Die Kleinbildfilmpatrone und Leica Filmkassette

9. Mai 2021

Gleich von Anfang an wird die Leica 1925 mit einer Filmkassette verkauft. In diese Kassette muss sich der Leica Fotograf den 35mm Film einlegen, den er als Meterware, sehr bald auch als vorkonfektionierte Filmstück erwerben kann. Die Leica Filmkassette oder Filmpatrone ist also in der Anfangszeit ein wichtiger Bestandteil der Kameraausrüstung und bleibt auch später noch bis in die 1980er Jahre im Lieferprogramm.

Es gibt zwei Filmkassetten, den Typ B und die Filmkassette Typ N, die mit Einführung der M Baureihe die Typ B Kassette ablöste. Vom Prinzip her sind die Kassetten fast baugleich, die Typ B Kassette ist um 2,2mm höher als die neuere Kassette Typ N. Die neue Kassette passt in alle alten Schraubleica Modelle und auch in die M-Modelle bis zur M6TTL mit entsprechenden Bodendeckeln. Die Typ B Kassette passt nicht in die M-Modelle. Jetzt taucht immer mal wieder die Frage auf, wie kann man die beiden Kassetten voneinander unterscheiden?

1. Der Höhenunterschied:
die Mantelhülse der Typ B Kassette ist  45,7mm hoch
die Mantelhülse der Typ N Kassette ist  43,5mm hoch
2. Der untere Steg des Austrittsschlitz ist unterschiedlich breit:
bei der Typ B Kassette  5,3mm
bei der Typ N Kassette  3,3mm
3. Der Kassettenknopf ist unterschiedlich in Form und Farbe:
bei der Typ B Kassette ist er schwarz oder Messingfarben
bei der Typ N Kassette stets silbern verchromt (siehe Fotos)
4. Der Boden der Kassetten ist unterschiedlich:
Die Typ B Kassette hat am Boden eine runde Vertiefung, die in die Rückspulachse der Schraubleica passt (siehe Foto).
Die Typ N Kassette hat eine ähnliche Vertiefung, darin aber eine Ausbuchtung, die verhindert, dass die neue Kassette bei den Schraubleicas zu tief in die Kamera rutscht. Erste N Kassetten haben nicht diese Ausbuchtung, dafür aber einen Stift, der die gleiche Aufgabe erfüllt. Durch Stift oder Ausbuchtung wird erreicht, dass die N-Kassette in den Schraubleicas trotz geringerer Höhe den Film an der gleichen Stelle in die Führung gibt wie die Typ B-Kassette, die tiefer in die Kamera hineinrutscht.
5. Beide Kassetten haben eine Sicherungs-Feder, die mit einem Dorn verhindert, dass sich die beiden Hülsen gegeneinander verdrehen und die Kassette unabsichtlich geöffnet wird. Dieser Dorn unterscheidet sich:
Bei der Typ B Kassette ist er rund und hat außen eine Art Unterlegscheibe, die man gut sehen kann
Bei der Typ N Kassette gibt es diese Scheibe nicht mehr und der Dorn ist rechteckig.

Eine Z Kassette gibt es nicht. Das Z auf der Oberseite der Innenhülse bedeutet ZU. Die Kassette ist geschlossen, wenn das Z direkt vor der Federverriegelung steht.

In der Leica wird der Film aus der Patrone heraus am Bildfenster vorbei auf eine transportierende Zahntrommel geführt und danach auf eine Aufwickelspule gewickelt. Sitzt die Filmkassette bei einer Schraubleica nicht richtig in der Kamera, kann der Film schräg durchs Bildfenster transportiert werden. Da sich die Rückwand nicht aufklappen lässt, kann man die Schieflage nicht sehen und auch nicht begutachten, ob der Film richtig in der Führung liegt. Das hat man bei den M-Modellen geändert. Bei den Schraubleicas kamen so öfters die Perforationslöcher eines schiefliegenden Films ins Bild.

In den 1980er Jahren hat Leica den Vertrieb der Kassette eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der Bodendeckel der M6 Baureihe geändert. Der Ringelteller mit der Aussparung zum Öffnen der Filmkassette wurde durch einen flachen Teller ersetzt und auf der Bodenplatte fehlt der Entsicherungswinkel. Dieser Winkel drückt die Feder der Leica Filmkassette beim Anklappen des Bodendeckels zurück. So erst ist ein Drehen der Innenhülse und Öffnen der Kassette möglich. Will man in der Leica M6 und M6 TTL die Filmkassette verwenden, dann braucht man den älteren Bodendeckel mit dem Ringelteller.

