Filmtipps fürs 37. Dokfest München 2022

29. April 2022

Dreharbeiten zu Na srebrnym globie 1977, Foto aus ESCAPE TO THE SILVERGLOBE

Am Mittwoch dem 4. Mai eröffnet das 37. Internationale Dokumentarfilmfestival München, diesmal als duales Festival: vom 4. bis 15. Mai in den Münchner Kinos und ab dem 9. Mai bis zum 22. Mai auf der digitalen Leinwand@home (www.dokfest-muenchen.de). Die Eröffnungsveranstaltung  findet am Sonntag dem 4. Mai um 20 Uhr im Deutschen Theater in München mit Publikum statt. Als Eröffnungsfilm wird NAWALNY von Daniel Roher gezeigt. Die Tickets kosten dieses Jahr sowohl für Kino und wie für @home Streaming  7,50 €. Als besonderer Gast wird beim diesjährigen Dokfest die Staatsministerin Claudia Roth erwartet.

Das 37. Dokfest München in Zahlen (2021 in Klammern):
124 Filme   (131)
55   Länder  (43)
61   Deutschlandpremieren  (79)
17   Wettbewerbe und Preise   (15)
19   Spielorte in München   (20)
25   Leinwände
371 Vorführungen
37   Veranstaltungen
??   tausend erhoffte Besucher     (71.100)

Die Zahl der Spielstätten hat sich dieses Jahr weiter vergrößert und projiziert wird in den Kinos: City, Rio, Filmmuseum, Neues Rottmann, Neues Maxim und in der HFF, dem Deutschen Theater und erstmals im Amerikahaus. Das diesjähre Gastland ist Spanien, dem fünf Dokumentarfilme gewidmet sind.

 

Festivalleiter Daniel Sponsel präsentiert die Publikumszahlen der letzten Jahre (Foto HA Lusznat)

Zu den diesjährigen Filmen:

Interessant ist bei einer Veranstaltung mit einem großem, aktuellem Überblick auf das dokumentarische Filmgenre die Frage nach der Veränderung der Erzählform und der visuellen Mittel. Wenn man mit etwas Abstand zu den gesehenen Filmen dieses 37. Dokfests die Frage beantworten will, dann ist es erstaunlich, dass die persönlich als eindrucksvoll empfundenen Filme sich nicht wesentlich von den 40 Jahre alten Dokumentarfilmhighlights der 80er Jahre unterscheiden. Und deren Qualitäten sind genaues Hinschauen, Zeitnehmen, Abwarten, und das Präsentieren eines Realitätsausschnitts, zudem sich der Zuschauer positionieren kann, der ihm nicht in eine Richtung drängt und ihm nur eine Zustimmung abfordert.

Ein wichtiger Aspekt des Dokumentarischen ist die viel beschworene Authentizität, die heute jeder Influencer als verkaufsfördernd erkannt hat, und bewusst herbeizuführen sucht. Dabeisein mit der Kamera ist heute kein Kriterium mehr, denn eine Kamera ist inzwischen überall dabei. Dabeisein ist oft ein aufgeregter Rummel, der nichts mehr sagt und keine Erkenntnis bringt. Dabeisein und nichts begreifen, so kann man die Aufgeregtheit oft beschreiben, wenn der dokumentarische Blick fehlt und nur ein Spektakel aufgeführt wird.

Während die Lust am Beobachten scheinbar abhandenkommt, nimmt die Tendenz zur Selbstbeobachtung  zu (ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS, MEIN WENN UND ABER, HOW TO SAVE A DEAD FRIEND, FOUR JOURNEYS) und wenn man im Festival schon so viele Reihen und Kategorien eingeführt hat, dass man eigentlich den Überblick verliert, dann fehlt ganz bestimmt die Reihe das Dokumentarische Selfie. Sehr oft sind die Filmemacher Bestandteil der Handlung. Das birgt natürlich die Chance einen tiefen Einblick in Familien zu bekommen, birgt aber die Gefahr, dass aus dem Filmemacher ein Influencer in eigener Sache wird.

Große gestalterische Neuheiten und Besonderheiten gibt es nicht. Die meisten Filme sind in 16:9 gedreht, einige wenige in Cinemascope  und immer wenn 4:3 ins Spiel kommt, handelt es sich meist um Archivmaterial.

