slowakei, Prager Frühling, Dissidenten]

SK 2020 / 87 Minuten

Verschiedene ältere Personen gehen über einen Friedhof. Sie alle besuchen für sich dasselbe Grab, von Marcel Stryko (1955-1994). Stryko wirkte in Košice und war ein slowakischer Künstler, Philosoph, Dissident und Politiker, die treibende Persönlichkeit in der Künstlergruppe NACE, die in den 80er Jahren von der Geheimpolizei verfolgt wurde, und zerbrach. In diesem Film reflektieren neun Mitglieder der „Kommune“ ihr Leben und ihre Arbeit und auch die Frage, wer Verräter war. Es wird sehr viel im On und OFF gesprochen und der Zuschauer ist beim Lesen der vielen Untertitel sehr gefordert. Am Ende des Films sind alle gemeinsam an Styko`s Grab.

Sehenswert:***

LAND [Einblicke, Landwirtschaftliche Produktion]

Deutschland 2020 / 76 Minuten

Der Bauernhof gilt allgemeinhin als der Ort, woher unsere Lebensmittel kommen und ist mit aberwitzigen Klischee Vorstellungen verknüpft. Dieser Film gibt einen Einblick in die Industrieelle Produktion von Lebensmitteln und folgt dabei einem strickten formalen Konzept, das man aus der Architektur Fotografie kennt: alles im rechten Winkel. Die Kamera fährt vorweg, fährt hinter her, fährt seitlich mit oder steht genau ausgerichtet zum Horizont. Die Einstellungen sind lang und ganz selten gibt es einen Schwenk. Wir sehen aus der Drohen Perspektive senkrecht von oben Landschaft, Felder, Wald, abstrakte von Menschen gestaltete Flächten und wir bekommen Einblicke in große Industriebetriebe, die Pflanzen und Tiere mit Hightech in Massen herstellen. Dazwischen kommen auch mal Menschen in ihrer Freizeit vor, die sich im gleichen Rhythmus verhalten und bewegen, wie die Produktionsprozesse die sie steuern. Die wenigen Sätze, die im Film gesprochen werden, fallen am Rande und spielen keine Rolle. Es ist ein Film ohne jeden Dialog, begleitet nur von einer Musik, die den Zuschauer in meditative Stimmung versetzt und nicht der beliebten Dramatisierung dient. Normalerweise lege ich bei meinen Tipps keinen Wert darauf, die Macher zu benennen. Bei diesem hier, der auch für die Kamera verantwortlich zeichnet, handelt es sich um den NDR Redakteur, der auch für „Lovemobil“ zuständig war.

Sehenswert:*****

HE’S MY BROTHER [Behinderung, Pflege, Verantwortung]

Dänemark 2020 / 82 Minuten

Peter ist durch eine Frühgeburt behindert, kann weder sehen noch hören und sich nur mit dem Geruchssinn, dem Geschmack und dem Berühren orientieren. Er ist einer von drei Fällen in den skandinavischen Ländern. Der Film wird von seiner jüngeren Schwester Christine erzählt, die mitten in den 20er Jahren von zu Hause auszieht. Der nun 30 Jahre alte Peter ist immer der Mittelpunkt der Familie gewesen und reagiert zunehmend aggressiver auf Veränderung. Die Familie steht vor dem Problem, wie seine Betreuung in Zukunft gesichert werden kann.

Sehenswert:***

Mit dem Wunschkind auf dem Schoss, den Eltern und der Großmutter

MENSCHENSKIND! [Kinderwunsch, Samenspende]

Tschechien 2020 / 82 Minuten

Die Filmemacherin ist alleinstehend, lebt als Künstlerin in der Schweiz und erfüllt sich den Kinderwunsch mit Hilfe einer Samenspende. Sie zieht ihre Tochter alleine auf. Irgendwann stellt sich die Frage, wie erkläre ich später dem Kind, wer der Vater ist, der anonym bleiben soll aber tatsächlich in der Persönlichkeit des Kindes vorhanden ist. Sie spricht mit Betroffenen, die mit Hilfe einer Samenspende zur Welt kamen und beleuchtet so die Perspektive der Kinder, die beim Kinderwunsch meist nicht berücksichtigt werden. Im Freundeskreis bei einem lesbischen Paar ist die Situation noch viel vertrackter.

