Take back control*

31. Januar 2022

 

Neulich hatte ich einen Alptraum. Ich habe gerade (nicht im Traum) eine Fortbildung zum Social Media Manager gemacht und war natürlich der älteste im Seminar. Zwei Jahre Pandemie haben im Geschäftsfeld eines freiberuflicher Kameramanns ihre Lücken hinterlassen. Viele der älteren Regisseure melden sich jetzt nur noch einmal im Jahr zu Weihnachten oder Silvester mit einem Grußschreiben aus einer Seniorenresidenz oder vom Alterssitz in südlichen Gefilden. Social Media Manager hilft da Lücken zu stopfen und hält die persönlichen Kontakte flach, da alles digital abläuft. Die Ansteckungsgefahr ist reduziert.

 

Immerhin habe ich ein Studio und viele Objekte zu filmen. Und dann gibt es viele Apps, die helfen beim Schneiden, Layout, Texten und Senden. Und hier setzt der Alptraum ein:

Im Traum war ich zurück in den Anfängen meiner Arbeit, saß nach erfolgreichem Dreh mit meinem 35mm Material am Schneidetisch – einen Cutter konnten wir uns nicht leisten und den Schneidetisch hatte Altregisseur Franz Marischka bei einem befreundeten Sexfilm Produzenten (aus heutiger Sicht harmlos) für umsonst vermittelt.

 

Ich sitze an diesem Schneidetisch, will mit dem ersten Schnitt beginnen und greife nach der Catozzo Klebepresse. Da ploppt ein Fenster vor mir auf. „Danke, daß sie unsere Klebepresse verwenden wollen. Um sie einsetzen zu können, müssen Sie sich registrieren. Eröffnen Sie einen Account mit ihrer Email und geben sie die Seriennummer (am Boden der Presse) ein; wählen sie dann ein Passwort aus mindestens 8 Zeichen.“

Kaum sind all diese Eingaben erfolg ploppt das nächste Fenster auf. „Wenn Sie Zusatzfunktionen auch für den Tonschnitt in Anspruch nehmen wollen, dann graden sie ihren Account zu Professionell auf für nur 8,30 € im Monat“. Nein will ich nicht, wird ein Stummfilm, eventuell nachsynchronisiert. Das linke und rechte Ende des Filmstreifens liegen jetzt in der Presse und ich ziehe am Klebefilm. Wieder ploppt ein Fenster auf. „Sie haben sich für Tesafilm entschieden. Bitte loggen Sie sich unter Tesa.de ein und eröffnen sie einen Account. Geben sie dazu ihre Emailadresse ein und ein frei gewähltes Passwort.“ Die Liste meiner Accounts wächst mit jedem Arbeitsschritt. Wir alle kennen noch den Steenbeck Hebel für die Steuerung des Film-Transports, der sich so großer Beliebtheit erfreute, dass man ihn auch als Fernsteuereinheit für den Avid nachbaute. „Schön dass sie den Steenbeck Hebel verwenden wollen. Laden sie sich aus dem Play-Store die kostenlose App Vor-Rück herunter. Damit können sie über Bluethooth den Hebel aktivieren.“

Aber so einfach ist das nicht: „Sie müssen sich mit ihrem Facebook Konto oder per Mailadresse im Google Play Store registrieren bevor sie die App herunterladen können!“ …  „Geben Sie hier den Bestätigungcode ein, den Sie per Mail bekommen haben. Ohne den Zugriff auf ihre Filmbilder und die genaue Standortangabe des Schneidetischs kann der Hebel nicht funktionieren!“ …  „Damit sie den Schnitt am Tisch abspielen können, müssen Sie uns eine Kopie des Materials auf unseren Server hochladen. Bitte stimmen sie unseren Geschäftsbedingungen Seite 1 bis Seite 65 zu.“….

„Sichern sie uns zu, daß sie keine Schweinereien gefilmt haben und dass der Film keine Szenen enthält, die das sittliche oder religiöse Empfinden ihrer Mitmenschen beeinträchtigen können.“

Ich habe oft vor Drehsituationen Alpträume gehabt, Objektive die sich aus der Kamerafassung bogen, Filmkassetten die aufspringen, Kameras die umstürzen, Koffer die gestohlen werden, aber immer war das Aufwachen dann eine Erleichterung. Heute ist der Alptraum allgegenwärtig und aufwachen werden wir vielleicht erst, wenn es viel zu spät ist.

*Der Titel mit dem Slogan der rechtsorientierten Brexiteers ist hier ganz bewusst gewählt, denn zynischer Weise haben sie mit diesem Slogan den Kontrollverlust einer Demokratie bemäntelt und uns vor Augen geführt, wie die Anhäufung von unseren Daten gezielt gegen uns verwendet werden kann.