1925 wird oft als die Geburtsstunde der Kleinbildfotografie angegeben. Aber bis dahin hat es von verschiedenen Firmen und Tüftlern Fotokameras für 35mm Film gegeben, oft mit der als Halbformat bezeichneten Kinofilm-Bildgrösse 18x24mm. All diese Kameras wurden meist nur in geringen Stückzahlen verkauft. Unter den Produzenten war auch die Optische Anstalt C. P. Goerz in Berlin (1911 mit 2500 Mitarbeitern eine grosse Firma), die 1905 oder 1910 einen Prototypen einer 35mm Metallkamera mit 24x32mm Bild herstellte, aber nicht zur Serienreife brachte. Alle bekannten 35mm Kameratypen bis zum Erscheinen der Leica zusammen ergeben mehr als 40 verschiedene Modelle. Verständlich, dass Ernst Leitz zunächst zögerte, die Leica in Serie zu produzieren. Diese vielen frühen Versuche einer Kleinbild Kamera sind nicht verwunderlich denn schon 1889* hatte der Schotte William Laurie Dickson [JSMPE 1933, Laurie Dickson: Brief History of the Kinetograph, Seite 439ff] in den Edison Labors den perforierten 35mm Film erfunden. Weil es 70mm breite Filmstreifen schon gab, lag dieses Format als Kompromiss hinsichtlich Breite und Länge eines gewickelten Streifens auf der Hand. Perforiert wurde der 35mm Film in den ersten Edinson Kinetoscopen eingesetzt und hat dann als Normalfilm bis heute die analoge Filmtechnik dominiert. Um die Jahrhundertwende führte Bell&Howell eine Perforation ein, deren Löcher aus einem Kreis mit abgeflachtem Ober- und Unterteil bestehen und die bis heute nahezu unverändert in allen 35mm Kameras eingesetzt wird. Kodak entwickelte 1920 eine eigene rechteckige Perforation mit runden Ecken, die ohne jegliche Winkelecke stabiler ist, dann aber hauptsächlich nur im Positivfilm für die Kopien verwendet wurde und mit der auch alle Filme des 135 Formats für den Fotomarkt perforiert werden. Beide Varianten haben vom Mittelpunkt ihrer Löcher den gleichen Abstand zum nächsten und jeweils vier Löcher für die Höhe eines Filmbildes, beziehungsweise 8 Löcher für ein 24 x36mm Kleinbild.

1925 waren die Filmkassette bei jeder Leica ein fester Bestandteil des Lieferumfangs. Sie passt mit einem Durchmesser von 25mm ohne Spiel in das Gehäuse einer Leica I/II/III, deren Gehäuse nur 30mm in der Tiefe misst. Das Laden der Kassetten war eine Voraussetzung für das Benutzen der Kamera und die Erklärung dazu nimmt in der Gebrauchsanweisung zum Modell III 10 Seiten ein. Um das Befüllen der Kassetten einfacher zu machen, boten die Filmhersteller verschiedene Verpackungsvarianten ihres Materials an. Zum einen gab es ähnlich dem Rollfilm eine Tageslichtspule mit aufgewickeltem Film. Am Anfang war ein Papiervorlauf angeklebt, der wie beim Rollfilm ein Belichten des Films verhinderte. Bei gedämpftem Tageslicht konnte diese Spule ohne Dunkelkammer in die Kassette eingesetzt werden. In geschlossenem Zustand musste dann das Papier bis zum Filmanfang aus der Kassette herausgezogen und entfernt werden. Neben der heute noch bekannten Meterware in verschiedenen Längen gab es auch Packungen mit vorgestanzten Filmenden und -Anfängen, aus denen man sich ohne aufwändiges Abmessen die Länge für 36 Aufnahmen in die Kassette spulen konnte. Auch bei diesen Packungen gab es Lösungen, den Film ohne Dunkelkammer in die Kassette zu füllen, so wie es auch die Filmlader für die Meterware ermöglichen. Die Zeitschrift ‚Die Leica‘ von Curt Emmermann führt unter Neuheiten Notizen und Tipps immer wieder Ratschläge zum Befüllen von Kassetten und sehr viele Neuigkeiten von den verschiedenen Rohfilmanbietern.