Sehenswert:***

ZUHURS TÖCHTER [Tranzgender, Geschlechtsumwandlung]

Deutschland 2021 / 89 Minuten

Lohan und Samar sind die älteren Söhne einer kinderreichen Syrischen Flüchtlingsfamilie in Deutschland und haben die Pubertät hinter sich, fühlen sich aber im falschen Körper geboren und wollen ihre weibliche Identität ausleben. Während die Eltern in traditionellen Glauben und Werten verharren nutzen die beiden die in dieser Beziehung offenere Gesellschaft in Deutschland. Der Film begleitet die zwei über drei Jahre hinweg bis zur medizinischen Geschlechtsumwandlung.

Sehenswert:***

BILDER (M)EINER MUTTER [Familieportrait, Frauenbewegung]

Deutschland 2021 / 78 Minuten
Die Filmemacherin rekonstruiert die Lebensgeschichte ihrer Mutter, die viel zu früh 1993 an Krebs verstorben ist. Diese Rekonstruktion gelingt, weil der Vater schon das Kennenlernen in den 70er Jahren mit Super 8 Film festgehalten hat und später das Familienleben mit Video aufzeichnete. Mit dem Tagebuch der Mutter gelingt der Tochter so eine intensive Erzählung der Vergangenheit aus der Mütterlichen Perspektive, die gleichzeitig einen Blick auf das Rollenbild der Frau der 70er bis 90er Jahre wirft. Die Mutter durfte erst mit 21 Jahren selbst bestimmen, schloss 1976 die sogenannte Hausfrauenehe. Erst 1980 wurde die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz durchgesetzt. Im individuellen Schicksal der Mutter steckt durch die Erzählung und Montage der Filmemacherin das Allgemeine einer ganzen Epoche.

Sehenswert:****

DIE KUNST DER FOLGENLOSIGKEIT [Verbrauch von Ressourcen]

AT, DE 2020 / 73 Minuten

Das Beste für diesen Film wäre, man würde ihn gar nicht erst anschauen und er würde Folgenlos bleiben, obwohl durch das Anschauen weniger Ressourcen verbraucht werden, als durch den Dreh; am allerbesten, man hätte ihn erst gar nicht gedreht. Ein fiktionaler Kurzfilm zwischen Küche und Dinnerraum dreht sich um die Frage der Folgenlosigkeit und der Kunst, und wird mit einem dokumentarischem Making Off der Dreharbeiten verschnitten, in dem Regisseur, Autor und Darsteller in Interviews über die Folgenlosigkeit sinnieren. Visuell ist das Ganze nicht besonders attraktiv und sicher wäre der Stoff in einem Hörspiel viel besser aufgehoben gewesen.

Sehenswert:*

 

SOLDATEN [Bundeswehr]

Deutschland 2021 / 102 Minuten

Es ist ein typischer nimm 3 Filme. Eine Gruppe junger Rekruten rückt bei der Bundeswehr zur Grundausbildung ein und der Film begleitet drei von ihnen auf ihrem Ausbildungsweg bis zum Gelöbnis. Einer hat sich freiwillig für einen Afghanistan Einsatz gemeldet. Alle drei stammen aus der sozialen Unterschicht und haben wenig Alternativen und sie machen ihren Weg; darüber ist der Zuschauer froh und nebenbei bekommt er einen Einblick in die Bundeswehr, der nicht alltäglich ist.

Sehenswert:****

EVA-MARIA [Kinderwunsch, Samenspende, Behinderung]

Österreich 2020 / 97 Minuten

Eva Maria ist seit Geburt körperbehindert und auf einen E-Rollstuhl angewiesen. Sie hat sich von der Familie gelöst und wohnt und arbeitet weitgehend selbstbestimmt unterstützt durch eine Assistenz in Innsbruck. Mit Hilfe einer Samenspende möchte sie ein eigenes Kind bekommen. Der Film begleitet sie bei ihrem Vorhaben über einen Zeitraum von drei Jahren und der Filmemacher tritt als zeitweiliger Assistent von Eva Maria im eigenen Film auf.