Formal interessant ist PORNFLUENCER, weil dieser Film wie eine Webseite aufgebaut ist, in der man vor- und zurückspult und andere Inhalte wie Inserts aufruft. Bei ANIMA - DIE KLEIDER MEINES VATERS hat die Regisseurin einen interessanten Weg gefunden, mit animierten Foto- und Grafikelementen den Teil der Geschichte zu erzählen, der sich nicht in dokumentarischen Fotos und Filmausschnitten zeigen lässt.

Gerne läuft die Kamera hinter Protagonisten her (IF YOU ARE A MAN, VOLKSVERTRETER, TRENCHES, GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT).

Unter den hier vorgestellten Filmen sind gleich drei Eltern-Kind Filme; Filme in denen die Töchter oder Söhne die Mutter oder den Vater befragen und vorstellen, wobei die ins Allgemein reichende Tiefe der Erzählung recht unterschiedlich ist: JANE BY CHARLOTTE, EINE FRAU, ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS.

Es gibt auffallend viele Filme über Pupertierende und Jugendliche,  IF YOU ARE A MEN,

GIRL GANG, CHILDREN OF THE MIST, HOW TO SAVE A DREAD FRIEND. Social Media sind nicht nur Bestandteil des Alltags in den Filmen sondern ein Thema oder das Hauptthema und werden immer wichtiger. Überall wird fotografiert und gepostet: in NAVALNY, VOLKSVERTRETER, GIRL GANG, PRONFLUENCER.

Viele Filme sind über einen langen Zeitraum hinweg entstanden (HOW TO SAVE A DEAD FRIEND, TERRETORY, VOLKSVERTRETER, CHILDREN OF THE MIST, FOUR JURNEYS, MEIN WENN UND ABER)

 

NAVALNY [Politik]
Canada /100 Minuten Eröffnungsfilm des DOK.fest München 2022

Der Russische Oppositionspolitiker Alexei Anatoljewitsch Nawalny (Jahrgang 1976) dürfte vielen Deutschen bekannt sein, vor allem weil er 2020 in der Berliner Charité behandelt wurde. Im August 2020 war er nach einem Giftanschlag auf dem Flug vom Sibirischem Tomsk nach Moskau an einer Kontaminierung mit dem Nervengift Nowitschok erkrankt und auf einem Zwischenstopp in ein Omsker Krankenhaus geschafft worden. Der Film behandelt hauptsächlich diesen Vorfall.

Highlight im Film ist ein Telefongespräch. Das Recherchenetzwerk Bellingcat hatte vier Agenten des Geheimdienstes FSB ausmachen können, die gleichzeitig nach Tomsk gereist waren. Der genesene Nawalny ruft sie vor laufender Kamera nacheinander an. Er gibt sich als Sekretär des russischen Sicherheitsrates aus und befragt den Agenten, warum das Attentat schief gegangen sei.

Den Machern ist mit einem Insiderblick in das Navalny Team ein emotionaler, packender Film gelungen, der Empörungspotential beim Zuschauer freisetzt. Ob das in der politischen Auseinandersetzung hilft, ist fraglich. Auch für das Genre des Dokumentarfilms stellt sich die grundsätzlich die Frage: ist das Thriller mäßig aufgebachte musikalisch dramatisierte, unreflektierte Dabeisein wichtiger als eine vielleicht dröge, nüchterne Betrachtung der Fakten?

Sehenswert:**

 

EINE FRAU  [Mutter-Tochter Film / Frauenschicksal / Portrait]
Deutschland 2021 / 104 Minuten / OmeU)

Es ist einer dieser Mutter-Tochter Filme, die Autoren machen, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben und zurückschauen. Die erste Einstellung des Films zeigt ein Prachtexemplar von einem Laubbaum in einem eingezäunten Park, schwenkt dann auf das Wurzelwerk, das gigantische Ausmaße einnimmt, ein Verweis auf die sich anschließende Suche nach den eigenen Wurzeln. Es geht um die Mutter Marie Louise Chatelaine, genannt Malou, geboren in der französischen Provinz, aufgezogen von der Tante und dann verheiratet mit einem gut situierten jüdischen Geschäftsmann. Vor den Nazis gelingt ihnen die Flucht über Amsterdam nach Argentinien. Die Ehe mit zwei Kindern zerbricht, die Mutter gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Zu Beginn des Films breitet die Regisseurin die Hinterlassenschaft der verstorbenen Mutter aus. Dabei sind viele Fotos und auch 8mm Filme, Relikte eines Hobbys der wohlhabenderen Mittelschicht.

