Filmtipps fürs 39. Dokfest München 2024

28. April 2024

Festival Direktor Daniel Sponsel und Dokumentarfilmer Klaus Stern stellen den Eröffnungsfilm vor

Am Mittwoch dem 1. Mai eröffnet das 39. Internationale Dokumentarfilmfestival München, wieder als duales Festival: vom 1. bis 12. Mai in den Münchner Kinos und ab dem 6. Mai bis zum 20. Mai auf der digitalen Leinwand mit 90% der Filme  @home (www.dokfest-muenchen.de). Die Eröffnungsveranstaltung  findet am Mittwoch dem 1. Mai um 19.30 Uhr im Deutschen Theater in München auf Einladung statt und ist bereits ausverkauft.  Als Eröffnungsfilm wird Watching You – DIE WELT VON PALANTIER UND ALEX KARP von Regisseur Klaus Stern gezeigt. Die Tickets kosten dieses Jahr  fürs Kino 10,00 €  (ermäßigt 8,00 €), für @home Streaming (90% der Filme)  5,00 €. Ein Festivalpass kostet für das Kino 75,00 € und für Streaming  50,00 €.

 

Nach Corona wachsen die Zuschauerzahlen wieder deutlich.  (Foto Lusznat)

Das 39. Dokfest München in Zahlen (2023 in Klammern):
109      Filme   (130)
1282   Einreichungen (1178)
51        Länder  (55)
28        Weltpremieren (28)
55        Deutschlandpremieren  (58)
16        Wettbewerbe und Preise   (16)
19        Spielorte in München   (21)
150      Filmgespräche ca.  (75)
65        tausend Euro Preisgeld   (64)
1250   Akkreditierte ca.  1200
???      tausend erhoffte Besucher     (56.000)

Und weil sich jetzt die Regisseure bei der Anmeldung auch einordnen müssen, weiß man dass  52% männlich, 46 % weiblich, 2 % divers sind.

Projiziert wird in den Kinos: City Atelier, Rio, Filmmuseum, Neues Rottmann, Neues Maxim und in der HFF, dem Deutschen Theater, dem  Amerikahaus, Lenbachhaus, im Bellevue di Monaco, der Pinakothek der Moderne, dem Gasteig HP8, dem NS Dokumentationszentrum, dem Ruffini-Haus, den Kammerspielen, dem Literaturhaus und der Pasinger Fabrik.

Den Filmemachern Petra Lataster Czisch und Peter Lataster werden in einer Hommage mit 5 Filmen gewürdigt.

Im Eröffnungsfilm geht es um den US Unternehmer Alex Karp und seine Firma Palantir Technologies, Erfinder der umstrittenen Datenanalyse Software „Gotham“, mit der unter anderem Militärs ihre Angriffsziele durch Auswertung verschiedenster Quellen, auch auf Grund von Socialmedia Accounts bestimmen.

Unter den 14 Filmen, die hier vorgestellt werden, gibt es gestalterisch nicht wirklich Neues oder Außergewöhnliches. Alles hat man schon einmal in ähnlicher Form vorher gesehen. Am radikalsten ist wahrscheinlich I’M NOT EVERYTHING I WANT TO BE, ein Film der nur aus Fotos besteht, ohne Bewegung, was aber auch nicht neu ist.

Neue hippe Bildgestaltungsmittel gibt es nicht, auch keine neuen unbekannten Sichtweisen; die Mittel der Kamera scheinen ausgereizt, was aber kein Nachteil ist. Auf der einen Seite gibt ein allgemein hohes Niveau der Bildgestaltung und dann auch wieder die Bemühungen Bildfremder Personen einen Film zu realisieren, was wahrscheinlich den Produktionsbudgets geschuldet ist.

Die Bewertung ist rein subjektiv und da durch die Retrospektiven auch ältere Filme darunter sind spiegelt sie nicht die aktuelle Situation.

 

DEMOCRACY NOIR   [Politik, Langzeitbeobachtung, 3 Frauen, Problemfall Ungarn]

Dänemark, Deutschland, Ungarn, USA 2014  / 116 Minuten

Die Parlamentarerin Tímea Szabó, die Journalistin Babett Oroszi, und die Krankenschwester Niko Antal haben etwas gemein. Die drei Frauen sind in Ungarns Opposition und versuchen seit Jahren eine weitere Aushöhlung der Demokratie durch Victor Orban zu verhindern.  Der Film beobachtet sie in ihren Bemühungen ab dem Jahr 2010, als Orban an die Macht kam.