Sehenswert:***

HEIMATKUNDE  [Schule in der DDR]

D 2021 / 88 Minuten
Nicht weit von Guben an der polnischen Grenze steht in der Gemeinde Bärenklau ein großes, inzwischen verlassenes Gebäude an der Straße. Die ehemalige Schule. Der Filmemacher ist hier vor 25 Jahren Schüler gewesen. Hier versammelt er ehemalige Lehrer und Mitschüler um ein Bild des DDR Schulsystems in Erinnerung zu rufen. Die Erzählungen werden von Unterrichtsmaterialien, in Form von Tondokumenten, Lichtbildsammlungen und Unterrichtsfilmen ergänzt und werfen ein Blick zurück auf die DDR Gesellschaft. Alles spielt sich vor und im Schulgebäude ab und durch die Geschlossenheit des Raumes wird eine hohe Intensität erreicht.

Sehenswert:****

LA CONQUISTA DE LAS RUINAS [Arbentinien, Beton]

ARG, BO 2020 / 88 Minuten

In schwarzweiß Bildern bringt dieser Film die Lebensgeschichten von vier Menschen in Argentinien zusammen. Bindeglied ist der Zement. Der 35 jährige Juan arbeitet in einem Steinbruch und löst mit der Brechstange Felsbrocken aus der Wand die für die Zementherstellung gebraucht werden. Auf einer Baustelle in der City verarbeitet ein Gastarbeiter aus Bolivien den Zement für neue Hochhäuser und an einer Flußlandschaft haben indigene Bewohner ein Museum für ihre Kultur errichtet, gegenüber einer Gated Community, die auf den Gräbern ihrer Vorfahren errichtet wurde. Man belauert sich gegenseitig. Dazwischen gibt es einen Paläontologen der nach Dinosaurier und anderen Tierversteinerungen sucht und zum Abschluss einen sinnigen Satz im Off beisteuert: Wenn irgendwann außerirdische Paläontologen auf die Erde kommen, dann werden sie vielleicht keine menschlichen Knochen mehr finden, aber eine Zementschicht, die die Erde bedeckt, obwohl das Zementzeitalter gerade mal die letzten 150 Jahre unseres Daseins geprägt haben.

Sehenswert:***

BETWEEN FIRE AND WATER [Kolumbien, Indigene Bevölkerung, Herkunft]

Kolumbien 2020 / 92 Minuten

Unter der indigenen Bevölkerung der Quillacinga im Südwesten Kolumbiens an der Laguna de la Cocha fällt der afrikanisch stämmige Camilo besonders auf. Er wurde als Kind von einer Familie adoptiert und möchte jetzt mehr über seine Wurzeln wissen. Mehrmals fährt er mit seinen Adoptiveltern in die Provinzstadt um Genaueres über seine Herkunft zu erfahren. Seine Mutter war im Rotlicht und Drogenmileu unterwegs und schließlich gelingt es dem Jugendamt eine Frau aufzutreiben, die die Mutter persönlich kannte und Camilo Näheres über den Hintergrund seiner Adaption berichten kann.

Sehenswert:***

Motorrad Stemmen mit zwei Personen

ZINDER  [Niger, Alltag in der Vorstadt]

FR, DE, NE 2021 / 90 Minuten
Zinder ist eine Stadt in Niger in der Sahel Zone. Im Stadtteil Kara Kara wohnen die Armen der Armen ohne große Perspektive. Zu Beginn des Films fahren junge Männer auf einem Motorrad durch die Stadt, eine Fahne schwenkend, darauf an den Ecken zwei Hackenkreuze. Die Hackenkreuze finden sie gut, die seien von Hitler, einem Typen, der aus Amerika kam. Die jungen Männer finden sich in Gruppen bzw. Gangs zusammen und üben im improvisierten Bodybuildingclub. Repressalien, Brutalität, Gewalt, Vergewaltigung und Körperverletzung gehören zum Alltag; oft enden die Männer im Gefängnis. Um dem Kreislauf von Gewalt und Gefängnis zu entkommen gründet einer ein Sicherheitsunternehmen, an dem sich alle beteiligen sollen.