Die Regisseurin sucht die in den Fotos erscheinenden Orte wiederzufinden ganz unspektakulär, indem sie einfach die Bilder von einst in der Szene von Heute platziert, wobei sie angenehmer Weise höchst selten mal selbst im Bild auftritt. Alles wird aus dem Off von ihr kommentiert. Über die persönliche Geschichte hinaus zeigt der Film das Schicksal einer nicht ganz angepassten Frau in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen der vierziger und fünfziger Jahre.

Sehenswert:****

 

 

DEAR MEMORIES – EINE REISE MIT DEM MAGNUM-FOTOGRAFEN THOMAS HOEPKER [Fotografie / Potrait / Alzheimer]
Deutschland, Schweiz 2021 / 95 Minuten)

Thomas Höpker Jahrgang 1936 gehört zu den wichtigsten deutschen Nachkriegsfotografen. In den 60er Jahren hat er für den Stern eine lange Reise durch das ländliche Amerika unternommen. Jetzt ist er an Alzheimer erkrankt und startet mit seiner jüngeren Ehefrau Christine noch einmal im Wohnmobil zu einem Roadtripp von ihrem Haus nahe New York nach San Franzisco. Fotografenfilme sind ein dankbares Sujet, denn man kann alles mit Fotos unterfüttern und davon hat Höpker im Laufe seines Lebens viele hervorragende geschaffen.

Der Umgang mit der Kamera ist bei ihm ins Unterbewusstsein übergegangen. Die fortschreitende Krankheit kann seiner Sicherheit in der Bildgestaltung nichts anhaben während ihm das Sprechen in größeren Zusammenhängen bisweilen schwer fällt. Weil er sich immer wieder schriftlich und in Interviews zur Fotografie geäußert hat, kann der Film auf ältere Aussagen zurückgreifen.

Sehenswert:***

 

 

TRENCHES  [Ukraine Krieg]
Frankreich 2021 / 85 Minuten / OmeU

Seit acht Jahren gibt es Krieg im Donbas. Ukrainische Soldaten auf der einen Seite, von Russland unterstütze Separatisten auf der anderen. Die Kriegsparteien haben sich in der flachen Landschaft in Schützengräben verschanzt und belauern sich gegenseitig. Hin und wieder gibt es Feuerwechsel mit Gewehren und Granaten. Der Film beobachtet über einen längeren Zeitraum eine Gruppe Ukrainischer Soldaten in ihren Gräben und Unterständen.

Die Aufnahmen sind im 4:3 Format gedreht und in einfachem Schwarz/Weiß gehalten. Der Alltag im Schützengraben wird beobachtet: Langeweile und Daueranspannung. Man beobachtet den Feind, verpflegt sich, baut die Stellungen aus und hin und wieder wird der Gegner beschossen. Alltag pur, dokumentarisch beobachtet, hin und wieder ein Gespräch mit einer Soldatin oder einem Soldaten. Als es Urlaub für die Gruppe gibt und sie auf Panzern sitzend ins Ukrainische Hinterland zurückkehren, werden die Bilder plötzlich farbig. Entspannung, Disko und dann beginnt alles wieder von vorne.

Sehenswert:***

 

 

HOW TO SAVE A DEAD FRIEND  [Russland / Langzeitbeobachtung / Drogen / Jugend]
Deutschland, Frankreich, Norwegen, Schweden 2022 / 90 Minuten / OmeU)

Die 16jährige Marusya steckt in einem depressiven Vorstadt Sumpf als sie Kimi trifft und beide ihre Liebe zueinander entdecken. Es ist ein Erwachsenwerden im Russland der Jahrhundertwende. Jelzin übergibt die Amtsgeschäfte an Putin. Mit Marusyas Kamera fangen sie an, sich gegenseitig zu filmen und sie setzt es dann die nächsten 15 Jahre fort. Es wird ein Erwachsenwerden vor einem zunehmend repressiven und wenig optimistischen Hintergrund mit lauter Musik, Drogenexessen und depressiven Phasen. Kimis Drogenkonsum ufert aus, Klinikaufenthalte reihen sich aneinander und sein physischer Verfall wird immer offensichtlicher, bis er schließlich im November 2016 stirbt.