[Sehenswert**]

 

TELL THEM ABOUT US  [Provinz, Erwachsen werden, Fremde Kulturen]

Deutschland, Jordanien, 2023 / 92 Minuten

Der Film beobachtet sechs arabisch stämmige Teenagerinnen in Eberswalde auf der Schwelle zum Erwachsen werden. In Workshops geht es um ihre persönlichen Träume, die sie dann in Filmclips professionell in Szene setzen. Weil die Filmemacherin aus Jordanien stammt wird hauptsächlich arabisch gesprochen, was sich als kontraproduktiv erweist, wenn man einen Film fürs Deutsche Fernsehen macht und die jungen Frauen letztendlich in Deutschland arbeiten wollen. Der Anfang ist zu unstrukturiert und bei sechs Protagonistinnen verliert man ohne gestalterische Idee einfach den Überblick.

[Sehenswert**]

 

DAS LEERE GRAB    [Kolonialzeit, Afrika, ]

Deutschland 2024 / 97 Minuten

In Tansania trifft sich die Familie am Grab von Nduna Songea Mbano, der von 115 Jahren von der deutschen Kolonialmacht hingerichtet wurde. Von der Leiche hat man den Kopf abgetrennt und für die wissenschaftliche Forschung nach Berlin geschickt. Die Zahl der von diversen Afrika Forschern eingesammelten Schädel und Skelette soll in die 10 Tausende gehen. Heute lagern sie in Museen und privaten Sammlungen. Die Mbano Familie will die Relikte ihres Vorfahren zurück und die Frage ist, was soll mit all den menschlichen Überresten geschehen, die zu Zwecken einer obskuren Rassenuntersuchung eingesammelt wurden? Frank Steinmeier hat im November 2023 bei einem Besuch in Tansania auch die Familie besucht und den Dialog eröffnet.

[Sehenswert*]

 

 

 

HEUTE IST DAS GESTERN VON MORGEN  [Drittes Reich, Zeitzeugen, Erinnerung]

Deutschland, 2024 / 82 Minuten

Die letzten Überlebenden sind 90 Jahre und älter und sie kommen noch immer in die KZ-Gedenkstätte Dachau, um über das zu sprechen, was dort in den Jahren 1933 bis 1945 geschah. Er habe zwar überlebt, sagt einer von ihnen, aber was könne ihn davon befreien, ein ehemaliger KZler zu sein. Die Erlebnisse verfolgen ihn ein Leben lang.

Der Film beobachtet Mitarbeiter und Helfer der Gedenkstätte bei ihrer täglichen Arbeit, die mehr als nur ein Job ist und über die bezahlte Tätigkeit hinaus viel Engagement erfordert.

[Sehenswert*]

 

 

HOLLYWOODGATE  [Afganistan, Taliban]

Deutschland, USA 2023 / 91 Minuten

Nach dem Abzug der Amerikaner 2021 kommen die Taliban nach Kabul. Die Kamera ist dabei, als sie ein CIA Camp am Flughafen erkunden und die zurückgelassene Militärtechnik inspizieren. Der Filmemacher hat sich an General Mawlawi Mansour gehängt, der zum Chef der Airforce bestimmt wurde und nun aus den Überresten von zurückgelassenen Maschinen eine Streitkraft formen soll. Wie die Kinder freuen sich die bärtigen Männer über die neuen moderneren Waffen und immer wieder fragt jemand misstrauisch, was denn die Filmerei soll. Sie gibt einen Einblick in eine anfangs lächerliche Truppe, die dann aber schon nach einem Jahr bei einer Präsentation zur Hochform aufläuft und sich mit vielen flugbereiten Maschinen kaum von anderen Armeen unterscheidet.

[sehenswert***]

 

 

THE ANDERSSON BROTHERS   [Familiengeschichte, Alt werden, Alkohol]

Schweden 2024 / 85 Minuten

Johanna hat einen Film über ihren Vater und dessen drei Brüder Roy, Kjell und Ronny begonnen. Roy ist der älteste, Filmregisseur mit eigenem Studio in Stockholm und weltbekannt. Sie lässt sich aber nicht weiter über seine Filmarbeit aus, an der sie als Requisiteurin einige Jahre mitgewirkt hat, sondern folgt der Familiengeschichte und den unterschiedlichen Lebensläufen der vier Jungen, die unterschiedliche Wege gegangen sind aber alle auch ein Alkoholproblem gehabt haben. Zusammengesetzt aus dokumentarischen Aufnahmen der verschiedenen Jahre, Fotoalben und 8mm Film entsteht eine interessante Lebensgeschichte und die Frage, was bleibt.