Zinder ist der Dokumentarfilm eines Einheimischen und ein Stück auf dem Weg, dass Afrikaner ihre Geschichten selbst mit der Kamera erzählen.

Sehenswert:***

COSAS QUE NO HACEMOS  / THINGS WE DARE NOT DO [Mexico, Tranzgender]

Mexiko 2020 / 75 Minuten

Viele Filme versuchen mit ihren Anfängen die Zuschauer zu überraschen und in das Thema hineinzuziehen. Hier gelingt es dem Filmemacher in ganz besonderer Weise. Nach Flugaufnahmen einer Landschaft  sieht man Füße in roten Pantoffeln in einem Ultralightflieger, dann von hinten eine Person im Santa Class Kostüm, der im Flieger über einem Dorf kreist und etwas herab wirft, dass sich am Boden bei den Kindern als Süßigkeiten herausstellt. Eine extrem bewegliche Kamera folgt den Kindern beim Aufsammeln und endet auf dem Dorfplatz bei einem älteren Jungen, der mit einer Kinder-Gruppe eine Tanz- Choreographie einübt. Es ist Nono, der als Tranzgender bei den Kindern im Dorf beliebt ist aber bei Erwachsenen auch Anfeindung erfährt. Mit dem Filmemacher verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis und schließlich konfrontiert er seine Eltern mit der Realität und seinem Wunsch Frauenkleidern zu tragen. Schließlich findet er in der Provinzstadt eine Stelle als Verkäufer in einem Kleidergeschäft.

Sehenswert:*****

DER GERAUBTE WALD   [Raubbau an der Natur]

DE, AT, RO 2020 / 97 Minuten
Beim Name Schweighofer kreischen nicht nur die Motorsägen sondern schrillen alle Alarmglocken. Diese Firma des vermeidlichen Österreichischen Saubermanns ist in Rumänien wiederholt in illegalen Holzraub verwickelt gewesen. Alle Vorwürfe werden penetrant zurückgewiesen und da Schweighofer nur geschlagene Bäume ankauft glaubt man sich schuldenfrei. Immerhin hat man die Firma in HS Timbergroup umbenannt, vielleicht um den anrüchigen Namen abzuschütteln. Alexander von Bismark ist für seine NGO Environmental Investigation Agency unterwegs, den Holzraub zu dokumentieren, als vermeidlicher Verkäufer, verkabelt mit einer versteckten Videokamera. Der Film begleitet die Aktionen der Umweltschützer in China, Rumänien und Südamerika, und überall sind die Muster die gleichen.

Sehenswert:****

SILENCE OF THE TIDES – DER ATEM DES MEERES [Beobachtungen, Wattenmeer]

NL, DE 2020 / 90 Minuten

Das Wattenmeer ist ungefähr 9000 qkm groß und erstreckt sich von den Niederlanden bis nach Dänemark. Alles ist einem Rhythmus unterworfen, Flut und Ebbe, die Lebewesen unter und über Wasser und auch die Menschen, die rund um das Wattenmeer wohnen und von ihm leben. Der Film vermittelt 90 Minuten lang mit gewaltigen Bildern die verschiedensten Einblicke in den Lebensraum des Wattenmeers, ohne dabei eine spezielle Geschichte zu erzählen oder einer absehbaren Dramaturgie zu folgen.