Der Film gibt einen unverstellten Einblick in den Alltag russischer Jugendlicher dieser Zeit und kann das auch rückwirkend umfassend bewerkstelligen, weil umfangreiches Film- und Fotomaterial aus früher Zeit vorhanden ist und Marusya stur an ihrem Filmprojekt festgehalten hat.

Sehenswert:*****

 

 

GIRL GANG  [Social Media / Jugend / Familie]
(Schweiz 2022 / 98 Minuten)

Es ist eine Hysterie unter meist weiblichen Jugendlichen, wie man sie gut aus den alten Beatles Filmen erinnert, nur dass diesmal nicht eine Popgruppe von Weltformat angehimmelt wird, sondern eine Teenie-Influencherin aus dem Berliner Osten. Die 14-jährige Leonie hat sich mit ihrer lockeren Art (gerne als Authentisch verkannt) in den Social Media einen sehr großen Follower Kreis erarbeitet. Die Eltern erkennen ihr Potential und übernehmen hauptberuflich das Management. Bisweilen fragt sich der Zuschauer, wer beutet hier wen aus, die Eltern die pubertierende Tochter oder die Tochter, die sich kümmernden Eltern. Dann gibt es noch Melanie, eine 13 jährige Followerin von Leonie, die bisweilen 17 Stunden am Smartphone in den Social Media abhängt und einen Fanklub für Leoni gegründet hat. Wohl weil ein Film noch mehr Aufmerksamkeit versprach hat Leoni und ihre Familie den Filmemachern Zutritt gewährt und öffnet damit den Zuschauern einen intensiven Einblick auf eine Parallelwelt, in der ziemlich viel falsch zu laufen scheint. Immerhin erkennt Fanclub Betreiberin Melanie im Laufe der Zeit ihren Irrtum.

Sehenswert:****

 

VOLKSVERTRETER  [Politik / Langzeitbeobachtung]
(Deutschland 2021 / 94 Minuten)

Nach der Bundestagswahl 2017 beziehen vier Kandidaten der AfD als frisch gewählte Abgeordnete ihre Büros im Bundestag: Armin Paul Hampel, Journalist;  Götz Frömming, Lehrer;  Norbert Kleinwächter, Lehrer und Enrico Komning, Jurist. Der Film beobachtet die Neuen über einen Zeitraum von drei Jahren und die Kamera ist in diversen Situationen dabei ohne je direkt zu interagieren. Man hat 90 Minuten Zeit einen Einblick in den Alltag und die Arbeit der Volksvertreter zu nehmen, wobei es weniger um das Vertreten des Volkes als das der eigenen Interessen zu gehen scheint. Ernsthafte Sacharbeit, wie man es vom Politikbetrieb erwarteten würde, findet in den Filmausschnitten kaum statt. Es wird Fotografiert, Gefilmt und Gepostet, um Formulierungen gerungen und darüber diskutiert, wie man taktisch Entscheidungen beeinflusst.

Sehenswert:**

 

IF YOU ARE A MAN  [Fremde Welten / Jugend / Bildung]

(Burkina Faso, Frankreich 2022 / 76 Minuten / OmeU)

In der ersten Einstellung folgt die Kamera in einer langen Fahrt dem 13 Jahre alten Opio durch die oberflächliche Anlage einer Goldmine in Burkina Faso, bestehend aus Hütten und immer mal wieder einen Schacht, der nur mit ein paar Sandsäcken am oberen Ring geschützt ist. Opio verdient sich hier mit der Bedienung des Seilzugs seinen Lebensunterhalt. Er ist eines von fünf Kindern, die sein Vater mit einer seiner zwei Frauen hat. Eigentlich möchte er zur Schule gehen und das Schweißen erlernen aber die 35.000 Franken (umgerechnet 53€) jährliches Schulgeld kann der Vater nicht aufbringen. Für seine Arbeit erhält er hin und wieder einen Sack mit Steinbrocken aus der Miene. Dieses Material zerkleinert er in mühsamer Arbeit und wäscht ein wenig Gold aus. Schließlich fragt er seinen Chef, ob er auch in den Schacht steigen darf um in der Tiefe selber nach Goldgestein zu suchen.