Agfa brachte dann (wahrscheinlich 1927 mit Patent) in Kooperation mit Leitz eine vereinfachte Kassette mit einem Lichtverschluss aus Samt auf den Markt, die in den Leitz Katalogen als Kassette D (Kasam) oder Samtkassette geführt wird und für das Wiederbefüllen gedacht war. Bei den Leica Kassetten B/N öffnet sich die Kassette durch Schließen der Kamera  am Bodendeckel und der Film wird berührungslos aus der Kassette über die Filmbahn transportiert. Bei der Samtkassette rutscht der Film durch die beiden Textilschichten. Weil der Samt Haare ließ und die sich auf dem Film finden konnten, gibt es diverse Tipps, wie man das verhindern kann. Relativ schnell griffen die Filmhersteller die Patronen Idee auf und lieferten den Film fertig konfektioniert in Patronen aus Pappe, Kunststoff und Metall alle mit einem Samtmaul, so wie es heute immer noch üblich ist. Erste Modelle waren ein Patronen Mantel mit zwei als Abschluss aufgesteckten Deckelhülsen, die am Mantel durch das Etikett verklebt wurden.

Agfa/Leitz Samtkassette

Spätere Konstruktionen mit gerilltem Mantel ließen sich mit einem Ringdeckel auf Druck verschließen und auch einfach wiederverwenden. Eine weitere Form verwendet ein Kunststoffgehäuse mit einem aufsetzbarem Drehverschluss-Deckel. Kodak ist irgendwann dazu übergegangen, die Patronendeckel durch Crimpen zu verschließen. Diese Patronen lassen sich nur mehr mit einem Flaschenöffner aufbrechen und müssen entsorgt werden. Bei all diesen Patronen wird eine Norm für die nach Kodak Bezeichnung Typ 135 Filmpatrone eingehalten, die auch in der DIN Norm  4535-1 beschreiben ist. Die heutigen Typ 135 Filmpatronen messen nur 43mm in der Höhe.

Wichtigster Mitbewerber zur Leica war Zeiss mit der Contax. Auch für diese Kamera gab es eine Kassette, die ähnlich wie die Leica Kassette funktioniert. Bei der Contax kann man die Kassette auch an Stelle der Aufwickelspule verwenden und so ein Rückspulen des Films überflüssig machen. Andere Hersteller haben ebenfalls Kassetten entwickelt, so Nikon, Canon und Robot.

 

Die Filmkassette für die Contax

Leica Filmkassetten werden nur mehr auf dem Gebrauchtmarkt angeboten, oft von Verkäufern ohne Wissen um ihre Funktion. Manchmal werden Kassetten vom Typ B und N gemixt und falsch zusammengesteckt. Dann ist entweder die Innenhülse zu klein für den Außenmantel oder der Außenmantel zu groß für die Innenhülse. Die Leica Filmkassette ist sehr stabil gebaut, trotzdem muss man vorsichtig mit ihnen umgehen. Am besten bewahrt man sie zusammengesteckt auf, da sich die Hülsenteile einzeln bei Druck auf das offene Ende verformen können. Die Verschlussfeder kann sich bei ungeschütztem Transport der Kassette verbiegen und wenn sie in Richtung der Kassette verbogen ist, dann kann der Verschlussdorn des Kamerabodendeckels die Feder nicht mehr aufdrücken und der Bodendeckel lässt sich nicht schließen.

Außenhülse der B Kassette mit Innenhülse der N Kassette

Zur Kassette hin verbogene Feder, Bodendeckel lässt sich nicht mehr schließen.

Wer die Kassetten in einem Tageslicht Filmlader befüllt, der für diese Kassetten vorgesehen ist und nach dem Ladevorgang durch einen Drehhebel die Kassette vor Entnahme verriegelt (z.B. Deutgen Füllfix), der wird die Pfeile auf den Kassettenspulen zu schätzen wissen, die anzeigen, in welche Richtung die Spule aufwickelt.

Auf dem äußeren Kassettenmantel ist eine Markierung graviert, die anzeigt, wie weit der Film aus der verschlossenen Kassette herausragen soll.

 

Gravur an der Außenhülse zur Anzeige der Filmlaschen-Länge

Die Kassetten sind aus Messing gefertigt. Je nach Alter und Lagerung kann das Metall eine unterschiedliche Farbe annehmen. Schlecht gelagerte Kassetten können übermäßig oxidieren und sogenannten Grünspan ansetzen.

Kassetten mit Korrosionsspuren

Von 1925 bis zum Tode von Oscar Barnack Anfang 1936 wurden 200.000 Leicas verkauft und entsprechen viele Kasstten.

Leitz Gesamtkaltalog 1968 mit den damalingen Preisen.   Fotos und Text © Hans Albrecht Lusznat