Sehenswert:*****

ERWIN OLAF – THE LEGACY [Fotografie, Lebensgeschichte, Vermächtnis]

Niederlande 2020 / 76 Minuten

Der Niederländische Fotograf Erwin Olaf hat viel in der Werbung gearbeitet und in den letzten Jahren eine eigene Ausdrucksweise mit großen filmmäßig komponierten Bildern gefunden. Musen überall auf der Welt stellen seine Werke aus. Kurz vor dem 60sten Geburtstag hat ihn eine Krankheit soweit im Griff, dass ein Ende seiner Schaffensmöglichkeiten absehbar ist. In diesem Film, der ihn bei verschiedenen Projekten begleitet, denkt er über sein Vermächtnis nach. Ab dem 14. Mai sind seine Bilder in der Münchner Hypo Kunsthalle unter dem Titel „Unheimlich schön“ zu sehen.

Sehenswert:***

SHADOW GAME [Flucht, EU-Grenze]

Niederlande 2021 / 89 Minuten

Die Flucht nach Europa ist immer wieder Thema. Es sind junge Männer zwischen 14 und 20 aus den Katastrophengebieten der Welt, aus Syrien, dem Irak, aus Afrika und Afghanistan, die sich zu Fuß auf machen, in das gelobte Europa. Es gibt viele Hindernisse zu überwinden und weil das Ganze an ein Videospiel erinnert, sehen sie selbst jeden Versuch einer Grenzüberwindung als “ the Game“. Wahrscheinlich sind unter dieser Perspektive die gescheiterten Versuche leichter zu ertragen, denn immer wieder riskieren sie auch ihr Leben, werden geschlagen, misshandelt, gefangen und wieder zurückgeschickt. Es gibt welche, die nach dem 20. Versuch immer noch nicht aufgegeben haben und es wieder versuchen wollen. Der Film begleitet mehrere Protagonisten auf ihrer Flucht über mehrere Jahre. Mit ihren Handys sind die Jungen nicht nur gut vernetzt, wissen wo sie sind und können mit der Familie und untereinander kommunizieren, sie filmen sich auch selbst in den irrwitzigsten Situationen. Am Ende haben es einige geschafft und was der Film vor allem erreicht, er bringt die Protagonisten nahe und lässt den Zuschauer Sympathie empfinden.  Tragisch ist, dass diese Jungen ihre besten Ausbildungsjahre mit einer unsinnigen Flucht vergeuden.

Sehenswert:***

LOST BOYS  (Kambodscha, Drogenkonsum)

Finnland 2020 / 99 Minuten)

Lost Boys ist die Fortsetzung des Dokumentarfilms Reindeerspotting von 2010, der von einer Clique Drogenabhängiger um Jaani handelt. Nach dem Filmerfolg setzte sich Jani mit dem Freund Antti und dem Regisseur nach Kambodscha ab, wo ihr Trip im Dorgenexess und schließlich in Jani’s Tod endet. Regisseur Joonas versucht mehr über den Tod von Jani herauszufinden muss aber nach seiner Rückkehr für zweieinhalb Jahre in den Knast. Dieser Film reflektiert die Geschichte und gibt einen Einblick in die Drogenszene und den Rotlichtbereich in Kambodscha.

Sehenswert:**

MONOBLOC     [Möbel Design, Sitzkultur]

Deutschland 2021 / 90 Minuten

Monobloc ist das Synonym für den meist weißen, billigen, stapelbaren Plastikstuhl, der in einem Stück im Spritzguss hergestellt wird und schon Millionenfach weltweit verkauft wurde. 55 Sekunden dauert die Fertigung und es lässt sich noch beschleunigen. Die Filmemacher setzten sich mit den verschiedensten Aspekten des Stuhles auseinander, der weitverbreiteten Ablehnung in Deutschland und der enthusiastischen Aufnahme in Indien, wo der Stuhl die Sitzkultur veränderte, vom Bodenniveau an den Tisch. Für ihre Erzählung haben die Macher viel inszeniert und initiiert aber immer gewähren sie dabei einen Blick hinter die Kulissen. Werden für die Titelsequenz am Strand beispielsweise 150 Monobloc Stühle arrangiert, dann erlebt man die ganze Aktion um schließlich in einer Drohnenaufnahme die Buchstaben MONOBLOC zu sehen. Dieser Stuhl hält viele Überraschungen bereit.

Sehenswert:*****