Sehenswert:**

 

 

CHILDREN OF THE MIST  [Fremde Welten/ Jugend / Langzeitbeobachtung]
(Regie: Diem Ha Le / Vietnam 2021 / 90 Minuten / OmeU)

Am Anfang des Films gibt es eine Szene, in der eine Gruppe von fünf Mädchen auf einem geschliffenem Felsen in der Bergwelt von Nordvietnam zusammen spielt, eine Brautentführung, wie sie der filmenden Person erklären. Die 13 jährige Di ist die Tochter einer Bergbauernfamilie der Hmong, einer Volksguppe in Vietnam mit eigener Sprache und der Tradition, ihre Kinder früh zu verheiraten. Auch Di’s Mutter wurden entführt und früh verheiratet, was eine frühe Schwangerschaft und den Abbruch der Schulbildung zur Folge hatte. Beim Neujahrsfest im Dorf flirtet Di mit einem Jungen, was ernsthafte Konsequenzen hat. Der Film beobachtet sehr genau den traditionellen Umgang der Familien miteinander und lässt den Zuschauer an Vorgängen und Auseinandersetzungen teilnehmen, die Di‘s Zukunft entscheiden. Näher dran kann ein Dokumentarfilm kaum sein.

Sehenswert:*****

 

 

PORNFLUENCER  [Sexualität / Influencer]
(Deutschland 2021 / 74 Minuten)  
 
Influencer wollen gefallen, geben Einblick in ihr Privatleben und reichern die Botschaften an die Fangemeinde mit Werbung an, wobei oft eine erotische Komponente im Spiel ist und Erfolg verspricht. Immer noch gilt die Binsenweisheit: Sex sells. Warum nicht den eigenen Sex verkaufen und reich werden?
Nico und Jamie sind ein Paar und tun genau dieses. Sie haben im Steuerparadis Zypern ein Haus gemietet und bedienen in der Kategorie „Real Couple“ ihre Follower mit hausgemachten Pornos, um schnell reich zu werden. Die Filmemacher besuchen die beiden, beobachten und befragen sie bei ihrer Arbeit, die im Bedienen von Accounts auf den diversen Social Mediaplattformen und dem Verwalten einer Homepage besteht. Sie sind in einander verliebt und verbinden nun das Nützliche mit dem Angenehmen. Beim Sex stehen drei Kameras um sie herum, die sie selber bedienen und einrichten müssen und bei der Kopulationstätigkeit muss dann auch schon mal eine Kamera in die Hand genommen werden, damit man die Details besser sieht. Dabei kommen sie ins Schwitzen und man merkt, dass es richtige Arbeit ist. Aber es gibt auch die Kundschaft, die wie überall im Showgeschäft nach abwechslungsreicher Kost verlangt, weshalb bis weilen zu dritt in wechselnder Besetzung agiert wird.

Der Film selbst ist visuell wie eine Homepage aufgebaut, mit einer Timeline und Fenstern, in denen mitten im Film ein Experte aufgerufen wird, der dann erklärt, wieviel Geld im Markt der Internetpornografie steckt. Zuweilen wird auf der Timeline zurückgespult und man knüpft an einer früheren Stelle des Geschehens an. Beide stehen für sich vor einem Spiegel und lesen sich nach einer Affirmation benannten Motivationstechnik vor, wie toll sie sich finden. Sehenswert:****

 
 

 

JANE BY CHARLOTTE [Mutter-Tochter Film / Prominente ]
(Frankreich 2021 / 90 Minuten / OmeU)
Die Mutter ist die Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin, die Tochter nicht weniger prominent und ebenfalls Schauspielerin und Sängerin, Charlotte Gainsbourg. Der Film folgt ihnen an die verschiedensten Orte, nach China, New York oder in das Haus der Mutter in der Bretagne. Verhandelt werden eine Reihe von Themen und Erinnerungen ohne Decidiert auf das Leben zurückzublicken. Einer der interessantesten Momente ist der Besuch beider im Pariser Haus des 1991 verstorbenen Serge Gainsbourg, Mann und Vater der Frauen. Alles ist so geblieben wie es vor 30 Jahren war, selbst die Konservendosen in den Schränken sind noch vorhanden. Und dann spricht die Mutter über die Urängste vieler Eltern, Kinder in die Welt zu setzen, Fehler zu machen, die sich nicht mehr korrigieren lassen und die Ohnmacht in der Angst, man könnte ein Kind verlieren und nichts dagegen tun.