[Sehenswert***]

 

 

DANN GEHSTE EBEN NACH PARCHIM – VON DER LEIDENSCHAFT DES JUNGEN

THEATERS  [Liebe zum Theater, Freundschaft, Berufsstart, Langzeitbeobachtung]

Deutschland 2023 / 94 Minuten

Gesa und Arikia besteigen nach der abgeschlossenen Schauspielschule den Regionalzug. Sie kommen aus Hamburg und es hat sie nach Parchim in Mecklenburg Vorpommern in ein ersten Engagement am Landestheater verschlagen. Der Film folgt den beiden Freundinnen und andere Protagonisten des Theaters über einen Zeitraum von zwei Jahren und gibt einen Einblick in die kulturelle Arbeit in der Provinz, die vor allem von der Begeisterung der jungen Macher lebt. Selbstzweifel und private Schicksaale spielen in den beruflichen Alltag hinein und der Lockdown in der Corona Zeit machen es nicht einfacher.

[Sehenswert***]

 

 

JOANA MALLWITZ – MOMENTUM  [Musik, Künstlerportrait]

Deutschland 2024 / 88 Minuten

Man muß Joanna Mallwitz nur ein paar Minuten beim Dirigieren zuschauen und man weiß, daß man es mit einem Ausnahmetalent zu tun hat. Der Film begleitet sie über einen Zeitraum von 4 Jahren, gibt Einblicke hinter das Konzertgeschehen bei Proben und Aufführungen und klammert auch das Private nicht aus, eine Schwangerschaft und die Organisation des Alltags in einer Künstlerpartnerschaft mit Kind. Insoweit ist es ein gewöhnlicher Dokumentarfilm. Besonders wäre der Film geworden, wenn man sie die ganze Zeit gezeigt hätte, wie sie nicht nur dirigiert sondern die Musik mitlebt, eine Perspektive, die man als Konzertbesucher nie einnehmen kann, weil man die Dirigentin immer nur vom Rücken sieht.

[Sehenswert***]

 

DER UNTERNEHMER, DAS DORF UND DIE KÜNSTLER   [Dorfleben, Umweltschutz, Kunstprojekt]

Deutschland 2024 / 97 Minuten

Fliegenretten in Deppendorf. Was wie eine Satire klingt ist ein Kunstprojekt. Der Bielefelder  Unternehmer Reckhaus vertreibt Insektenschutzmittel und bestellt bei den Schweizer Künstlerzwillingen Riklin eine PR Champagne, aus der dann das Gegenteil des Firmenzwecks wird.

Der Film steigt bei der Suche nach einem geeigneten Dorf ein und wir werden Schritt für Schritt Zeuge, wie das Trio ihre Idee der Dorfgemeinschaft unterbreitet und dann gemeinschaftlich mit den Deppendorfern umsetzt. Diese haben ein Event im Dorf und man merkt, wie sich ihre Einstellung gegenüber Insekten ändert. Als Zuschauer ist man gegenüber der Geschichte genau so verunsichert wie die Dorfbewohner, immer auf der Suche nach einem eindeutigen Standpunkt, den es Letztendlich nicht gibt. Angetan von diesem Projekt hat der Unternehmer die Idee weiterentwickelt und insect-respect.org ins Leben gerufen.

[Sehenswert****]

 

I’M NOT EVERYTHING I WANT TO BE  [Fotografie, Künster-Autobiographie, Fotofilm]

Tschechische Republik, Slowakei, Österreich 2024 /89 Minuten

Libuse hat schon als 16 jährige Teenagerin mit dem Fotografieren im Prag der 1968er Jahre begonnen und auch wenn vieles im Leben schief gelaufen ist, das Fotografieren konsequent beibehalten. Immer wieder ist sie selbst Objekt ihrer Bilder und die Fotografie ist ein Mittel der Selbsterkundung. „Ich werde nie aufhören zu fragen, wer ich bin.“ Der Film ist nur aus Fotos zusammengestellt, vorwiegend sind es Schwarz/Weiß Bilder, viele grobkörnig, eigenwillig kardriert und oft verwischt und unscharf. Es gibt kein Bewegtbild. Die Kommentare werden auf Basis von Tagebuchaufzeichnungen eingesprochen und wir verfolgen die Protagonistin von den Jugendjahren über einen Aufenthalt in Tokyo, ein paar Jahre in Berlin bis zurück in die Heimat nach Prag. 2019 wurde Libuse Jarcovjakova mit einer Ausstellung  in Arles geehrt.