Sehenswert:**

 
 
 

THE TERRITORY [Regenwald / Langzeitbeobachtung]
(Brasilien, Dänemark, USA 2022 / 86 Minuten / OmeU)

Die Uru Eu Wau Wau sind eine indigene Volksgruppe im brasilianischen Regenwald mit einem ihnen zuerkannten Landbesitz. Illegale Siedler versuchen ihnen ihr Gebiet Stückchen für Stückchen durch Abholzung und Brandrodung wegzunehmen und fühlen sich durch die Politik des rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro bestärkt. Drei Jahre lang beobachtet der Film die Volksgruppe beim Kampf um ihr Stück Regenwald.

Sehenswert:****

 

LIEBE, D-MARK UND TOD
(Regie: Cem Kaya / Deutschland 2022 / 96 Minuten)
Ab Mitte der 50er Jahre wurden ausländische Arbeitskräfte organisiert an die Deutsche Industrie vermittelt und allgemein als Gastarbeiter bezeichnet. Sie brachten auch ihre Lieder und Musikvorlieben mit. Ungeachtet von der deutschen Öffentlichkeit entstand unter türkischen Gastarbeitern eine einzigartige Subkultur mit Stars und Millionen verkaufter Tonträger. Der Film führt in diese vielfältige facettenreiche Kultur vom einfachen Heimatlied bis zum aktuellen Rap Gesang.

Sehenswert:***

 
 
 
 
ESCAPE TO THE SILVER GLOBE [Filmgeschichte / Polen]
(Polen 2021 / 95 Minuten / OmeU)
 
Der polnische Regisseur Andrzej Żuławski (1940-2016) begann Mitte der 70er Jahre mit einem ambitionierten Sciencefiction Filmprojekt: On the Silver Globe. Nach zwei Jährigen Dreharbeiten wurde das Projekt durch den neu ernannten Kulturminister aus politischen Gründen gestoppt, obwohl schon 80% abgedreht waren. Entgegen der Anweisung das Material zu vernichten, hatte das Filmstudio die Negative, Kostüme und Requisiten eingelagert. Mit der politischen Wende in Polen, wurde 1988 eine 157 Minuten Fassung des unvollendeten Films fertig gestellt und in Cannes uraufgeführt.
Der Dokumentarfilm rollt die Situation auf und befragt Beteiligte nach den Umständen.

Sehenswert:***

 
 

 

MAGALUF GHOST TOWN [Tourismus]
(Spanien 2021 / 80 Minuten / OmeU)
Magaluf gilt bei den britischen Touristen als Partyhauptstadt von Mallorca, wobei der Begriff Stadt für die Hotel Hochhausansammlung am Strand zu hoch gegriffen ist. Bis zu einer Million Touristen kommen pro Saison, die meisten aus Großbritannien. Neben dokumentarischen Beobachtungen des Massen Party Tourismus gibt der Film Einblick in das Leben Einheimischer, die mit und auch von dieser Situation leben: ein ehemaligen Zimmermädchen, ein Toilettenmann, ein jugendliches schwules Freundespaar, ein Gastronom mit Sohn, und eine Immobilienmaklerin. In das Leben der Protagonisten schleichen sich Visionen und Phantasien ein, die im Zusammenhang zum Tourismus stehen und ein fiktionales Element in den Film bringen.

Sehenswert:****

 
 
 
 
GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT [München / Corona-Kriese]
(Deutschland 2022 / 90 Minuten)
Die Veranstaltungsbranche wurde von der Corona Kriese besonders stark getroffen. Der Film versucht am Beispiel von vier Münchner Clubs - P1, Back Stage, Harry Klein und Milla Club –  zu zeigen, wie sich die Corona Kriese auf das Geschäft auswirkt. Es ist ein Wunder, wenn Unternehmen eine fast zwei Jahre währende Zwangsschließung überstehen, aber die Filmemacher schaffen es nicht, dem Zuschauer auch nur annähernd zu erklären, wie das funktioniert. Auch sind die Alltagsbeobachtungen in den geschlossenen Clubs wenig ambitioniert, lieblos fotografiert, reichten bestenfalls für einen Aktualitäten Bericht, sind deshalb schon uninteressant und kommen zu keiner Erkenntnis.

Sehenswert:*

 
 

 

STAND UP MY BEAUTY  [Gesang / Fremde Welten / Frauenschicksal]
(Deutschland, Schweiz 2021 / 110 Minuten / OmeU)
Die Azmari-Sängerin Nardos tritt in Bars der Hauptstadt Addis Abeba auf. Azmari ist eine Tradition aus dem äthiopischen Hochland und vergleichbar mit Minnesängern. Nardos ist auf der Suche nach Inhalten für ihre Lieder und trifft die auf der Straße lebende Dichterin Gennet. Zusammen schaffen sie neue Lieder, die von den eigenen und auch typischen Problemen äthiopischer Frauen erzählen.

Sehenswert:***

 

 

ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS  [Tochter – Vater Film / Transvestie]
(Deutschland 2021 / 94 Minuten)

Am Sterbebett des Vaters erfährt die Tochter von der Mutter in der Bayerischen Provinz, dass der Vater ein Transvestit war. Das Erbe des Vaters ist ein Karton mit Perücke, Schminkutensilien, hochhackigen Schuhen und ein Stoß von Tagebüchern, die nun ausgebreitet vor der Kamera daliegen. Die Filmemacherin beginnt ein Zwiegespräch mit dem Vater das mit animierten Kollagen, Fotos, Interviews und Filmausschnitten unterfüttert wird und sie aus ihrer Position die Beziehung beschreibt, während die Gesprächsanteile des Vaters dem Tagebuch entnommen sind. Der Vater lebt seine transvestierenden Momente heimlich aber immer unter Anspannung und Angst vorm Entdeckt werden aus. Die Tochter hat in der Schulzeit einen Hang zur Männlichen Seite und lebt ihre Vorstellungen im Fasching und Schultheateraufführungen aus. Wie viel besser hätte sie sich mit dem Vater verstanden, wenn denn nicht dieses Geheimnis dagewesen wäre.

Sehenswert:*****

 

 

FOUR JOURNEYS [China / Ein-Kind-Politik / Familie / Langzeitbeobachtung]
Niederlande 2021 / 112 Minuten / OmeU

Der Filmemacher wurde Mitte der 80er Jahre zu Zeiten der Ein-Kind-Politik in China als zweiten (illegales) Kind geboren. Die Eltern mussten ein dreifaches Jahresgehalt als Strafe zahlen. In diesem Film verarbeitet der Regisseur seine Schuldgefühle und setzt sich mit seinen Eltern und der Schwester, der Großmutter und dem Onkel auseinander, wobei die Gespräche bisweilen recht schonungslos geführt werden. Dann kommt noch ein Familiengeheimnis ans Licht. Die Beobachtungen in der Familie werden vom persönlichen Kommentar des Filmemachers in Form gesprochener Gedanken und Überlegungen begleitet und geben einen Intensiven Einblick in eine Chinesische Familie, der über einen längeren Zeitraum mit mehreren Reisen in China und Amsterdam entstanden ist.

Sehenswert:*****

 

 

MEIN WENN UND ABER [Arbeit-Familie / Langzeitbeobachtung / Filmemacher]
Österreich 2021 / 93 Minuten / OmeU

Es ist die persönliche Selbstbespiegelung eines Filmemachers Ende 30, wo in der Beziehung die Frage „Kind oder Nicht-Kind“ ganz wichtig wird. Und weil das eigene Schicksal nicht reicht, nimmt er drei weitere Kollegen hinzu, die alle schon vom süßen Gift des ersten kreativen Erfolgs genossen haben und nun einen Konflikt zwischen Arbeit und ihren Beziehungen ausfechten, wirtschaftlich immer am Abgrund und auf die Gunst der Filmförderung und Fernsehanstalten angewiesen. Von allen vier Protagonisten hat man schon Filme auf dem Dokfest gesehen.

Sehenswert:****

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Programm und es gibt sicher noch vieles zu entdecken.
Alle Fotos sind Pressefotos des Dokefest München und der Filmproduzenten.