[Sehenswert****]

 

 

WHERE WE USED TO SLEEP   [Umweltkatastrophe, Umsiedlung, Rumänien]

Deutschland 2024 / 82 Minuten

Eine alte Frau stapft über eine Schotterfläche zum Rand eines Riesenkraters. Im Rumänien der 70er Jahre wurde hier Kupfer im großen Stil abgebaut und ließ das Loch mit mehr einem Kilometer Durchmesser entstehen.  Valeria Prata lebt allein mit Kuh und Hund auf ihrem Hof in der Nähe des Kraters in einer wunderschönen idyllischen Mittelgebirgs Landschaft, bis sich die Cinemascope Bilder in Talrichtung öffnen und man in dieser Richtung immer mehr von einem See sieht. In der Mitte ragt noch die Kirchturmspitze aus dem Wasser. Es ist keine Talsperre sondern ein Absetzbecken und Schlammteich der ehemaligen Kupfermine, der gefüllt mit den chemischen und anderen Bergbaurückständen stetig steigt und auch dem Haus von Valeria immer näher kommt. Breitformatige, romantisierende Bilder mit Sphärenmusik und dem Anspruch auf große Oper begleiten ein alltägliches individuelles Drama in einer gigantischen Umweltkatastrophe.

[Sehenswert***]

 

DIE GUTEN JAHRE  [Demenz, Alter, Photographie, Intimität]

Österreich 2023 / 94 Minunten

Eine Vorstadt in der Nähe von Wien. Ein VW Bus rollt vor einen Flachbau. Eine Gruppe von Mittfünfzigern kommt mit Umzugskartons ins Blickfeld. Sie laden aus: große in Bläschenfolie gewickelte Bilder, eine Waschmaschine, ein Bett. Michi kehrt heim zur Mutter und zieht wieder in sein altes Zimmer, an den Wänden noch Plakate von Stars und dem Film Apokalypse Now. Er kümmert sich aufopfernd um seine Mutter, der langsam durch Demenz die Kontrolle entgleitet. Dabei ist er selbst angeschlagen, ringt manchmal um Atem und hat am Körper deutlich sichtbare Operationsnarben.  Erst langsam erfährt man von seinem Vorleben als Fotograf und sieht Bilder, wenn er sie vereinzelte im Heizungskeller von den Folien befreit. Schonungslos gegen sich selbst breitet Michael Appelt ganz gegen den Selbstopitimierungstrend der Social Media sein Leben und seine Verletzlichkeit vor der Kamera aus.

[Sehenswert****]

 

ARCHIV DER ZUKUNFT  [Museum, Naturwissenschaft]

Österreich 2023 / 92 Minuten

Sammeln ist die Grundlage wissenschaftlicher Forschung. 30 Millionen Objekte sind im Naturhistorischen Museum in Wien zusammengetragen. Der Film gibt in ruhigen beobachtenden Bildern einen Einblick in Sammlungstätigkeit und die wissenschaftliche Grundlagen-Forschung des Museums und immer wieder wird deutlich, daß die Schätze des Museums auch Erkenntnisse für die Zukunft hergeben.

[Sehenswert**]

 

OZOGOCHE   [Fremde Länder, Familienleben]

Ecuador, Belgien 2023 / 77 Minuten

Eine Hand streift durch Vogelfedern, auf dem Gasherd stehen Töpfe und ein junges Mädchen in typischer Südamerikanischer Kleidung kocht in einem karg eingerichteten Raum. Wir lernen in ruhigen Bildern eine Familie kennen, zwei Kinder mit ihrer Mutter und den Großvater, die zusammen in einer kargen Mittelgebirgslandschaft ein bescheidenes bäuerliches Leben führen. Sie leben im Sangay Nationalpark in Ecuador in der Nähe des Ozogoche Sees. Die Gespräche drehen sich um die Väter, die in die Fremde gegangen sind, um Geld für die Familien zu verdienen und Alte und Familie zurückgelassen haben. Anfang Herbst kommen die Regenpfeifervögel aus dem Norden und viele davon stürzen sich plötzlich über dem See ins eisige Wasser und sterben. Einer davon landet im Kochtopf der Familie.

[Sehenswert**]

 

 

Fotos: HA Lusznat,  alle Filmstills kommen von der Presseabteilung des DOK.fest München